Überfeiert

Feste feiern

In meinem Blog-Eintrag Soziologie des Feierns habe ich bereits dargelegt, dass (in diesem Fall) Geburtstagsfeiern äußerst aufschlussreiche Veranstaltungen sind. Das Thema Feste, Feiern, Partys ist aber ein noch viel komplexeres, weitreichenderes, weshalb ich mich heute mit weiteren Aspekten wie etwa dem Problem der Überfeierung beschäftige. Das Nachfolgende gilt dabei – wie so oft in diesen Blog – für die Situation in Deutschland und vergleichbare (wohlhabende) Gesellschaften.

Feiern bestehen üblicherweise aus drei Elementen; der Zusammenkunft mehrerer Menschen, Essen und Trinken und einer Form von Unterhaltung (Musik, Tanz, Vorträge, Spiele, etc.). Früher (wobei gilt: je weiter man zurückgeht, umso zutreffender sind die nachfolgenden Aussagen) waren diese drei Elemente selten und damit kostbar. Im Alltag hatte man mit wenigen, immer gleichen Menschen zu tun, die Verpflegung war im besten Fall ausreichend aber eintönig, Unterhaltung oder amüsante Ablenkung war im Alltag schwer zu finden. Kein Wunder, dass man sich vor diesem Hintergrund auf jedes Fest freute, endlich Vergnügen, endlich maßlos Essen, endlich ausgiebig Alkohol trinken, endlich andere Menschen treffen und sich mit diesen (im doppelten Wortsinn) unterhalten. Feiern waren also willkommene Abwechslung und Möglichkeit zum Vergnügen, ihre Seltenheit machte sie noch begehrenswerter.

Heute ist die Situation eine andere. Heute muss keiner mehr darauf hoffen, dass zu einem Fest ein Schwein oder ein Rind geschlachtet wird, heute sind die Auslagen der Metzger und Lebensmittelgeschäfte immer voll, nicht Mangel sondern Überfluss ist jetzt das Problem. Heute ist Unterhaltung jederzeit verfügbar, entweder direkt in der eigenen Wohnung durch Fernseher oder Computer oder in problemlos zu erreichenden Kinos, Theatern, Discos, etc. Heute kommunizieren wir (allen Unkenrufen von der Vereinsamung zum Trotz) gerade exzessiv, wir sind mobil, wir haben Telefon und Computer, wie beim Essen leiden heute viele nicht an sozialem Mangel sondern an einem Zuviel. Und schließlich sind Feiern heute auch keine seltenen Ereignisse mehr, sondern begegnen uns mit erstaunlicher Regelmäßigkeit.

Ich weiß nicht, ob es diesbezüglich wissenschaftliche Erhebungen gibt, ich vermute aber, dass ein durchschnittlich sozialisierter, berufstätiger Deutscher heute mindestens dreimal so oft an Feiern teilnimmt wie sein Pendant vor 100 Jahren und damit locker auf einen Schnitt von 20 + x pro Jahr kommt. Die Zahl mag manchem zu hoch erscheinen, wird aber realistisch, wenn man nicht nur an die Handvoll markanter „Großfeiern“ wie Hochzeiten oder runde Geburtstage denkt, sondern auch an die vielen kleinen Feiern, die oft schon als Alltag empfunden werden.

Anlässe für Feiern gibt es dabei zahllose, etwa Lebensstationen (Geburt/Taufe, Firmung, Hochzeit, Geburtstage, Ableben) oder Jubiläen (von berühmten Personen, von Institutionen, von Firmen, von historischen Ereignisse) oder im Kalender vorgesehne Feiertage (Weihnachten, Sylvester, Fasching) oder aus sozialen Gründen (Nachbarschaftsfeste, Schulfeste, Firmenfeiern) oder aus Tradition und Brauchtum (Sonnwendfeier, Starkbieranstich, Richtfest) oder aus einen anderen mehr oder minder beliebigen Grund (Sommerfest, bestandene Prüfung, Neueröffnung etc. pp.).

