Internet-Ruinen

Blog (Standard, nicht viral)

So, wie es immer wieder mal Computer-Visionäre gibt, die sich ziemlich konstant mit den positiven Vorhersagen zu den Auswirkungen der Digitalisierung verschätzen (vgl. meinen Blog-Eintrag Das Gehirnwerkzeug), gibt es regelmäßig auch Kultur-Visionäre, die mit ihren Einschätzungen zur künstlerischen „Befreiung“ falsch liegen. Immer wenn kulturelle Produktionsmittel demokratisiert werden, wenn es also Hinz und Kunz und Lieschen Müller möglich wird, ganz alleine Bilder, Filme, Musik, Häuser oder was auch immer zu gestalten, wird garantiert (mindestens) ein Visionär vorstellig, der erklärt, wie sich durch diese allgemeine Zugänglichkeit verborgenes, unterdrücktes Genie endlich Bahn brechen kann, ein klassisches Beispiel hierfür ist die Aussage des Regisseurs F.F. Coppola zum „little fat girl in Ohio“, das sich die Videokamera ihres Vaters schnappt und zum Mozart des Films wird (im Internet zu finden unter Francis Ford Coppola on the Future of Film). So schön diese Vision ist, so unzutreffend ist sie leider auch. Keine technische Entwicklung hat einen Genialitätsschub verursacht, für echte Genies ist es (wenn auch aus unterschiedlichen Gründen) wohl immer gleich schwer ihr Talent auszuleben oder gar Erfolg damit zu haben.

Was die Visionäre aber so gut wie nie vorhersagen, ist die unweigerlich eintretende massenhafte Entstehung von mittelmäßig bis schlechter Kultur als Folge von verfügbaren Kultur- und Medientechniken. Wenn jedermann Fotos machen kann, werden daraus 99 % belanglose Schnappschüsse, wenn jeder (Video)Filme machen kann, erwächst daraus kein Mozart sondern Berge von schrecklichen Urlaubsvideos, wenn jeder die Möglichkeit hat sein Haus zu gestalten, kommt es zu dem, was Dieter Wieland gerne kritisiert, wenn jeder eine Orgel im Wohnzimmer haben kann, resultieren daraus nicht viele neue J.S. Bachs, sondern schummrige Dr. Schiwago-Melodien. Ein Thema, wo sich Computer- und Kultur-Visionäre treffen (und gemeinsam falsch liegen), ist das Internet.

Was mit dem Desktop-Publishing seinen Anfang genommen hat, findet im Internet seine Vollendung, endlich kann jedermann ohne große Umstände zum Herausgeber und Verleger (eigener wie fremder Inhalte) und zum Betreiber eines (potentiell massenwirksamen) Mediums werden. Wunderbare Visionen zeichneten sich da schnell ab: Nie wieder unterdrückte und verkannte Informationen und Inhalte, nie wieder Talent, das an einem hermetischen „Betrieb“ scheitert, nie wieder Abhängigkeit vom Urteil ignoranter Bestimmer und Auswähler, endlich die Freiheit zur kulturellen Entfaltung. Was aus dieser Vision wurde, können Sie jeden Tag im Internet besichtigen.

Gute, unbe- bzw. unerkannte Kultur mag nun frei zugänglich sein, nur ist sie in dem unvermeidlichen Berg von Profanem und Schlechten nun schwer zu finden. Sicher gehen hin und wieder auch mal gute Inhalte viral, in der Regel sind es aber die niveauarmen, die Erfolg haben.
Die Annahme, dass der freie Zugang zu einer Kulturtechnik oder einem Medium großflächig Talent (oder gar Genie) freisetzt, ist leider grundfalsch, das konnten Ihnen schon lange vor dem Internet alle Lektoren bestätigen, die mit Stapeln von unaufgefordert zugesandten, qualitativ schlechten Manuskripten zu kämpfen hatten.

Im Internet hat dieses nicht eingelöste Versprechen viele Gesichter, das augenfälligste ist die Gestaltung einer Homepage. Gerade im ersten Internet-Boom ab Mitte der 1990-Jahre, als jeder meinte, er müsse auch an diesem neuen Wunderding teilhaben, gab es horrible Beispiele für die visuelle Gestaltung von Internetseiten. Acht Schriftarten in fünf Farben und neun Schriftgrößen, chaotische Anordnungen, hässliche, nervtötende Animationen und zusammengeklaubte Bilder ergeben ein grausames Ganzes, das bestenfalls als eigene Kategorie Internet-Trash Spaß macht. Solcher Wahnsinn stirbt langsam aus (sollte man die bestehenden Beispiele vielleicht schützen?), heute werden Homepages und Soziale Medien über CMS gepflegt, die mit beschränkt variierbaren Vorlagen die schlimmsten Entgleisungen verhindern.

Was kein CMS verhindern kann sind mangelhafte Inhalte. Ich rede dabei nicht von den gezielt „schlechten“ Inhalten, also von Hass, Hetze und Obszönität. Ich rede von gutmeinenden Menschen, die begeistert die Möglichkeiten eines neuen Mediums nutzen wollen und nun Inhalte brauchen. Da zeigt sich plötzlich, dass das, was z.B. in Zeitungen und Zeitschriften so selbstverständlich und einfach erscheint, gar nicht so leicht ist. Was ist wichtig und interessant und was nicht? Wie strukturiert man Inhalte? Wie präsentiert man Inhalte? Fragen mit denen sich üblicherweise (hochspezialisierte) Fachmänner beschäftigen und die nun vom unbedarften Durchschnitts-User bewältigt werden müssen.

Die größte Hürde bleibt aber die Produktion von (in erster Linie schriftlichem) Inhalt. So verführerisch ist die Vorstellung vom unkomplizierten Sender in die Welt, durch den man Wichtiges, Schönes, Interessantes verschickt und positive Resonanz zurück erhält. So schwer ist es für viele, diesen Sender wirklich zu betreiben, das Ergebnis ist das, was ich als Internet-Ruinen bezeichne, wobei die wenigsten dieser Ruinen einst in voller Pracht standen und nun heruntergekommen sind, die meisten sind Rohbau-Ruinen.

Wer zählt die Homepages, Blogs, Twitter- und Facebook-Accounts, die gestartet und nach fünf oder zehn Einträgen wieder aufgegeben wurden? Warum löscht man so etwas nicht wieder? Ist das keinem peinlich, wenn auf der eigenen Homepage eine News-Seite (oder ein angeschlossener Blog) verspricht „Hier halten wir Sie über unsere Aktivitäten auf dem Laufenden“ und dann folgen zwei Einträge, beide vom Februar 2013? Ist es wirklich klug, einen Besucherzähler auf der Startseite anzuzeigen, wenn damit der Besuch weniger Dutzend Personen in den letzten zehn Jahren dokumentiert wird? Warum stampft keiner seinen Blog, den er ein paar Monate mit rapide nachlassender Begeisterung betrieben hat und der nun seit Jahren nicht mehr betreut und wahrgenommen wird, wieder ein?
Wenn ich solche Blogs sehe, denke ich unweigerlich „Ist dir nach einem halben Jahr schon nichts mehr eingefallen oder war es dir zu anstrengend oder warst du frustriert, nach 20 Einträgen noch kein gefeierter Internetstar zu sein?“ Ich meine das nicht unbedingt hämisch aber wer kann sich schon davon frei machen, diejenigen, die mit großer Emphase eine Aufgabe angehen, um sie bereits wenige Meter hinter der Startlinie wieder aufzugeben, als jämmerlich zu betrachten (was natürlich oft ungerecht ist, da es durchaus gute Gründe geben kann, ein Projekt wieder zu stoppen bzw. stoppen zu müssen).

Einen nicht unerheblichen Anteil an diesem Elend haben meiner Ansicht nach die Profis, die Laien bei ihrem Weg ins Internet und in die Sozialen Medien begleiten. Bekäme ich immer dann einen Euro, wenn irgendeinem User erklärt wird „Auf ihrer/ihrem Homepage/Blog/Twitter/Facebook muss was passiere, da muss Leben drin sein, damit er wahrgenommen wird“, dann könnte ich mir endlich einen Bugatti Royale kaufen. Den Profis glaubt man natürlich und schon sieht sich der unbedarfte Anwender, der seinen kleinen Laden oder einen Verein oder ein Special Interest Thema präsentieren will dazu genötigt, laufend neue Internetinhalte zu produzieren, woran viele dann zwangsläufig scheitern und schon steht die nächste Internet-Ruine.

Im Gegensatz zu Rohbau-Ruinen sind Internet-Ruinen kein echtes Problem, das Internet wird dadurch nicht verschandelt wie eine grüne Wiese. Um den Leuten die ungute Erfahrung des Scheiterns zu ersparen sollte man aber ehrlich darauf hinweisen, dass das Internet eben kein Wunderland ist, in dem jedem unweigerlich künstlerische, journalistisch und intellektuelle Fähigkeiten erwachsen und in dem sich zwangsläufig Erfolg einstellt.
Und eine Sache muss man auch einmal mit aller Ausdrücklichkeit feststellen: Nicht stündlich oder täglich oder wöchentlich oder überhaupt irgendwelche Nachrichten, Meinungen oder sonstige Inhalte im Internet zu veröffentlichen ist (und bleibt) vollkommen normal.


The End of President T.

Essential Trump

Im August letzten Jahres habe ich den Wahlkampf von D.J. Trump zum Anlass genommen, um unter dem Titel Ausgleichende Genugtuungsrache über ein weit verbreitetes Phänomen nachzudenken. Dieses Phänomen tritt überall dort auf, wo man sich wünscht, dass ein ungeliebter Mensch für sein Fehlverhalten die Quittung bekommt. Geradezu genüsslich freuen wir uns über Nachrichten, die eine baldige Ausstellung einer solchen „Quittung“ in Aussicht stellen, leider bleiben die meisten dieser Situationen folgenlos, so schrieb ich im genannten Blog-Eintrag über den Wahlkampf von D.J. Trump:

„Auf die Vollendung dieser Rache (so nenne ich es mangels besserem Begriff weiter) musste man bisher verzichten, weil eben keines dieser Ereignisse tatsächlich zu Trumps Sturz führte und ich wage die Prognose, dass dies bis zur Wahl so bleiben wird, man also noch oft eine „Aber jetzt…“-Situation haben wird, die dann doch wieder nicht die gewünschte Wirkung und damit Erfüllung (der Rachegelüste) bringt. Bleibt die Hoffnung auf den Wahltag, dass Trump durch ein katastrophales Ergebnis seine „Quittung“ bekommt, verlassen sollte man sich darauf aber nicht, im Zweifelsfall geht das Spiel nahtlos weiter und es heißt dann „Aber jetzt muss er zurücktreten bzw. seines Amtes enthoben werden!“

Der Zweifelsfall ist bekanntlich eingetreten und tatsächlich verfallen seit Anfang des Jahres Millionen von Menschen immer dann in vorfreudige Anspannung, wenn die Medien vom möglichen Anfang des Endes der Präsidentschaft Trumps berichten. Trotz zahlreicher solcher Meldungen in den letzten Monaten wurde keine diesbezügliche Genugtuungsrache eingelöst, momentan sind die Trump-Gegner aber (wieder einmal) besonders zuversichtlich, die Berichte über Sonderermittler, Strafanzeigen, Russlandaffäre und Untersuchungsausschuss verleiten zu einem besonders heftigen „Aber jetzt ist es vorbei!“. Ich bleibe diesbezüglich misstrauisch und würde keineswegs darauf wetten, dass jetzt der erhoffte Moment gekommen ist, zu viele Erfahrungen (die schon in den oben genannten Blog-Eintrag eingeflossen sind) sprechen dagegen.