Natürlich bemüht sich jeder Feierverantwortlicher um ein schönes, ansprechendes, individuelles Fest, nicht immer gelingt aber dies, denn am Ende besteht jede Feier doch nur (in unterschiedlicher Zusammensetzung und Ausprägung) aus den drei (heute ubiquitären) Elementen Essen und Trinken, geselliges Zusammensein und Unterhaltung. So kommt es, dass man sich heute auch mit belanglosen, langweiligen, „alltäglichen Feiern“ konfrontiert sieht, was (den eigentlichen Charakter einer Feier bedenkend) letztlich einen Widerspruch in sich selbst darstellt.

Ein spannender Punkt für die Feier-Forschung wäre dabei die Frage, ob heute insgesamt gesehen weniger ausgelassen und vergnügt gefeiert wird wie früher und wenn dem so ist, ob dies dann nur an der beschriebenen Übersättigung liegt oder ob auch noch andere Faktoren zum Tragen kommen.
Vergleiche ich Schilderung von früher mit meinen aktuellen empirischen Erkenntnissen, scheint es mir, als ob heute oft verhaltener gefeiert wird, Gründe dafür wären auch schnell zur Hand, etwa die Einschränkungen beim Drogenkonsum (Rauchverbot, Promille im Straßenverkehr) oder soziale Kontrolle (Angst vor peinlichen Handy-Videos) oder gesetzliche Hemmnisse (Lärmbelästigung) oder Sicherheitsbedenken (Maßnahmen gegen Anschläge) oder gesellschaftliche Veränderungen (Kampf gegen sexuelle Übergriffe ) oder Leistungsdruck (morgens früh raus und nüchtern zur Arbeit). Diese gedämpfte Feierlust ist vielleicht auch nur eine gefühlte (und damit falsche) Wahrheit, denn unzweifelhaft sind viele Feiern immer noch sehr ausgelassen, (feucht)fröhlich wenn nicht sogar exzessiv. Nicht ungewöhnlich ist es, auf einer Feier beide Möglichkeiten zu beobachten, schließlich liegt es immer auch an ihren Teilnehmern, wie „gelungen“ (wer kann hierfür schon einen objektiv verbindlichen Maßstab aufstellen) sie ist bzw. empfunden wird. Die Feier, die den einen tödlich langweilt, hält für den anderen den größtmöglichen Spaß bereit, was nur weiter belegt, wie kompliziert und unerforscht die Welt des Feierns vielfach ist.

Eine Form des Feierns, die mir immer wieder Rätsel aufgibt, ist die Variante Sex und Drogen, die man in Medienberichten über die Partys von Reichen, Mackern und Schnöseln präsentiert bekommt und die man mustergültig in einschlägigen Rap-Videos besichtigen kann. Soweit ich es verstehe, bestehen solche Feiern darin, dass attraktive Frauen möglichst sexy tanzen, während die Männer großspurig mit Alkohol herumprotzen (ihn zum Teil auch trinken) und ggfs. auch noch andere Drogen bereithalten. Dazu gehört, dass sich die Männer nur sporadisch und betont lässig reduziert am Tanzgeschehen beteiligen, während die Frauen nur sporadisch und leicht angewidert am Saufgeschehen teilnehmen. Diese Konstellation wird dann gerne als „geile Party“ bezeichnet und dargestellt, was sich bis zu einem gewissen Grad verstehen lässt, schließlich hat das alles eine massiv sexuelle Note bzw. Perspektive und mit einer solchen macht so ziemlich alles (mehr) Spaß.

Unklar ist mir, wie eine solche „geile Party“ dann tatsächlich abläuft, in welchem Verhältnis die teilnehmenden Männer und Frauen zueinander stehen (aktuelle bzw. potentielle Partner? kurzzeitige Interessensgemeinschaft?), ob es überwiegend bei der sexuellen Andeutung bleibt oder ob daraus tatsächlicher Sex resultiert, inwiefern dies auch von den beteiligten Frauen als gelungene Form des Feierns empfunden wird und wie sich der (angeblich) exzessive Alkohol- und Drogenkonsum auf die angedeuteten sexuellen Aktivitäten auswirkt.

Angesichts der Teilnehmer solcher Feiern überfällt mich immer besonders heftig der Eindruck der zelebratorischen Unbehaustheit, den ich auch bei zahlreichen anderen Feiernden vermute. Über die Folgen der religiösen Unbehaustheit ist schon viel geschrieben worden, was das Feiern (das ja wichtiges Element von Religion ist) betrifft, scheint es mir ähnlich. Früher verlief das Feiern nach klaren Regeln und in engen Grenzen, heute besteht diesbezüglich die größtmögliche Freiheit, was manchen orientierungslos und überfordert zurücklässt. Ob ein Fest, eine Party für diese Leute gelungen ist, richtet sich nicht mehr danach, wie viel Feier-Freude sie dabei verspüren, sondern nach äußeren Merkmalen wie der Bestückung des Buffets, der Auswahl der alkoholischen Getränke, dem Ambiente und Dekor, der Menge der (attraktiven) Gäste oder dem betriebenen (finanziellen) Aufwand. Stimmen diese Faktoren, kann es per Definition eigentlich keine schlechte Feier gewesen sein.

Nie vergessen sollte man dabei, dass die Fähigkeit zu feiern keine einfache, narrensichere, grundsätzlich vorhandene Eigenschaft ist. Wie man richtig feiert, erkläre ich Ihnen aber ein andermal.

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Schlechter Verlierer

Losing makes me lose control

In meinem Blog-Eintrag zur Wortverwandtschaft Alt Alter Oida habe ich schon darauf hingewiesen, dass es Wort-Samen gibt, aus denen nur ein einziger, gerader, eindeutiger Wort-Halm heraussprießt, während aus anderen vielfach verzweigte Sprachbäume bzw. Sprachbüsche entstehen. Als Beispiele der zweiten Gruppe habe ich neben dem Wort alt schon über das vielfältige Fallen nachgedacht, ähnlich komplex ist das Verlieren.

Überwiegend bezeichnet verlieren das Abhandenkommen bzw. das Einbüßen von etwas, dies gilt nicht bei Spielen oder Wettkämpfen, wenn man diese verliert. Sofern man nicht um einen Einsatz gespielt oder gekämpft hat und sofern man in einer Niederlage nicht einen Ehrverlust sieht, ist nicht erkennbar, was einem hier abhandenkommen sollte (Ausnahme sind Kriege und Schlachten, bei denen man Menschen(leben), Land und Besitz verlieren kann). Dem Wort nach verliert man zwar den Wettkampf, aber damit das im Sinne eines Einbüßens stimmte, müsste man ihn irgendwann besessen haben.
In diesem Zusammenhang begegnen einem die guten und schlechten Verlierer, also die, die mit einer Niederlage souverän oder weniger souverän umgehen, um die Tücken dieser sprachlichen Figur geht es noch weiter unten.

Ähnlich wie beim Verlieren eines Spiels, ist bei einem übergreifend als Verlierer (im Englischen als loser bekannt) bezeichneten Menschen unklar, was er faktisch einbüßt. Auch hier ist es mehr der Mangel an bzw. die Abwesenheit von Erfolg, die ihn als Verlierer qualifizieren.

Wenn auch oft sehr abstrakt, kann man bei einer großen Gruppe von Phrasen tatsächlich das Abhandenkommen einer mehr oder weniger konkreten Sache feststellen. Unter anderem kann man Zeit, die Geduld, den Verstand, den Kopf, das Gesicht, das Herz, das Bewusstsein, Spaß und Interesse verlieren, den Franzosen ist es vorbehalten, den Weg zu verlieren (s.h. sich zu verirren). Verwirrend doppeldeutig ist es, wenn jemand erklärt, er habe seine Frau verloren. Im besseren Fall irrt sie nur in einer fremden Stadt oder Menschenmenge herum, im schlechteren ist sie verstorben. Noch komplexer ist es mit dem eigenen Leben, das man auch verlieren kann, was einem aber ebenso wenig zu einem Verlierer macht, wie der Umstand, dass man sich (in/bei etwas) verliert, was dann nicht als lebensverloren sondern eher als gedankenverloren bezeichnet wird. Davon zu unterscheiden ist die unangenehme Situation, in der man verloren ist, dann gibt es keine Hoffnung mehr auf einen guten Ausgang.
Angesichts der vorstehenden Aufzählung ist es schwer verständlich, wieso man manche „großen“ Aspekte nicht verlieren kann, aber weder die Liebe noch die Gesundheit noch das Wissen noch Erinnerungen noch Ärger verlieren wir in unserer Sprache, obwohl sie uns doch abhandenkommen können.