Wann aber ist es dann so weit, wann wird die Präsidentschaft von D.J. Trump wirklich enden?
Über das Problem der präzisen Prognosen habe ich schon öfter in diesem Blog nachgedacht (etwa hier oder hier), verlässlich vorhersagen kann man ganz wenig, trotzdem haben die Menschen einen Heidenspaß am Blick in die ungewisse Zukunft, weshalb täglich millionenfach irgendwelche Wetten auf kommende Ereignisse abgeschlossen werden. Bei dem Spaß mache ich gerne mit, weshalb ich im Folgenden nach bestem Wissen und Gewissen Vermutungen darüber aufstelle, unter welchen Umständen die Präsidentschaft Trumps enden wird. Zusätzlich zu schätzen wann dies der Fall sein wird, ist mir zu viel der Herausforderung, ich belasse es dabei, fünf Obergruppen mit einer Wahrscheinlichkeit zu beziffern, zusammengezählt ergeben diese fünf Wahrscheinlichkeiten 100 Prozent und damit die Gewissheit, dass die Präsidentschaft Trumps irgendwann ein Ende haben wird.

Option 1: Reguläres Ende der Präsidentschaft – Wahrscheinlichkeit 50 %
Auch wenn Sie das für total unmöglich halten, sind die Chancen nicht schlecht, dass Trump sein Amt regulär zu Ende bringt, wobei Teil dieser Option auch das Ende der Präsidentschaft nach einer zweiten Amtszeit ist. Eine Wiederwahl mag vielen als jenseits jeder Vorstellung erscheinen, das war aber bei der ersten Wahl auch schon so.
Die Chancen für ein reguläres Ende der Amtszeit steigen übrigens mit dem Ausbruch von kriegerischen Konflikten, die Amerikaner wechseln nur sehr ungern während einer solchen Krise ihren Commander-in-Chief, unabhängig davon, wie gut der ist.

Option 2: Abdanken – Wahrscheinlichkeit 40 %
Historisch gesehen ist diese Option eigentlich sehr unwahrscheinlich, in der Geschichte Amerikas gab es bisher nur einen Präsidenten, der sie wählte, nämlich Richard „Tricky Dick“ Nixon. Dieser Fall weist aber darauf hin, weshalb diese Option im Fall Trump ziemlich wahrscheinlich ist. Nixon kam mit seinem Rücktritt einem Amtsenthebungsverfahren zuvor, es ist zu vermuten, dass Trump dies auch machen würde, wenn die Vorwürfe gegen ihn zu massiv würden.
Weitere Gründe für eine Abdankung sind auch denkbar, etwa dass Trump schlicht einfach keine Lust mehr hat, dass er (von wem auch immer) dazu gedrängt wird oder aus gesundheitlichen Gründen (die mit großer Wahrscheinlichkeit in jedem Fall als Begründung für einen Rücktritt herhalten müssten).
Während früher der Rücktritt des Präsidenten praktisch undenkbar gewesen ist, hat sich diesbezüglich vieles entspannt. Papst Benedikt hat es gemacht, Gorbatschow und Jelzin haben es gemacht, Horst Köhler hat es gemacht, der Kaiser von Japan wird es bald machen, für Verantwortliche auf der ganzen Welt ist ein Rücktritt heute keine Schmach oder Niederlage mehr, sondern normaler Ausgang aus einem extremen Job. Die unkonventionelle Art Trumps bedenkend, ist diese Option also durchaus wahrscheinlich.

Option 3: Ableben – Wahrscheinlichkeit 6 %
Ich wünsche D.J. Trump ein langes und gesundes Leben, aber die Option muss man leider auch in Erwägung ziehen. Acht US-Präsidenten sind während ihrer Amtszeit gestorben, vier davon wurden ermordet.
Krankheit ist wohl die wahrscheinlichste Ursache dieser Option. Trump ist 71 Jahre alt und etwas übergewichtig, er hat einen extrem stressigen Job und neigt zu Wutausbrüchen, also viele Risikofaktoren (hinzu kommen möglicherweise schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, Konsum von Genussmitteln, etc.). Aber auch sonst kennt der Tod keinen Unterschied, Krebs und andere Krankheiten machen auch vor Präsidenten nicht halt.
Bisher starb noch kein US-Präsident bei einem Unfall, aber auch das ist möglich, vom profanen Sturz von einer Treppe bis zum Flugzeugunglück kann vieles passieren.
Ein gewaltsamer Tod muss nicht notwendigerweise ein Attentat oder Terror sein, ein „klassischer“ Mord kann auch vorkommen.
Schließlich noch Selbstmord, wobei man hier nicht notwendigerweise eine extreme Exitstrategie annehmen muss, oft ist Selbstmord die Folge einer Erkrankung (wie Depression).

Option 4: Erfolgreiche Amtsenthebung – Wahrscheinlichkeit 3 %
In der US-Geschichte wurden nur zwei Amtsenthebungsverfahren tatsächlich durchgeführt (eines bei Bill Clinton), keines war erfolgreich. Nur zwei weitere Verfahren wurden angestrebt, dem einen davon entzog sich Richard Nixon durch vorherige Abdankung.
Ein erfolgreiches Impeachment ist generell sehr unwahrscheinlich, wie erläutert ist bei der Gefahr, dass es tatsächlich klappen könnte, davon auszugehen, dass Trump die Nixon-Option wählt. Dass ich überhaupt eine (wenn auch geringe) Wahrscheinlichkeit für ein erfolgreiches Amtsenthebungsverfahren sehe, liegt am Charakter Trumps. Es kann durchaus sein, dass er sich in einer Mischung aus Trotz, Selbstüberschätzung und alternativer Weltsicht so in die Sache verrennt, dass er vom Scheitern eines Verfahrens überzeugt wäre und es deshalb durchzieht.

Option 5: Sonstiges – Wahrscheinlichkeit 1 %
Was könnte das nach den aufgezählten Optionen sein, was bleibt da noch übrig?
Zumindest keine wahrscheinliche Option, aber manchmal passieren auch unwahrscheinliche Dinge, gerade im Zusammenhang mit D.J. Trump sollte man immer mit allem rechnen. Im Folgenden einige theoretische Möglichkeiten, über deren Ernsthaftigkeit und Wahrscheinlichkeit Sie bitte selber entscheiden:
– Weltuntergang (z.B. bedingt durch Klimaveränderung)
– die USA hören auf in der bisherigen Form zu existieren (Krieg mit anderen Ländern oder Bürgerkrieg)
– Trump verschwindet spurlos
– ein neu eingeführtes oder in alten Büchern wiederentdecktes Gesetz („Lex Trump“) erlaubt es, einen Präsidenten wegen totaler Unfähigkeit aus dem Amt zu jagen
– es wird die Unmündigkeit Trumps festgestellt
– Trump errichtet eine Diktatur
– Trump tauscht sein Amt mit dem Vize-Präsident
– es stellt sich heraus, dass Trump aus formalen Gründen nie gewählt hätte werden dürfen (da er z.B. gebürtiger Kanadier ist)

Das Vorstehende überblickend erkennen Sie, dass ich mit einer sehr geringen Wahrscheinlichkeit davon ausgehe, dass sich der weit verbreitete Wunsch nach ausgleichender Genugtuungsrache erfüllen wird. Da das tatsächliche Ende vermutlich sehr unspektakulär und wenig „befriedigend“ sein wird, erfreuen Sie sich besser jetzt an all den Meldungen und Kommentaren, die Trumps schmachvollen Untergang beschreiben.


Weinbegleitung

Zu Freunden passt ein leichter Weißwein

Das Thema Wein ist ein sehr komplexes, ambivalentes, vielfältiges. Man kann Weinkonsum als Hobby, Leidenschaft, Lebenszweck oder Religionsersatz betreiben, man kann Wein aber auch als schlichtes Grundnahrungs-, Genuss- oder Suchtmittel erachten und als solches behandeln. Zwischen diesen Extremen gibt es endlose Abstufungen, Überschneidungen und Kombinationen, ein typisches Beispiel für das so entstehende Durcheinander ist etwa der Teilaspekt der Weinempfehlung bzw. -begleitung.

Schon historisch betrachtet ist die Beschäftigung damit, welchen Wein man zu welchem Essen bzw. zu welcher Gelegenheit trinkt, sehr uneinheitlich. Die Regel war früher wohl (bedingt durch das eingeschränkte Angebot), dass es einen Wein gab, so wie es ein Bier oder ein Wasser gab. Die Frage, ob zum Essen XY ein bestimmter / anderer Wein besser passen könnte, stellte sich damals gar nicht. Dort, wo es ein reichhaltigeres Angebot gab (z.B. in Weinbauregionen, in Handelszentren oder Städten), konnte man variieren, wobei diese Kombinationsmöglichkeiten schnell durch kulinarische Standards kanalisiert wurden (zum Essen X immer den Wein Y, den Wein Q nur zum Essen Z). Heute ist das Angebot (sowohl den Wein wie das Essen betreffend) schier grenzenlos, wer kann dabei den Überblick bewahren und ist das überhaupt notwendig? War und ist es wirklich sinnvoll, bestimmte Weine zu bestimmten Gerichten zu trinken oder ist das letztlich eine unnütze Spielerei?