Das Substantiv Verlust verhält sich zu den genannten Beispielen uneinheitlich, nur wenige der Verlierensvorgänge haben ein entsprechendes Hauptwort, etwa der Zeit- oder der Gesichtsverlust. Kein Lebens- oder Menschenverlust sondern nur ein Verlust ist der Tod einer Person, auch im Krieg spricht man knapp von Verlusten. Wichtigste Anwendung dieses Wortes ist aber der finanzielle bzw. wirtschaftliche Verlust, der sich an der Börse, bei einem Handel oder in einer Bilanz zeigen kann. Diesem Bereich bleibt auch der Begriff des Totalverlusts vorbehalten, wenn jemanden nach einer Katastrophe gar nichts mehr bleibt, spricht man dagegen davon, dass er alles verloren hat (was streng genommen nicht stimmt, da er sein Leben ja auch noch verlieren hätte können).

Damit kommt man zur nächsten Kategorie des Verlierens, dem konkreten, materiellen Abhandenkommen. In der Wirtschaft bezeichnet Geld verlieren oft noch einen abstrakten Vorgang, wer mit einem Geschäft Verlust macht, verliert in der Regel nicht physisch Geld. Das ist aber der Fall, wenn man seine Geldbörse verliert. Dieses faktische Verlieren folgt ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten, so ist es nur hier möglich, etwas scheinbar zu verlieren. Man kann einen Schlüssel verlieren oder man kann ihn verlegen (also ihn gedankenverloren da deponieren, wo man ihn später nicht sucht) oder er kann von anderen Personen verräumt bzw. entwendet werden. Für den, der die Hintergründe nicht kennt und nur verzweifelt und erfolglos nach seinem Schlüssel sucht, macht es keinen Unterschied, für ihn ist er verloren.

Ihm Umgang mit solchen materiellen Verlusten zeigen die Menschen sehr unterschiedliches Verhalten, eigentlich sollten man auch in diesem Zusammenhang von guten und schlechten Verlierern sprechen, dass man es nicht tut, hat vermutlich mit einem sprach-logischen Problem zu tun.
So muss man vorab unterscheiden, was gemeint ist, wenn von einem guten Verlierer die Rede ist. Geht es (Variante A) um sein Talent, selten etwas zu verlieren oder geht es (Variante B) um seine Fähigkeit, den verlorenen Schlüssel ebenso gelassen hinzunehmen, wie ein verlorenes Spiel?
Die Variante A birgt das zusätzlich Problem, dass Verlierer bereits eine qualitative Note in sich trägt, wodurch die Bewertung mit gut oder schlecht äußerst verwirrend wird. Sportler ist ein neutraler Begriff, ein guter Sportler ist die positive Aufwertung des neutralen Begriffs. Verlierer ist ein negativ belegter Begriff, was passiert nun, wenn man ein gut davor setzt?

Aufgrund dieser Unklarheit kann ich nicht mit Gewissheit sagen, ob ich mich im Sinne der Variante A als guten oder schlechten Verlierer bezeichnen müsste, Fakt ist, dass ich sehr selten etwas verliere. Das ist gut so, denn im Sinne der Variante B bin ich ein sehr schlechter Verlierer, der Umstand, einen Gegenstand nachweislich oder vermutlich verloren zu haben, kann mich rasend machen, so auch vor ein paar Tagen.