Auch wenn verschiedene Lager gerne eindeutige Antworten auf diese Frage geben, gibt es keine verbindliche Aussage dazu. Unzweifelhaft ist, dass es Kombinationen von Wein und Essen gibt, die so großartig sind, dass sie selbst der kulinarische Laie erkennt. Unzweifelhaft ist auch, dass es Kombinationen gibt, die selbst der Laie als schrecklich empfindet. Zwischen diesen beiden (eher seltenen) Extremen gibt es einen sehr großen Graubereich, in dem verwirrende Faktoren wie persönlicher und allgemeiner Geschmack, kulinarische Traditionen und Konventionen sowie zahllose Verkostungsparameter hineinspielen.

Geht man die Sache sehr streng an, ist es praktisch unmöglich, den perfekt passenden Wein zum Essen zu finden. Dazu muss man wissen welches Gericht wie zubereitet wird (welche Grundzutaten, welche Gewürze, etc.) und welcher Wein zu welchen Bedingungen (wie alt, welche Gläser, welche Temperatur, etc.) zur Wahl steht. Eine Aussage wie „Zum Lachs passt ein Grüner Veltliner“ ist eigentlich totaler Wahnsinn, da es zahllose Möglichkeiten gibt einen Lachs zuzubereiten, es zahllose verschiedene Grüne Veltliner gibt, von denen sich jeder (abhängig von den Umständen) mannigfach präsentieren kann. Also ist das Getue um die Weinbegleitung Quatsch?

Nicht unbedingt. Denn so wie z.B. pauschale Aussagen über die Eigenheiten von Männern und Frauen zwar nicht auf jeden einzelnen genau zutreffen, statistisch gesehen aber eine korrekte, nützliche Information liefern, so ist auch eine pauschale Empfehlung wie Veltliner zum Lachs im Einzelfall zwar manchmal falsch, insgesamt gesehen aber überwiegend richtig.
Aber wie kann eine so pauschale Aussage überwiegend richtig sein, wenn (wie oben gezeigt) so viele, so komplexe und variable Faktoren hineinspielen?
Das geht nur, weil es unterschiedliche Stufen des Zusammenpassens gibt.

Zwischen den relativ kleinen Polen „Die Kombination ist genial“ und „Die Kombination ist katastrophal“ gibt es eben sehr große Bereiche, in denen es mehr oder minder passt. Selbst mit einem einzigen „Stammwein“ kommen manche Weintrinker gut durchs Leben, so wie viele andere mit ihrem Bier, ihrem Wasser, ihrer Cola, ihrem Saft oder was auch immer zufrieden sind und nie danach fragen, ob es essensabhängig ein besser passendes Bier, Wasser, etc. gäbe (wobei es seit einigen Jahren zunehmend Bestrebungen gibt, auch andere Getränkearten in die komplexe Vielfältigkeit des Weins zu überführen, ein Ausfluss davon ist etwa die Inflation von Sommelier-Arten (Bier-, Wasser-, Whisky-Sommelier)).

Also ist das Getue um die Weinbegleitung doch Quatsch, weil (zum Glück) die Wahrscheinlichkeit für schwere Fehlgriffe sehr gering ist (wie leider auch die Wahrscheinlichkeit für eine besonders gute Kombination sehr gering ist)? Theoretisch ja, praktisch ist es aber Wein. Wein hat nun einmal eine (Kultur)Geschichte mit Traditionen und Ritualen, von denen sich zahlreiche (ambitionierte wie oberflächliche) Weintrinker nur schwer lösen können. Für viele sind z.B. Alternativen zum Kork wie Kronkorken oder Schraubverschlüsse immer noch ein No-Go, viele hegen unbeirrbar althergebrachte Geschmacksklischees (Rieslinge sind süß, Bordeaux sind schwere Weine, etc.), vielen sind Regeln wie „Weißer Wein zu weißem Fleisch und roter Wein zu rotem Fleisch“ geradezu sakrosankt. Ich habe in diesem Blog schon mehrfach darauf hingewiesen, dass das Gehirn das größte, wichtigste Geschmacksorgan ist (vgl. etwa diesen Blog-Eintrag), wenn also eine Weinbegleitung im Kopf nicht funktioniert, wird sie am Gaumen ziemlich sicher scheitern.

In diesem fürchterlichen Durcheinander bewegen sich nun Produzenten, Berater und Konsumenten und versuchen sich zu orientieren. Im gehobenen Bereich ist das nur bedingt ein Problem, teure Weine werden im Rahmen einer „Subkultur“ verkauft, in der Spezialisten (im Lokal, im Fachgeschäft, in Fachmedien) entsprechende Ratschläge geben. Zudem haben die Konsumenten oft selber die Kompetenz (bzw. sie glauben zumindest sie zu haben), um diesbezüglich Entscheidungen zu treffen. Bei diesen Weinen ist es nicht notwendig, auf der Flasche zu vermerken, wozu der Wein passt.

Bei einfachen, günstigen Weinen ist das anders. Im Supermarkt brauchen Sie keinen Angestellten fragen, ob der Wein für 3,99 Euro besser zu Spaghetti oder zum Schnitzel passt, in Büchern oder Zeitschriften werden Sie die Info auch nicht finden.
Der Weinproduzent steht nun vor der schwierigen Entscheidung, eine entsprechende Empfehlung auf seiner Flasche anzubringen oder nicht und wenn ja, wie. Schreibt er nichts drauf, kann er nicht falsch liegen und verschreckt keine Kunden, weil die etwas anderes suchen. Der Nachteil ist, dass der Kunde unsicher ist und im Zweifelsfall zum Konkurrenzprodukt greift, welches ihm die wohlige Sicherheit der schriftlichen Bestätigung „Dieser Wein passt (zu…)“ gibt.
Schreibt der Produzent eine Empfehlung drauf, besteht wiederum die Gefahr, dass eine ausgesprochene Kombination nicht passt oder dass der Kunde zu einem anderen Wein greift, wenn sein Essenswunsch nicht aufgeführt ist. Man hat es also mit einer klassischen win-lose-Situation zu tun, wie man es macht, macht man es falsch und gleichzeitig richtig.

In der Regel versuchen sich die betroffenen Winzer durch sehr allgemein gehaltene Aussagen zu behelfen, so heißt es dann etwa auf der Flasche „Dieser Wein passt zu Fleischgerichten, Käse und würzigen Snacks“, das deckt schon mal ein weites Spektrum ab.
Ein kluger Kopf hatte irgendwann die vollkommen richtige Überlegung, dass Wein ja nicht nur zum Essen getrunken wird, weshalb dem Hinweis auf passende Gerichte der Zusatz „… und in geselliger Runde“ angehängt wurde. Die Eignung zur lustigen, unkomplizierten Zecherei war damit ausgestellt, ein guter Grund, den Wein zu kaufen.

Ein ganz kluger Kopf hat nun das auf seinen Wein gedruckt, was oben abgebildet ist und was eine Steigerung des „… und in geselliger Runde“ darstellt. Sein Wein „passt sehr gut zu leichten Gerichten und schmeckt am Besten in netter Gesellschaft.“
Allgemein bekannt ist der Urlaubsweineffekt. Man hat im Urlaub eine schöne, entspannte Zeit, die Sonne scheint, man isst gut, dazu gibt es diesen tollen (einheimischen) Wein, meist gar nicht teuer. Weil er gar so gut schmeckt, kauft man vor der Abreise ein paar Kartons davon und stellt dann überrascht fest, dass er in der eigenen Wohnung, an einem grauen Oktobertag nach stressiger Arbeit, gar nicht mehr so toll schmeckt. Was ist da los? Wurde man betrogen? Wurde einem was anderes verkauft als das, was im Urlaub so viel Freude bereitet hat? Nein, der Wein ist der gleiche, nur das Umfeld ist ein anderes und einmal mehr hat das Geschmacksorgan Gehirn seine Finger im Spiel.
Mit einer netten Gesellschaft ist es genauso. Umgeben von netten Menschen macht so ziemlich alles mehr Spaß, als allein im stillen Kämmerlein (große Ausnahme ist Sex). Ob der Wein in netter Gesellschaft am besten schmeckt, wage ich zu bezweifeln (regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich Superlativen sehr misstrauisch gegenüber stehe), mit der darin steckenden Behauptung, dass er in netter Gesellschaft besser schmeckt, hat der clevere Weinproduzent aber vermutlich Recht. Würde man einen korrekten Blindtest veranstalten und 1000 Personen den besagten Wein erst ganz alleine, zusammen mit einem perfekt darauf abgestimmten Essen probieren lassen und dann denselben Leuten, denselben Wein ohne Essen aber in netter Runde vorsetzen, würden sie ihn mit großer Wahrscheinlichkeit im geselligen Umfeld als besser empfinden.

Reklamationen zum Geschmack des Weines baut der Produzent mit diesem Satz auch vor. Wer den Wein alleine oder in unguter Gesellschaft trinkt, kennt noch nicht sein wahres Potential. Wer ihn in netter Gesellschaft als schlecht empfunden hat, muss sich die Frage stellen (lassen), ob die Gesellschaft wirklich „nett“ genug war (auf die Diskussion wird sich der Weinproduzent natürlich nie einlassen, lustig finde ich es trotzdem, mir ein derartiges Beschwerdetelefonat vorzustellen).

Für die Weinwelt sehe ich durch das aufgezeigte Beispiel zwei Perspektiven:
Zum einen die geschickte Verknüpfung des Weingeschmacks mit anderen positiven Momenten, also zum Beispiel „Dieser Wein passt zu Fisch und mildem Käse und schmeckt am besten zur Feier eines Millionengewinns / beim Sex mit ihrem Traumpartner / bei Ihrer Hochzeit.“
Zum anderen die Erweiterung der Weinempfehlung auf menschliche Weinbegleiter, also der Hinweis, welcher Wein zu welchen sozialen Kontakten passt. So könnte / sollte man etwa lesen „Dieser Wein passt zu Geflügel, asiatischen Gerichten und zwangslosen Unterredungen mit Nachbarn oder Vereinskollegen“ oder „Dieser Wein passt zu Rind- und Lammfleisch und im Kreis von älteren, geschäftlich erfolgreichen Männern.“
Schön ist dabei die Vorstellung, wie zukünftig die Reklamation im Lokal „Herr Ober, der Wein schmeckt total belanglos!“ vom Kellner / Sommelier gelassen mit „Der Wein ist vollkommen in Ordnung, der fade Eindruck ergibt sich aus der Kombination mit Ihrer Tischgesellschaft“ beantwortet wird.


Wirtshausschutz

Modernes Wirtshausidyll

Gibt es eigentlich ein Verzeichnis darüber, was wir alles schützen und pflegen? Beginnend bei Überbegriffen wie Natur-, Denkmal-, Landschaftsschutz, Traditionspflege oder Wahrung des Kulturerbes und endend bei Mikro-Schutzbereichen wie einzelnen Tierarten, bestimmten Gebäudetypen oder ganz speziellen künstlerischen Werken, präsentiert sich ein extrem breites Spektrum dessen, was wir (bzw. manche von uns) versuchen zu schützen, zu erhalten und vor dem Untergang bzw. dem Vergessen zu bewahren. Grundsätzlich sind die Menschen diesen Schutzbestrebungen gegenüber positiv eingestellt, mit zwei Ausnahmen:

  1. Wenn man von einer Schutzmaßnahme selber in unangenehmer bzw. unpraktischer Weise eingeschränkt wird (man kann wegen Denkmal- oder Naturschutz nicht so bauen wie man gerne möchte; ein schützenswertes Tier – z.B. ein Bieber oder ein Marder – verursacht einem Schäden und Arbeit, etc.).
  2. Ein als schützenswert klassifiziertes Objekt erscheint uns so gar nicht schützenswert (hässliche Betonbauten aus den 70er Jahren; unscheinbare, kleine Amphibien; profane Alltagsgegenstände oder Kulturprodukte der jüngsten Geschichte, etc.).

Eine Verschärfung der zweiten Kategorie sind die Objekte, die manche erhalten wollen, während andere sie gerne vom Erboden tilgen möchte (Tier und Pflanzen, die man als Schädling bzw. Unkraut betrachtet; kulturelle Produkte, die man als anstößig, minderwertig, schädlich empfindet, etc.). Während der Durchschnittsbürger froh wäre, von solchen Objekten fortan nicht mehr belästigt zu werden, erkennt der Schutzfachmann, dass auch unangenehme Aspekte zu unserem Leben zählen und es im Sinne einer ehrlichen und vollständigen Dokumentation notwendig ist, auch sie zu bewahren. Ein solches Objekt, über dessen Untergang nur sehr wenige traurig wären (dessen Untergang viele sogar begrüßen), dass in meinen Augen aber als kulturelle Institution durchaus schützenswert ist, ist das Wirtshaus bzw. ist der Stammtisch.

Über die Geschichte des Wirtshauses bzw. der Gaststätte bzw. der Kneipe ließen sich mehrere Bücher schreiben (einige wurde sicher auch schon geschrieben), das erste Buch sollte einen Überblick darüber geben, welche Art von Lokalität in welcher Region unter welcher Bezeichnung in welcher Form dazu dient(e), dass (vorwiegend) Männer zusammenkommen um Alkohol zu trinken und zu reden. In Bayern waren und sind dies die Wirtshäuser, vor hundert Jahren gab es von denen noch eine absurde Anzahl, sogar mehr als die allgegenwärtigen Kirchen. Wie bei den Kirchen (oder auch beim Einzelhandel oder der Landwirtschaft) führten nach dem Zweiten Weltkrieg verschiedene Entwicklungen zu Verdrängungs- und Verdichtungsprozessen, es begann ein großes Wirtshaussterben (Hinweis: das hier Geschilderte gilt verlässlich nur für die mir persönlich bekannte Situation im ländlichen Oberbayern. Wie es in anderen Regionen war und ist weiß ich nicht, in der Stadt München ist es in jedem Fall anders). Man kann darin einen evolutionären Prozess erkennen, in dem nur die Wirtshäuser überlebten, die sich den neuen Gegebenheiten anpassten, während die alten, nicht angepassten langsam aussterben. Angepasst heißt in diesem Fall offen, freundlich, familienorientiert, tolerant, angenehmes Ambiente, störungsfreies Vergnügen. Nicht angepasst heißt in diesem Fall alkoholgeschwängerte Stammtischseeligkeit, in der vor allem ein eingeschworener Kreis von Männern seinen Spaß hat, während Außenstehende bestenfalls geduldet, schlimmstenfalls angefeindet werden.

Den Untergang der Alten Wirtshäuser (womit im Folgenden die Wirtshäuser alten Stils bezeichnet werden) betrauern nur wenige, eher im Gegenteil. Viele Familien haben unter dem Wirtshaus gelitten, weil der Mann / Vater endlose Zeit dort verbrachte und damit nicht zur Verfügung stand und / oder große Teile des Einkommens bzw. Vermögens im Wirtshaus ausgab und / oder (in mancher Hinsicht) aufgeladen durch den Wirtshausbesuch in unschönen Stimmungslagen nach Hause kam, was die Familie dann ausbaden musste. Auch die anderen Wirtshausbesucher trauern dem Alten Wirtshaus nicht nach. Wenn Sie vor dreißig oder mehr Jahren im ländlichen Oberbayern aufgewachsen sind, können Sie unter Garantie eine gruselige Geschichte davon erzählen, wie unangenehm es sein konnte, ein Wirtshaus mit voll bestücktem Stammtisch zu betreten bzw. zu durchschreiten (besonders wenn man unkonventionell auftrat, was gerade bei Jugendlichen fast unvermeidlich ist). Auch sonst hat das Alte Wirtshaus kaum Gutes hervorgebracht, die Ideen und Visionen, die dort ausgebrütet wurden, neigten mehr ins Konservative, Rechte, Polemische als ins Liberale, Soziale, Tolerante, die „Stammtischparole“ hat nicht ohne Grund einen unguten Beigeschmack und wer glaubt, dass das Thema obszön brutaler Hass-Kommentare im Internet was ganz was neues ist, der hat keine Ahnung, welche Aussagen seit jeher an Wirtshaustischen zu hören sind. Die einzig gute Folge der Alten Wirtshäuser, die mir (mit Mühe) einfällt, sind die dort geborenen „Schnapsideen“, die zu mehr oder minder heiteren Aktionen (Festen, spaßigen Wettkämpfen, etc.), von denen auch die Allgemeinheit was hatte, führten.
Warum um alles in der Welt sollte man also eine solch zweifelhafte Institution nun schützen und erhalten wollen? Weil es bei all seinen negativen Aspekten nun einmal Teil unseres Lebens, unserer Geschichte, unserer Kultur ist.

Darauf gekommen bin ich, weil ich kürzlich eines der immer weniger werdenden Alten Wirtshäuser besucht habe. Im Gastronomiebereich gibt es offensichtlich starke Regelungen zum Bestandsschutz, die es „alten“ Wirten erlauben, ihr Lokal weiter zu betreiben, ohne alle aktuellen gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. In dem Moment, in dem der „alte“ Wirt aufhört, sind von einem möglichen Nachfolger schlagartig alle neuen Anforderungen zu erfüllen, was sehr kostenintensive Umbauten und Sanierungen zur Folge hat, weshalb im Großteil dieser Fälle mit dem Wirt auch das Wirtshaus für immer in den Ruhestand geht. Bei dem von mir besuchten Wirtshaus wird es vermutlich ähnlich sein, der Wirt geht auf die Neunzig zu, so lange er den sehr bescheidenen Betrieb noch aufrecht erhalten kann, wird er es machen, rentieren tut sich all das nur, weil den überschaubaren Einnahmen seines kleinen Kundenkreises eine minimierte Kostenstruktur gegenüber steht.

Die Gaststube ist alt jedoch nicht „schön alt“, restaurierenswert alt, sondern 50 Jahre-abgewetztes-Resopal alt, Lichtjahre entfernt vom aktuellen Standard der adrett hergerichteten Landgasthöfe und Bräustüberln. Die wenigen Kunden sind alte bzw. ältere Männer, die zielstrebig Bier trinken und den für das Wirthaus typischen Gesprächsmix aus sachlichem Informationsaustausch, persönlichem Kommentar zu aktuellen Themen, weltanschaulich-philosophischen Theorien und Sempern (das Wort klingt lateinisch ist aber Dialekt) pflegen.
Ich hörte und sah mir das alles an und plötzlich streifte mich eine Ahnung, was in dieser Gaststube in den letzten hundert Jahren alles passiert ist. Wie viele Männer sind hier gesessen und haben getrunken und geredet? Warum sind sie hier gesessen und haben das getan? Warum haben sie es vorgezogen, im Kreis von trinkenden Männern über Gott und die Welt und die immer gleichen Themen zu diskutieren und palavern, anstatt sich ihren Familien zu widmen oder etwas anderes Sinnvolles zu tun? Welche Macht hat sie hierher gezogen und hier gehalten? Wirklich nur der Alkohol? Oder doch mehr eine „soziale Sucht“? Oder Flucht? Flucht wovor? Welche positiven Aspekte haben sie hier gefunden? Welche Emotionen, welche Dramen, welche Gedanken, welche Wünsche wurden hier verhandelt, welche Hoffnungen geweckt und zerstört? Wie haben sie es erlebt, dass diese Bastion von vielen Seiten aus beschossen wurde und langsam unterging?

Ich hätte all das den alten Wirt fragen können, schließlich hat er es in den vergangenen Jahrzehnten unmittelbar beobachtet. Der alte Wirt ist sehr freundlich und er ist sicher nicht dumm, meine Fragen hätte er vermutlich aber nicht verstanden. Für ihn ist das Treiben in (s)einem Wirtshaus viel zu normal, zu selbstverständlich, als das er etwas Besonderes darin erkennen würde. Da geht es ihm nicht anders wie den Menschen, die erst von Fachmännern darüber aufgeklärt werden müssen, dass ihre Alltagssprache, ihre typische Musik oder ihre regelmäßigen Rituale und Bräuche etwas Seltenes, Aussterbendes und deshalb Schützenswertes sind.

Aber muss man wirklich das Alte Wirtshaus, mit all seinen negativen Eigenschaften, für die Nachwelt erhalten und wenn ja, wie?
Die grundsätzliche Notwendigkeit sehe ich in jedem Fall. Wir investieren Zeit und Geld um die Lebensrealität und die Bräuche unserer Vorfahren zu bewahren, ehrlicherweise sollten wir den Blick dabei nicht nur auf die schönen, verklärten Aspekte richten (Trachten, Schmalzgebäck und Feiertagsbräuche), sondern auch auf die weniger schönen wie die harte Arbeit oder soziale Missstände, gerade auch deshalb, da die unangenehmen Aspekte die damalige Zeit viel stärker prägten als die angenehmen. Schützenfest und Feiertagsbräuche waren seltene Ausnahmen, harte körperliche Arbeit und Wirtshausbesuche waren dagegen Alltag.