Ich stand in der Küche und spülte ab, unter anderem ein Küchengerät, das aus mehreren Teilen besteht, ein Teil davon ist eine schwarze Kappe, in Form und Größe einer typischen Fahrradventilkappe nicht unähnlich. So ein Teil hat eine besondere Eignung zum Verlorengehen, sehr sorgsam habe ich es deshalb beim Abspülen zur Seite gelegt. Zehn Minuten später war es weg, vermutlich mit einer unachtsamen Handbewegung weggewischt. Leicht gehen solche Teile verloren, schwer sind sie wieder zu finden, geradezu absurd, welche Flug- und Rollwege nach einem Sturz vom Küchentisch von ihnen zurückgelegt werden können. Leise fluchend kroch ich auf allen Vieren herum und meine Stimmung verfinsterte sich mit jeder Minute ergebnislosen Suchens.

Warum ich mit solchen Verlusten so schwer klarkomme, ist schwer zu sagen. Es hat sicher nichts mit materiell-finanziellen Gründen zu tun, die paar Euros lassen mich total kalt, auch der absehbare Aufwand der Wiederbeschaffung rührt mich nicht an.
Das Ganze hat vermutlich eine (naturgemäß schwer zu erklärende) psychologische Note, so locker wie ich emotionslos fünfmal hintereinander beim Mensch-ärgere-dich-nicht haushoch verlieren kann, so wenig kann ich damit umgehen, selbst Dinge von geringem Wert zu verlieren. Wenn Sie Psychologe sind und einen Erklärungsansatz dafür haben, können Sie mir den gerne mitteilen. Ergänzend kann ich Ihnen noch sagen, dass sich bei einem solchen Verlust immer ganz hinten in meinem Kopf das ungute Gefühl einer bzw. meiner „gestörten Ordnung“ festsetzt und das, obwohl ich ausdrücklich keinen krankhaften Ordnungszwang habe.

Ein Gutes hat meine Abneigung gegen das Verlieren dann doch. Wer nicht die Wut und den Frust über einen verlorenen Gegenstand kennt, kann nicht das euphorische Glück ermessen, wenn man das Gesuchte wiederfindet. Bei der verlorenen Kappe war es auch so, den ganzen restlichen Abend war ich munter beschwingt, obwohl ich mit dem Wiederfinden nichts anderes getan hatte, als den unspektakulären status quo ante herzustellen.

Als Musik zu diesem Eintrag empfehle ich Beethovens Die Wut über den verlorenen Groschen. Das Stück hat Beethoven zwar selber nicht so benannt, unter dem Titel ist es aber bekannt geworden. Hören Sie es sich an und stellen sich dazu vor, wie ich im Stil einer frühen Stummfilmkomödie hektisch-genervt nach etwas suche, dann haben sie einen guten Eindruck davon, wie es vor ein paar Tagen in meiner Küche zuging.
Wenn es um abstraktere Aspekte des Verlierens (s.o.) geht, empfehle ich Joy Division mit She lost control.


Die Sisyphos-Debatte

Männerfreundliche Werbung

Eine der bekanntesten Umdeutungen der Kulturgeschichte ist die Neubewertung des Sisyphos durch Albert Camus. Über Jahrhunderte sah man in Sisyphos eine tragische, unglückliche Figur, dazu verdammt, eine mühselige, sich endlos wiederholende, nie endende, deshalb sinnlos zermürbende Aufgabe zu erfüllen. Dann kam Camus, sah sich den Sachverhalt an und kam (stark verkürzt) zu dem berühmten Diktum: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“. Manch einer findet eben selbst (oder gerade) in der Erfüllung einer sich stetig wiederholenden, ergebnislosen, scheinbar sinnlosen Aufgabe einen Sinn. Der glückliche Sisyphos kommt mir immer dann in den Sinn, wenn einmal mehr (wie aktuell) die immer gleiche Diskussion zum Themenkomplex sexueller Missbrauch, sexuelle Belästigung und Sexismus (im Sinne der besseren Schreib- und Lesbarkeit werde ich im Folgenden zwar nicht immer alle diese Begriffe benutzen aber meinen) durch die Medien und die Gesellschaft geht. Wer sich jetzt fragt, was das für eine „immer gleiche Diskussion“ sei, der schaue, ob ihm das folgende Szenario bekannt vorkommt und wie oft er in den letzten zehn Jahren damit konfrontiert wurde.