Bleibt die Schwierigkeit, wie man das Alte Wirtshaus schützen und erhalten kann. Die Tradition wieder aufleben zu lassen ist weder realistisch (es gibt ja gute Gründe, wieso sie langsam ausstirbt) noch ratsam (wer will schon, dass massenhaft Männer wieder Zeit und Geld mit Saufen und zweifelhaften Gesprächen verschwenden).
Das alte Wirtshaus ins Museum zu stellen hilft auch nicht. So wie man in einem Bauernhofmuseum alte Arbeitsgeräte sammeln und ausstellen kann, kann man theoretisch auch alte Gaststuben und Stammtische konservieren aber einen echten Eindruck davon, wie es für die damals Betroffenen war, bekommt man beim einen so wenig wie beim anderen.

Bleibt eigentlich nur das langsam Vergehende zu dokumentieren, was mich auf die interessante Idee bringt, im Geiste eines Alan Lomax fortan mit einem Aufnahmegerät durch die letzten Alten Wirtshäuser zu streifen und die Stimmung des Stammtisches einzufangen und so für immer zu bewahren. Bräuchte ich nur noch eine Institution, die mich bei diesem wichtigen Projekt der Traditionspflege finanziell unterstützt. Eine umfangreiche Auswertung des gesammelten Materials incl. Buchveröffentlichung („Ambivalente Refugien – Oberbayerische Wirtshaus- und Stammtischkultur von 1850 – 2017“) und Wanderausstellung ist natürlich Teil meiner Arbeit. Wenn ich keinen öffentlichen Kostenträger finde (was aufgrund des kontroversen Themas leider wahrscheinlich ist), muss ich mich wohl an Brauereien mit der Bitte um Sponsoring wenden.


Terror, Amok, Mord und Totschlag

Der alltägliche Terror (Quelle: Bild)

Da man hinter dem Anschlag auf Borrusia Dortmund zuerst einen terroristischen Akt vermutete, folgte darauf der mittlerweile typische Ablauf. Der Anschlag wurde allgemein verurteilt (als „UN des Fußballs“ übernahmen es hier FIFA und UEFA, ihn „aufs schärfste zu verurteilen“), schnelle und vollständige Aufklärung wurde angemahnt, irgendein Holzkopf hat sicher wieder den Spruch von der „neuen Qualität“, die der Terror damit angeblich erreicht hat, gebracht, die Anteilnahme, Hilfe und Solidarität war groß, unter anderem auch, weil sich der Terror gegen uns alle richtet, die Bomben „stellvertretend“ für unsre Lebensart und unsere Weltanschauung die Fußballer trafen.
Nun zeichnet sich ab, dass es kein Terrorakt war, dass vielmehr ein Krimineller aus reiner Habsucht gezielt Menschen verletzen und töten wollte und prompt gibt es stimmungsmäßig einen Unterschied. Plötzlich gibt es keinen Grund mehr für diffuse Ängste und Verunsicherung, es war „zum Glück“ kein Terror sondern „nur“ Habsucht, die persönliche Betroffenheit schwindet (es ging eben doch nicht gegen uns alle, sondern gezielt gegen bestimmte Personen) und Platz für kritische Überlegungen ist nun auch wieder, so kann man fragen, ob durch diese spezielle Art des Verbrechens (die Anschläge sollten den Kurs der BVB-Aktie beeinflussen und über den Umweg von Optionsscheinen den Täter reich machen) nicht das oft als maßlos empfundene Kommerz- und Gewinnstreben des Profifußballs tragisch und fatal auf diesen zurückschlägt bzw. sich darin widerspiegelt.
Und ich stehe vor dem Sachverhalt und frage mich wieder einmal: Ändert es an der Tat irgendetwas, ob sie von einem fanatischen Terroristen oder einem geldgeilen Kriminellen verübt wurde? Es sind Fragen wie diese, die mich und die Allgemeinheit seit einiger Zeit beschäftigen.

Wenn man über die Wahrnehmung und Wirkung von Terror nachdenkt, sollte man sinnvollerweise auch das Thema Amokläufe mit einbeziehen. Terror und Amok sind (heute) vielfältig miteinander verbunden, mancher Terror hat die Form eines Amoklaufs, mancher Amok verfolgt terroristische Ziele, die Grenzen sind fließend und verwirrend (man erinnere sich nur an den letztjährigen Amoklauf in München, bei dem es einen ähnlichen, schlagartigen Stimmungswechsel wie oben beschrieben gab, als klar wurde, dass es sich um keinen Terroranschlag, sondern um einen Amoklauf handelt). Unter dem Titel Ausweitung der Gefahrenzone – Amoklauf als Chiffre unserer Gegenwart (Autoren Beatrice Faßbender und Ulrich Rüdenauer) setzte sich Anfang April eine interessante Radiosendung auf Bayern 2 mit diesem Phänomen (und den Überschneidungen zum Terror) auseinander, das Manuskript dazu findet man noch im Netz.

Terror und Amok gibt es schon lange, doch seit einigen Jahren beschäftigen sie unsere Gesellschaft in besonderer Weise, wobei zwei Ereignisse eine wichtige Rolle spielen; den Terror betreffend war dies 9/11, den Amok betreffend war es das Schulmassaker an der Columbine High School in Littleton. Spätestens seit diesen Ereignissen sehen wir uns mit Gewaltakten konfrontiert, die wir als vollkommen irrational, absolut skrupel- und gnadenlos, unverständlich, unberechenbar und (deshalb) hochgradig beängstigend empfinden. Die Folge davon sind (zum Teil massive) Veränderungen in unserem Leben (Umstellung des eigenen Verhaltens, Gesetzesänderungen, Sicherheitsvorkehrungen, etc.), regelmäßige und nachhaltige mentale Verstörung und endlose Diskussionen und Erklärungsversuche, um diese Phänomene irgendwie versteh- und greifbar zu machen.
Entgegen vieler Kommentatoren (siehe etwa den oben genannten Radiobericht) glaube ich nicht, dass diese Akte von Terror und Amok explizite Auswüchse unserer Zeit sind (und deshalb auf aktuelle Entwicklungen und Zustände zurückgeführt werden können bzw. müssen), sondern das wir sie (bzw. manche Formen davon) heute nur in besonderer Weise wahrnehmen und diskutieren.

Terror und Amok sind als Formen des Tötens so alt wie die Menschheit selbst, wie alle Formen des Tötens unterliegen sie wandelnden Bewertungen und Wahrnehmungen, die von zeitlichen, geographischen, weltanschaulichen, philosophischen, gesellschaftlichen und kulturellen Faktoren beeinflusst werden. Eine Tötung ist eben nicht gleich eine Tötung, die Bewertung einer Tötung hängt immer davon ab, wer wen wie wegen welchen Gründen tötet und welche Maßstäbe der Beurteiler besitzt. Das Problem ist, dass diese Maßstäbe der Beurteiler ganz eigenen, nicht immer vernünftigen Regeln folgen, ein typisches Beispiel hierfür ist etwa die Nachvollziehbarkeit.

Gibt es wieder einen grausamen Terroranschlag oder Amoklauf, stellen die Leute sich und anderen immer wieder dieselben Fragen: „Wie kann man so etwas nur machen? Was geht in einem solchen Menschen vor?“ Diese Fragen sind grundsätzlich verständlich, haben aber den entscheidenden Fehler, das eigene Denken und Empfinden als (unlogischen) Maßstab zu nehmen. Eigentlich müssten wir uns bei jedem Mord und Totschlag die Frage stellen, wie ein Mensch zu so etwas fähig sein kann, erstaunlich oft tun wir das aber nicht. Der BVB-Attentäter? War habgierig, ganz einfach. Ein Mann löscht seine Familie aus? Familiendrama, so was kommt vor. Ein Serienmörder tötet fünf Stricher? Perverse Tötungslust, natürlich. Aber: Ein Terrorist oder Amokläufer schießt wahllos Passanten nieder? Was geht in einem solchen Menschen nur vor???
Aus irgendeinem schwer verständlichen Grund erscheinen den Menschen gewisse Tötungen als „normal“ und „nachvollziehbar“ (was nicht heißt, dass sie sie gutheißen oder sich vorstellen, diese selber durchzuführen), während andere als „unnormal“, „nicht nachvollziehbar“ und „grundlos“ empfunden werden. Warum ist das so?
Habgier oder Probleme in der Familie / Beziehung oder besondere sexuelle Vorlieben alleine sind (zum Glück!) noch kein Auslöser für eine Tötung. Hinter jedem Tötungsdelikt (ob Mord, Terror oder Amok) steht eine komplexe Gemengelage, in der persönliche Veranlagung, äußere Umstände, verschachtelte Motive und Faktoren wie mögliche Erkrankungen oder Drogen eine fatale Mischung ergeben. Der Fehler ist, zu glauben, dass wir nur die Motive von Terroristen und Amokläufern nicht verstehen (was uns Angst macht). In Wirklichkeit verstehen wir im vollen Umfang das Motiv von keinem einzigen Mörder und Totschläger, bilden uns aber ein, dass wir das oft tun. Eigentlich sollte jeder (letztlich unverständliche) Mord unsere innere und äußere Sicherheit erschüttern. Warum sind es aber die wenigen Terroristen und Amokläufer, die so viel mehr Angst verbreiten als die zahlreichen (potentiellen) Mörder?

Vor einiger Zeit wurde in den Medien die erschreckende Zahl berichtet, dass in Deutschland pro Jahr ca. 150 Kinder an Vernachlässigung und Misshandlung sterben. Verantwortlich dafür sind die Eltern und das engste Umfeld. Was aber prägt die Diskussion um das Thema Kindertötung? Die Handvoll Mordfälle, in denen Außenstehende in das Private eindringen und Kinder töten.
Mindestens 30 % aller Morde geschehen innerhalb von Partnerschaft, Familie und Verwandtschaft, weitere 30 % im persönlichen Umfeld (in „formellen und informellen Beziehungen“, wie es in der Polizeilichen Kriminalstatistik heißt). Mindestens 60 % der Morde geschehen also im persönlichen, privaten Umfeld aber was prägt die Diskussion um das Thema innere Sicherheit? Die Handvoll Terrorakte und Amokläufe in unserem Land.
Dahinter steckt vermutlich ein (möglicherweise sinnvoller) psychologischer Effekt, der zum einen dafür sorgt, dass wir die Gefahren und Probleme im Privaten und im eigenen Umfeld als gering(er) einschätzen (das zeigt sich auch beim Thema Unfall), während wir Bedrohungen im Öffentlichen und von außen als besonders stark wahrnehmen und der zum anderen streng zwischen dem eigenen und fremdem Privaten unterscheidet. Nur so ist zu erklären, dass uns z.B. die regelmäßigen Meldungen über tödliche Beziehungs- und Familiendramen nicht ansatzweise so beunruhigen wie Terror und Amok.
Diesem Effekt ist wohl auch zuzuschreiben, dass uns die Anschläge des IS im Nahen Osten, in Asien oder Afrika weniger betroffen machen als die in westlichen Ländern und dass uns Terror und Amok umso mehr (mental) erschüttern, je geringer der räumliche Abstand zu ihnen ist.

Schaut man einmal nüchtern auf Terror und Amok, gibt es keinen Grund, sie fundamental anders zu betrachten als andere Formen von Mord und Totschlag und ihnen einen besonderen Stellenwert einzuräumen.
Terror und Amok speisen sich aus denselben Quellen wie Mord und Totschlag. Die (uralten) Grundmotive wie Verletzung des Selbstwertgefühls, Hass, Wut, Neid und Rache finden sich gleichermaßen in allen Formen des Tötens. Machtwahn, Gewalttätigkeit, abweichende Moralvorstellungen und Radikalität treiben alle Täter gleichermaßen an.

Was die jeweilige Motivlage jedes einzelnen Täters betrifft, so werden wir die nie wirklich verstehen oder nachvollziehen können und grundsätzlich falsch ist es (z.T. aufbauend auf der vermeintlichen Nachvollziehbarkeit), irgendeine moralisch-qualitative Wertung bezüglich dieser Formen des Tötens vorzunehmen (andere Formen wie Notwehr oder Sterbehilfe kann man natürlich anders werten). Seine Familie im (Erb)Streit zu töten (siehe Bild oben) ist genauso verwerflich wie in einer Schule Amok zu laufen ist genauso verwerflich wie jemand aus Habgier zu töten ist genauso verwerflich wie aus einer durchgeknallt fanatischen Weltanschauung heraus Terroranschläge zu verüben (der Terrorist lebt dabei zumindest im Wahn, in seinem Kampf für ideelle, höhere Werte legitimiert zu sein, beim Habgierigen dagegen bleiben nur die niedersten Beweggründe, weshalb sein Handeln eigentlich noch erschreckender wahrgenommen werden müsste).

Auch wenn es uns anders erscheint, so sind Terror und Amok doch nur zwei weitere Formen von Mord und Totschlag. Natürlich folgen sie bestimmten Regeln und grenzen sich gegenüber anderen Tötungsdelikten ab, weshalb es auch sinnvoll ist, über sie als eigenständige Phänomene nachzudenken. Aber diese Eigenheiten heben sie nicht über die anderen Tötungsarten hinaus, Terror und Amok sind so schrecklich und tragisch und profan und unverständlich wie jeder andere Mord und Totschlag auch.

Diese „Entmystifizierung“ von Terror und Amok wird nicht dazu führen, dass in Zukunft weniger davon geschieht, alle Versuche, diese Akte so zu diskreditieren, dass die Täter davon ablassen, haben absehbar keinen Erfolg (die hermetischen Weltbilder der Täter werden von Vorwürfen wie armselig, sexuell frustriert, jämmerlich, gestört oder feige nicht einmal angekratzt). Der wahre Sinn, Terror und Amok richtig zu betrachten, besteht darin, dass neben der physischen Zerstörung, die sie weiterhin anrichten werden, zumindest der Kollateralschaden in unseren Köpfen reduziert wird.


Altersgerechte Werbung

Seit einigen Wochen begeistere ich mich für die Cartoon-Serie Die fantastische Welt von Gumball, die ein weiterer Vertreter des von mir im Blog-Eintrag Cartoon-Irrsinn beschriebenen Genres ist. Die Serie läuft auf dem Kindersender Nickelodeon, vor, zwischen und nach den Gumball-Folgen werde ich nun mit der dort laufenden Werbung konfrontiert, was bei mir umfängliche Überlegungen und Einsichten auslöste.

Auch wenn ich mich über die Professionalität bestimmter Institutionen schon öfter getäuscht habe, gehe ich doch davon aus, dass die Werbeindustrie sehr genau weiß, was sie tut. Zentrale Aufgabe der Werber ist es zu ergründen, wenn man wie ansprechen muss, um ihn für eine Sache zu begeistern. Werbung stellt vorrangig auf das „wahre Wesen“ der potentiellen Kunden ab, bedient somit nur bedingt die idealistischen Vorstellungen oder (zwischen)menschlichen Ideale, die in der Gesellschaft anderweitig diskutiert und gefordert werden. Ganz frei ist die Werbung in ihrem Bestreben nicht, gesetzliche Vorgaben (z.B. was Sex und Erotik in der Werbung betrifft) und gesellschaftliche Tabus (z.B. das Heimchen am Herd ist heute als Werbeträger ein absolutes No-Go) verhindern, dass Reklame mit voller Wucht unser wahres Ich und unsere (geheimsten) Wünsche anspricht.

Vor diesem Hintergrund ist die Spielzeugwerbung, die ich regelmäßig auf Nickelodeon sehe, eine ziemlich aufschlussreiche Reise in die Welt der Kinder. Viel wird ja (öffentlich wie privat) über Kinder diskutiert, wie man sie fördern soll, was pädagogisch richtig und „wertvoll“ ist, welches Potential sie haben, wie man sie schon in jungen Jahren zu guten Menschen macht. Ein schönes Bild wird da gerne gezeichnet, von begabten, kreativen, kritischen, kultivierten Kindern, die geistig nach allen Seiten hin offen und interessiert sind und die (dank liberaler Erziehung) alte Klischees überwinden. Die brutal offene Werbung zeigt mir dagegen ein ganz anderes Bild.

Da gibt es etwa strickte Geschlechtertrennung (Ausnahme sind nur geschlechtsneutrale Produkte wie Gesellschaftsspiele). Werbung für Mädchen ist in zarten Farben (mit viel klischeehaftem rosa) gehalten, man sieht darin oft Mädchen beim (gemeinsamen) Spielen und im Hintergrund erläutert eine unglaublich hohe, schrille und hektische Mädchenstimme mit Worten wie super, süß, Freundin, Spaß wie toll das Produkt ist.
Werbung für Buben ist farblich eher dunkel (zum Teil sogar düster) gehalten, spielende Kinder kommen darin nicht zwangsläufig vor (oft nur die Hände, die das Spielzeug führen) und im Hintergrund erläutert entweder eine hektische Jungenstimme oder eine „druckvolle“ Männerstimme mit Worten wie Action, Power, Abenteuer, Spaß wie toll das Produkt ist.
Geschlechterklischees bedient die Werbung für Erwachse natürlich auch, aber bei der Werbung für Kinder werden diese gerade exzessiv ausgelebt. Das ist zumindest stimmig, denn insgesamt ist Werbung für Kinder eine ziemlich offensichtliche, direkte Angelegenheit.

Erwachsene haben es üblicherweise nicht gerne, wenn ihnen Werbung plakativ entgegen plärrt, dass ein Produkt SUPER ist und SPASS macht (wenn man dieses Stilmittel findet, dann ist es zu 90 % ironisch eingesetzt). Bei Erwachsenen läuft da vieles über subtile Assoziationsketten wie „Erfolgreiche und attraktive Menschen nutzen dieses Produkt > Wenn Sie dieses Produkt kaufen sind bzw. werden Sie erfolgreich bzw. attraktiv“. Bei Kindern ist das scheinbar anders, da wird nicht lange herumassoziiert, für die gibt es nur die direkte Botschaft „Spielzeug kaufen > Spaß garantiert“.

Diese Botschaft kommt offensichtlich nur an, wenn sie laut und hektisch vermittelt wird, was bei erwachsenen Konsumenten zu eher negativen Empfindungen wie genervt Sein führt. Werbung für Erwachsene wird überwiegend von Ruhe bis hin zur „Gediegenheit“ geprägt, Hektik gibt es da nur, wenn es das Produkt erfordert oder wenn der Werber bewusst ein ungewöhnliches, auffälliges Stilmittel sucht.
Ein sehr verbreitetes Stilmittel bei Werbung für Erwachsene ist Humor, der der Werbung für Kinder wiederum total fehlt. Hat das mit dem besonderen Humorverständnis von Kindern zu tun (Ironie oder Parodien werden meiner Erfahrung nach von ihnen nur schwer erkannt, während Albernheiten hoch im Kurs stehen; dass Serien wie Gumball erfolgreich im Kinderprogramm laufen, erklärt sich wohl nur dadurch, dass sie beides ausreichend bereithalten)? Oder hat auch das mit einem Unterschied im Assoziationsverhalten zu tun? Während beim Erwachsenen der positive Eindruck der Werbung als solcher auf das Produkt abstrahlt („Die Werbung hat mich unterhalten / war lustig > dann wird das Produkt sicher nicht schlecht sein“), sind Kinder zu dieser (eigentlich idiotischen) gedanklichen Brücke nicht fähig. Qualitativ gute Werbung wird von Kindern nicht oder kaum erkannt, darum kann man sich den Aufwand sparen und mit einfachen Mitteln direkt zum Wesentlichen – dem Spielspaß! – kommen.

Je mehr ich mich mit den auffälligen Unterschieden zwischen Kinder- und Erwachsenenwerbung beschäftigt habe, desto klarer wurde mir, dass es noch weitere altersgerechte Werbestrategien gibt. VIVA/Comedy Central richtet sich an ein jugendliches Publikum, entsprechend sind hier die Werbespots an die Vorlieben der 14 – 26jährigen angepasst, d.h. weniger hektisch und direkt als bei den Kindern, aber auch noch nicht so ruhig wie bei den Erwachsenen, die Geschlechterklischees sind nicht mehr ganz so ausgeprägt, die Gestaltung oft sehr humorvoll, sehr abstrakt, sehr assoziativ.

Eine andere Alterszielgruppe findet man u.a. im Vorabendprogramm der öffentlich rechtlichen Sender, dort zielen Spots (etwa für nicht verschreibungspflichtige Medikamente) vor allem auf Senioren. In dieser Werbung ist alles klar strukturiert, der Humor ist milde, man legt viel Wert auf ein soziales Umfeld (die Familie kommt zu Besuch, etc.), Geschlechterunterschiede spielen kaum mehr eine Rolle, assoziationstechnisch nähert man sich wieder der Kinderwerbung an, die Botschaft ist klar „Wer die Salbe kauft hat keine Schmerzen mehr und kann sein Leben genießen (Genuss ist in der Werbung für ältere und alte Menschen das, was Spaß für jüngere und die jüngsten ist)“.