Der Auslöser bzw. der Stein des Anstoßes bzw. (um beim Bild des Sisyphos zu bleiben) der Anstoß des Steins ist eine Enthüllung, ein Skandal, ein Aufschrei. Ein Prominenter hat (angeblich) belästigt, eine Prominente wurde (angeblich) belästigt, ein Buch dokumentiert persönlichen oder institutionellen Missbrauch, ein Bericht oder eine Untersuchung belegt Sexismus. Die Nachricht löst Entsetzen, Fassungslosigkeit und Anteilnahme mit den Opfern aus.

Darauf folgen die ersten Analysen des vorliegenden Sachverhaltes. Was ist das für ein Typ, der da missbraucht hat? Was ist das für eine Institution, was ist das für ein Umfeld, in der der Missbrauch geschah? Wer ist das / sind die Opfer? Was sind die Hintergründe, wie kam es dazu?

In der nächsten Phase weitet sich die Sache aus. Kommentatoren und / oder andere Opfer erklären, dass es nicht nur um diesen einen, jetzt aktuellen Fall geht, sondern dass Vergleichbares ständig passiert bzw. passiert ist. Nicht einen Täter oder ein Opfer gibt es, sondern viele.

Der Ablauf erreicht seine nächste Stufe, die „Spezialisten“ treten auf. Journalisten, Wissenschaftler, Interessens- und Gruppenvertreter, Politiker und andere irgendwie berufene bzw. betroffene Personen diskutieren den Sachverhalt, wobei hier schon klar wird, dass wirkliche Ergebnisse nicht zu erwarten sind. Zu unbestimmt sind die Fragestellungen, zu unstrukturiert die Gesprächsführungen, zu unterschiedlich die jeweiligen Motive und Ziele. Das eigentliche Ergebnis dieser Stufe ist es, dass sich das Thema noch mehr ausweitet und in die nächste Phase, in der die Diskussion zum Massenphänomen wird, übergeht.

Jeder (prominent oder nicht) meint jetzt einen Kommentar dazu abgeben zu müssen, egal ob im persönlichen Gespräch oder über die (neuen, digitalen) Medien. Diese Kommentare lösen wiederum zahllose weitere Kommentare aus, der Ton und die Stimmung verschärfen bzw. radikalisieren sich. Von Anfang an ist das Thema emotionell beladen, die ersten Kommentatoren und Diskussionsteilnehmer bemühen sich noch um Sachlichkeit und Korrektheit. Je länger es aber dauert und je mehr daran teilnehmen, umso persönlicher und heftiger wird es. „Radikale“ auf beiden Seiten schalten sich ein und heizen die Debatte zusätzlich an, die eingebrachten Aspekte werden immer noch vielfältiger und abseitiger, Themen und Begriffe fließen konfus ineinander, es wird gleichzeitig alles und nichts verhandelt. Wenn es in diesem gigantischen Durcheinander (auf englisch bezeichnet man das mit dem vieldeutigen Wort turmoil) tatsächlich noch irgendwo einen wirklich sinnvollen, hilfreichen, ergebnisorientierten Beitrag geben sollte, geht er in der Masse von (z.T. professioneller) Polemik, Befindlichkeit, Streitlust und Wichtigtuerei sicher unter.