Meine Erkenntnis aus all dem ist, dass heute die früher typische Abgrenzung der Altersgruppen nicht mehr so einfach und so eindeutig ist, im Großen und Ganzen diese Grenzen aber immer noch bestehen und jede Gruppe weiterhin ihre eigene Ästhetik und Kommunikation hat. Dass man ausgerechnet durch die Werbung, die üblicherweise kein Hort der Wahrheit ist, zu derart unverstellten, ehrlichen Einsichten gelangt, birgt schon eine gewisse Ironie.

Abschließend noch einige zusätzliche unzusammenhängende Gedanken, die mir beim Betrachten der Werbung auf Nickelodeon gekommen sind:
So muss ich mich schon sehr wundern, was alles zum Spielzeug taugt. Vielleicht bin ich diesbezüglich auch nur naiv, verkläre meine eigene Kindheit und habe mich in den letzten Jahren zu wenig mit der Materie beschäftigt, aber über manches beworbenes Spielzeug kann ich mich wirklich nur noch wundern, etwa über die Pipi Party, einer Russisches Roulett-Variation, bei der man aus einer kleinen Toilette nass gespritzt wird (wenn Sie im Internet danach suchen, bitte dringend als Suchbegriff den Hersteller Hasbro oder einfach Spielzeug dazu schreiben, sonst landen Sie ganz wo anders, zum Beispiel bei D.J. Trump) oder die Grossery Gang, die als Spiel- und Sammelfiguren vergammelte Lebensmittel darstellen. Gegen so was erscheint mir sogar der gute alte Slime aus meiner Kindheit als pädagogisch wertvoll.

Verwirrend finde ich, dass in den Werbeblöcken für Kinder immer auch einzelne Spots für ganz profane Produkte der Erwachsenen (z.B. Putzmittel) eingestreut sind und dabei wie ein Fremdkörper wirken. Entweder erklärt sich das aus den mir nicht bekannten Regeln des Fernsehwerbegeschäfts, in dem Werbezeit nach nicht immer logischen Aspekten verkauft wird. Oder man spekuliert darauf, dass hinter dem fernsehenden Kind irgendwo die zugehörigen Eltern herumlaufen und en passant die Werbung aufnehmen. Oder die Werber wissen ganz genau, dass vor jeder Kindersendung immer auch X Prozent Erwachsene sitzen.

Was sich seit meiner Kindheit nicht verändert hat, sind die viel zu überzogenen Werbeversprechen bei Spielzeug. In der Werbung sieht es immer so aus, als ob man mit den kleinen Autos oder Robotern oder Bausätzen die wildesten Abenteuer erleben könnte. Aberwitzige Verfolgungsjagten, epische Kämpfe, spektakuläre Szenarien und eigene Welten werden den Kindern versprochen, sowie sie dieses Spielzeug aus der Schachtel nehmen. In der Realität schaut das dann ganz anders aus und selbst mit aller kindlichen Phantasie stellt sich die angekündigte Action nicht einmal ansatzweise ein. Scheinbar nehmen Kinder diese Diskrepanz (immer wieder) klaglos hin, wenn dem nicht so wäre, müsste es schon lange Klage wegen unlauterer Werbung geben (vgl. meinen Blog-Eintrag zum Serviervorschlag).

Meine aktuellen Lieblingswerbespots findet man nicht im Kinderprogramm, sondern eher bei den Jugendlichen und Erwachsenen. Die Kampagne des Sprachlern-Portals Babbel ist erstaunlich uneinheitlich, man kann hier sehr unterschiedlich gestaltete Spots sehen, viele davon sind absolut belanglos. Eine amüsante Zwangshandlung verursachen mir die zwei Spots, die als äußerst geschickte Filmparodien (Fabelhafte Welt der Amelie und Austen/Bronte-Verfilmungen) daherkommen. Bei beiden spreche ich reflexhaft (incl. entsprechendem Akzent und schräger Betonung) die Rollen der ziemlich uncoolen Sprachlehrlinge mit und grinse hinterher breit. Die Spots findet man im Netz mit den Suchbegriffen Babbel und Tiny Wahle bzw. Messy Dress. Die Versionen im Netz sind länger als die im Fernsehen ausgestrahlten, zu Messy Dress gibt es auch eine alternative Version, die mich einmal mehr die Komplexität von gelungener Werbung erahnen lässt. Diese Alternativversion ist weitgehend identisch mit der aus dem Fernsehen bekannten, jedoch gibt es kleine Änderungen im Timing, in der Betonung des Dialogs und im Schnitt und schon funktioniert der Spot für mich nicht mehr.
Ob meine Meinung zu diesen Spots altersgruppenbedingt ist, sei dahingestellt.


Monokausal gegen Monokultur

Conifère de l‘enfer

Der Dokumentarfilmer Dieter Wieland wird 80, das bietet mir einen Anlass, eine seit fünf Jahren schwelende mentale Unstimmigkeit auszuräumen.
Als Jugendlicher war ich von Wielands Fernsehdokus (im Bayerischen Rundfunk unter dem Obertitel Topographien) begeistert. Mit geschliffenen Kommentaren kritisierte und kommentierte Wieland Missstände im weiten Feld von Landschaftspflege, Naturschutz, Architektur und Städtebau. Das fiel bei mir auf fruchtbaren Boden, denn auch mir bescherte die Pubertät neben Akne und diversen körperlichen Veränderungen eine ablehnende Haltung gegen „die da oben“, gegen Konservative, Bürokraten, Bestimmer, Ignoranten und Geschäftemacher, kurzum gegen das sog. Establishment. Aus einem schwer zu erkennenden Grund leben Pubertierende oft in der felsenfesten Überzeugung, sie wüssten (besser) wie die Welt funktioniert bzw. warum sie eben nicht funktioniert und vor allem wie sie besser funktionieren könnte. Das war bei mir nicht anders, Wielands Filme fügten sich harmonisch in mein jugendliches Weltverständnis ein und stützten dieses solide ab.

Das Leben ging weiter und ich verlor Dieter Wieland und seine Filme total aus den Augen. Dass ich sie nicht vergessen hatte, zeigt sich (ungefähr 25 Jahre später) 2012, da wurde Wieland 75, was das Filmmuseum mit einer Werkschau und der Bayerische Rundfunk mit der Wiederholung einiger seiner Dokus würdigten. Einiges davon habe ich mir angeschaut, was erst einmal zu einem regelrechten Flashback führte. Sein markanter Sprachstil, seine messerscharfen Aussagen, die ruhigen Bilder; alles tauchte sofort aus den Tiefen meines Gedächtnisses wieder auf, zwangsläufig zusammen mit der zugehörigen Emotion, der Begeisterung für einen intellektuellen, unbestechlichen, kritischen Geist. Diese positive Empfindung hielt ungefähr 20 Minuten an, dann machte sich Befremden breit. Ich befand mich in einer der Situationen, in denen einem das eigene, frühere Ich fremd, unverständlich wird. Denn je mehr ich von Wielands Filmen im Jahr 2012 schaute, umso unklarer wurde mir, wie ich mich in jungen Jahren so uneingeschränkt dafür begeistern konnte.

Die Jubiläumswürdigungen für Dieter Wieland gingen schnell vorbei, somit auch meine Beschäftigung damit, die zu keiner abschließenden (Neu)Bewertung führte. Zurück blieb das stachelige Gefühl der Dissonanz, das mich die letzten fünf Jahre mit der hündischen Treue von ungelösten Problemen und offenen Fragen begleitete. Jetzt ist wieder eine halbe Dekade um, ordnungsgemäß folgt die vorgesehene Jubiläumswürdigung incl. Zeitungsberichten und Wiederholungen im Fernsehen, die perfekte Gelegenheit für mich, mein gedankliches Durcheinander zu ordnen.

Unzweifelhaft ist, dass Dieter Wieland mit seinen Filmen (und seinen sonstigen Aktivitäten) viel Gutes und Wichtiges in Bereichen wie Natur-, Landschafts- und Denkmalschutz inspiriert, initiiert und bewirkt hat. Auch seine Bemühungen um eine ästhetische Sensibilisierung und Erziehung kann man nicht hoch genug einschätzen (Zusatzpunkte dafür, wann und wo er sich für all das eingesetzt hat). Zeitlos gut finde ich Wielands rein (kunst)historischen Arbeiten, wenn es z.B. um Baumeister wie Gärtner oder Bürklein geht, solche Filme schaue ich unverändert mit Genuss. Weitgehend akzeptabel finde ich noch seine Beiträge zu konkreten Bau- und Umweltsünden, wenn er also einzelne Maßnahmen der Zerstörung und Verschandelung dokumentiert.
Womit ich dagegen gar nicht mehr klar komme, ist seine allgemeine Kritik an der landschaftlichen und baulichen Entwicklung der letzten 60 Jahre (vor allem in Bayern). Gerade dies ist eines der zentralen Momente in seiner Arbeit und ich bin davon überzeugt, dass er von vielen (so wie von mir vor 25 Jahren) gerade deswegen geschätzt wurde und wird. Ich kann mich heute nicht mehr dafür begeistern, sondern sehe es vielmehr sehr kritisch.

Das beginnt schon damit, dass mich heute der tendenziöse, manipulative Charakter von Wielands Filmen (womit im Folgenden eben vor allem seine kritischen Werke zur ländlichen Entwicklung und zum Bauen im privaten Bereich gemeint sind) stört. Tendenziöse Dokumentarfilme sind grundsätzlich nicht verwerflich, denn letztlich sind sie unvermeidlich. Selbst der objektivste Dokumentarist „manipuliert“ bzw. interpretiert den gezeigten Sachverhalt indem er entscheidet, was er davon zeigt und wie er es zeigt, die Bandbreite reicht hier von der Bemühung um größtmögliche Neutralität bis zu selektiver Wahrnehmung im Sinne einer zu belegenden Aussage. Wieland bewegt sich eher am zweitgenannten Ende dieser Skala, wobei man ihm zugute halten muss, dass er (im Gegensatz zu anderen, weniger transparenten Dokumentarfilmern) seine Tendenz nicht hinter verlogener Objektivität versteckt, die bei ihm unverzichtbare Tonspur läßt keinen Zweifel über seinen An- und Absichten zu. Filmisch gesehen ist das redlich und insgesamt auch alles zulässig, ich persönlich habe aber schon seit langem eine Abneigung gegen solche Techniken (weshalb siehe unten).

Ein ebenso persönliches Problem habe ich mit der Beschränkung bzw. Beschränktheit von Wielands kritischem Ansatz. Wie bei Ärzten gibt es auch bei Kritikern eine Spezialisierung, was einen Vor- und einen Nachteil hat. Ein Spezialist kann sein Fachgebiet viel besser kennen als ein Generalist, das ist gut. Einem Spezialisten fehlt aber der Blick auf das Gesamte und das ist nicht gut. Wieland ist ein solcher Spezialist, der auf seinem Gebiet selbst diffizile Detailfragen beantworten kann und Probleme erkennt, die der Generalist übersehen würde. Der Blick auf das ganze Bild fehlt Wieland aber oft, auch wenn er gerne den scheinbar großen Bogen von der Natur über die (Kultur)Landschaft zur privaten Wohnsituation spannt.

Gerade weil ihm das Gesamtbild fehlt, fallen seine Erklärungsansätze für die aufgezeigten Missstände sehr monokausal aus; Schuld sind Profitgier, politische und bürokratische Unfähigkeit (bis hin zur Klüngelei) und im privaten Bereich Unvernunft, Gleichgültigkeit oder schlichte Dummheit. Damit hat er bis zu einem gewissen Grad natürlich Recht (die aufgezählten Faktoren sind universelle Übel, die immer und überall zu finden sind), in sehr vielen Fällen greift es aber zu kurz. Wir leben in einer sehr komplexen Welt, in der sich nicht jeder Missstand auf eine Handvoll Ursachen zurückführen lässt. Es gibt vielfältige Sachzwänge, Interessenskonflikte, gegeneinander abzuwägende Probleme und unterschiedliche Vorstellungen von „richtig“ und „schön“, so dass jedes (in Wielands Augen) häßliche Haus auf einer einzigartigen Gemengelage aus Gründen, Motiven und Vorgaben steht. Viele dieser Faktoren fallen nicht in das Fachgebiet von Dieter Wieland, deshalb kann oder will er sie nicht sehen.

Einer der von ihm derart übersehenen Faktoren ist erstaunlicherweise der Mensch. Natürlich kommt der Mensch bei Wieland vor, jedoch in einer sehr beschränkten Funktion, nämlich als Schöpfer und / oder Bewohner von schönen bzw. häßlichen Häusern, Dörfern, Städten und Landschaften. Dass die Menschen von mehr Dingen bestimmt werden als der Gestaltung ihres Lebensraumes, bemerkt Weiland nur im negativen Sinne, wenn sie etwa „mehr Zeit auf den Kauf ihres Autos als den Bau ihres Hauses“ verwenden. Entsprechend schwer tut sich Wieland auch zu erkennen bzw. anzuerkennen, dass Menschen nachvollziehbar pragmatische Entscheidungen gegen die Ästhetik treffen, weil es z.B. viel Zeit und Arbeit spart, ein (flurbereinigtes) Feld zu bewirtschaften, anstatt fünf getrennte, die in einem pittoresken Landschaftsmandala verstreut sind.

Wieland ist nun einmal ein Spezialist für ästhetische Fragen und keiner für menschliche, dazu hätte es einen anderen Spezialisten gebraucht, z.B. einen Soziologen. Ein solcher hätte vermutlich erklären können, welche Entwicklungen es in Bayern nach dem Krieg gab, wie sich erstmals massenhaft Menschen aus dem landwirtschaftlichen Bereich heraus bewegten und zu Arbeitern und Angestellten wurden und wie diese „kleinen Leute“ durch ihre Mühen und mit Hilfe von Bausparverträgen (neben der Flurbereinigung und der unheiligen Dreieinigkeit von Douglasien, Blaufichten und Koniferen einer von Wielands liebsten Hassobjekten) erstmals in der Lage waren, ein eigenes Haus zu bauen.

Der Soziologe (vielleicht zusammen mit einem Psychologen) könnte auch erklären, welche „Befreiung“, welche Herausforderung und welche Chance dies für die Leute in den 50er, 60er und 70er Jahren bedeutete. Zusammen mit einem Kulturhistoriker könnte diese drei dann aufzeigen, was es für die Menschen bedeutete, nach einer über Jahrhunderte weitgehend unveränderten Baukultur etwas neues, anderes gestalten zu können bzw. zu dürfen. Wie es für vollkommen „ungeschulte“ Häuslebauer (bei der damaligen Informationslage) war, sich ästhetisch zwischen Tradition und Moderne und Modernität zu positionieren bzw. neu zu erfinden.

Wenn diese Spezialisten noch ein paar andere Fachleute dazu holen, können sie auch noch darüber reden, wie sich in der Zeit so ziemlich alle Strukturen (Familie, Dorf, Stadt, Infrastruktur) veränderten und wie sich solche Umbrüche zwangsläufig auch auf Wohnstrukturen auswirken. So hat eben jedes Haus (auch die häßlichen von der Stange) eine lange und komplexe Geschichte, die sich mit monokausalen Erklärungen nicht angemessen wiedergeben lässt.

Das entscheidende Problem mit (zu) einfachen Erklärungen ist nun einmal, dass sie nie zu nachhaltigen Lösungen führen. Im kritischen Bereich ist es beliebt zu vereinfachen, denn wenn man die Leute mit der komplizierten und zum Teil widersprüchlichen Realität konfrontiert, dann schalten sie ab und verweigern sich, so gesehen war und ist der Weg Wielands nicht ganz falsch. Hätte er nicht so markant, so einfach, so vereinfacht gezeigt und formuliert, dann hätten seine Filme sicher nicht diese Wirkung gehabt. Aber ohne nach den echten, komplizierten Gründen für Missstände zu suchen, wird man nie zu einer grundlegenden Verbesserung kommen, weshalb Dieter Wieland auch weiterhin resigniert-zornig feststellen wird müssen, dass trotz seiner Bemühungen und positiver Entwicklungen immer noch so viel Häßliches be- und entsteht.

Eine Einsicht, die Dieter Wieland diesbezüglich schon ein bisschen weiterhelfen könnte, ist die Feststellung, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen keinen besonders ausgeprägten Sinn für Ästhetik hat.
Kunst bzw. ästhetisches Empfinden und Können bedarf eines gewissen Talents und (sofern man kein Genie ist) vor allem einer eingehend „Schulung“, die durch intensiven Konsum, kompetente Anleitung und dauerhafter Übung erfolgt. Der Masse fehlt dies in der Regel, darum sind auch 95 Prozent der laienhaften kulturellen Betätigungen weit von dem entfernt, was ein professioneller Künstler bzw. Kunstsinniger als schön und gut erachtet. Die Architektur macht da keine Ausnahme, darum sind die meisten Häuser nur so „niveauvoll“ wie die selbstgeschriebene Lyrik auf der Geburtstagseinladung, wie die Darbietung im Laientheater oder die Werke des VHS-Kunstkurses. Es spielt dabei auch keine Rolle, dass man mit der Architektur (im Gegensatz zu anderen Kunstformen wie etwa der Lyrik) ständig konfrontiert ist. Schlichtes „Umgebensein“ reicht bei den Allerwenigsten aus, ein sicheres ästhetisches Gespür zu entwickeln, dazu braucht es schon ernsthafte Beschäftigung und Anleitung. Diese Anleitung kann man sich theoretisch z.B. in den Filmen vor Dieter Wieland holen, rein praktisch ist das aber auch nicht so leicht, die Erfahrung habe zumindest ich gemacht. Ich bin sicher kein Architekturkenner, aber im Rahmen meiner allgemeinen Beschäftigung mit Ästhetik mache ich mir (nicht sehr akademisch aber weitgehender als der Durchschnittsbürger) auch Gedanken über die Schönheit von Häusern und baulichen Ensembles. Nachdem ich mir ein paar Filme von Wieland nun angeschaut haben kenne ich zwar einige seiner grundlegenden ästhetischen Ideale (Schlichtheit, Klarheit, passend zum Umfeld), im Einzelfall ist mir Wielands ästhetisches Urteil aber oft unerklärlich und regelmäßig deckt es  sich nicht mit meinem. Wie sollte ich unter dieser Vorgabe ein Haus bauen, das in den Augen Dieter Wielands Gefallen findet? Wie geht es da erst jemanden, der sich nicht jeden Tag den Kopf über Fragen der Ästhetik unterschiedlichster Art zerbricht?

Das „Problem“ mit der Architektur ist, dass sie in weiten Teilen eine Alltagskultur ist. Menschen bauen Häuser um sich vor dem Wetter zu schützen, sie tragen Kleidung um sich warm zu halten, sie essen um satt zu werden, sie reden um zu kommunizieren (Klavierspielen, Filme drehen oder Roman schreiben sind dagegen „rein“ künstlerische Betätigungen). Natürlich können Architektur, Mode, Kochen und Sprache auch künstlerische und kreative Sphären erreichen, im Idealfall lassen sich triviale Zweckerfüllung und ästhetisches Vergnügen auch verbinden, in der Masse wird man das Niveau dieser Alltagskulturen aber bestenfalls dezent anheben können. Das wirklich Gute wird jedoch (zwangsläufig) immer die Ausnahme bleiben, weshalb mir die (im doppelten Wortsinn) ewigen Beschwerden über die anhaltend hässlichen Häuser (D. Wieland), die fehlende Kochkultur (wie etwa ehemals von Wolfram Siebeck, den ich nach jugendlicher Begeisterung auch irgendwann nicht mehr ertrug) oder das sprachliche Unvermögen (wie etwa von Thomas Steinfeld, zu dem es keine positive Vorgeschichte gibt, dessen viel gelobtes Buch Der Sprachverführer ich nach 50 Seiten abgebrochen habe) auf die Nerven gehen. Es ist einfach unangemessen und unsinnig, die kritischen Standards der kulturellen Spitze auf die breite Masse anzuwenden oder um es mit einem naheliegenden Sprichwort auszudrücken: Man muss doch die Kirche im Dorf lassen.

Auch wenn Dieter Wieland Geburtstag hat, möchte doch ich mir zum Abschluss etwas wünschen, nämlich eine Dokumentation der besonderen Art. Mir schwebt da ein Film über einen alten Bauern (eine Bäuerin geht genauso) vor, der nach bewegtem Leben alleine seinen Bauernhof mit einer Vielzahl von Tieren bewirtschaftet (ein bisschen so wie im Film Das Ei ist eine geschissene Gottesgabe). Dieser Film wird von drei Regisseuren gestaltet und abwechselnd aus dem Off kommentiert: Der Tierfilmer Andreas Kieling zeigt und kommentiert das Verhalten und Befinden der Tiere auf dem Hof. Der Kult-Regisseur Werner Herzog zeigt und kommentiert den Bauern incl. seiner Gedanken, Sorgen und Träume. Und Dieter Wieland zeigt und kommentiert den alten Bauernhof inklusive zugehöriger Nutzflächen. Die Doku würde ich gerne sehe und vor allem hören.