Der Sachverhalt erreicht nun die Hype-Phase. Belästigung ist plötzlich überall, alles und jeder wird damit in Zusammenhang gebracht bzw. danach hinterfragt. Man schaut auf Belästigung im Studium oder in der Popmusik oder im Internet oder in Altenheimen oder bei Kochkursen oder, oder, oder. Keine Preisverleihung, keine Großereignis ohne entsprechende Stellungnahmen, kein kulturelles Festival in einer solchen Zeit, das nicht nach dem thematisch passenden Werk abgesucht wird (und wenn gefunden, dann gerne mit einem Preis bedacht).
Von einer inhaltlichen Diskussion kann jetzt nicht mehr gesprochen werden. Es gilt der allgemeinen Hysterie gerecht zu werden, wer sich jetzt nicht mit dem Thema „beschäftigt“, macht sich schnell verdächtig, die Sache nicht ernst zunehmen oder gar zu verharmlosen, wobei es zunehmend schwieriger wird, sich richtig zu positionieren, denn alle Standpunkte, alle Argumente dazu wurden im großen turmoil schon mehrfach aufgestellt, widerlegt, gegenwiderlegt, diskreditiert und rehabilitiert, so dass unerkennbar wird, was die „richtige“ Haltung ist. Was kann man noch sagen, ohne vom wem in welcher Weise angegriffen und welchen Ungeistes (Frauenhass, Männerhass, Ignoranz, Hysterie, Feigheit, Chauvinismus, Gesinnungsterror, etc.) bezichtigt zu werden?

Nun endlich steht man knapp vor dem Gipfel des Sisyphos-Berges und dort oben, über dem Pulverdampf der chaotischen Massenschlacht beginnen die Meta-Kommentare und -Diskussionen. Es geht nun um ganz grundsätzliche Fragen, wie sich Männer, Frauen und Sexualität in unserer modernen Zeit zueinander verhalten, wo die Grenzen der Freiheit (in der persönlichen Entfaltung, in der Meinungsfreiheit) liegen, was das alles über unsere Gesellschaft aussagt, es geht um Gesprächkultur, Aufmerksamkeit im Medienzeitalter und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung.

Von diesem Punkt aus geht es dann bergab, die Situation beruhigt sich, sofern nicht regelmäßige Nachrichten (etwa zum Stand des Gerichtsprozesses des ursprünglichen Skandals) für konstanten Gesprächsstoff sorgen, kann es rasend schnell gehen und der Sachverhalt liegt unbeachtet wieder am Fuß des Berges, an seinem Ausgangspunkt, kein bisschen leichter oder handlicher geworden.

Dann dauert es 6 – 18 Monate, bis ein neuer Skandal über Missbrauch oder Belästigung publik wird und die gleiche (wenn nicht sogar dieselbe) Mühsal beginnt von vorne. Da frage ich mich, wie ich mir die Teilnehmer dieser nie erfolgreichen Diskussion vorstellen muss?


Subkultur Moderne Kunst

Klassisches Gebäude, moderner Inhalt

Wer diesen Blog regelmäßig liest weiß, dass ich ein schwieriges Verhältnis zur Modernen Kunst (zur Differenzierung dieses Begriffs komme ich später) habe. Aus verschiedenen Gründen und Motivationen konfrontiere ich mich gelegentlich mit Beispielen dieser kulturellen Richtung, in Straßburg foppte mich z.B. die Erwartung zahlreicher Werke Gustave Dorés ins Musée d’Art Moderne et Contemporain de Strasbourg, in Düsseldorf war es die Hoffnung auf Werke von Andreas Gursky, die mich zu einem Besuch des K21 verleitete. Von den geschätzten Künstlern sah ich jeweils leider nur ganz wenige Werke, dafür umso mehr solche, die exemplarisch für mein schwieriges Verhältnis zur Modernen Kunst sind.

Mein Besuch im K21 kann man in allen Aspekten (das Museum, die Besucher, die Angestellten, die Kunstwerke) als mustergültig für diesen Bereich erachten, fast schon klischeehaft war das, was ich bei der Installation Parallelgesellschaft von Alexandra Bircken erlebte.
Teil der Installation sind u.a. ein aktiver Rasenmäher-Roboter und drei (inaktive dafür) stark modifizierte Motorräder. Das Kunstwerk warf viele Frage bei mir auf, die profansten (also nicht die nach dem Sinn oder der Intention des Kunstwerks) richtete ich an den Herrn vom Aufsichtspersonal, etwa die, wofür die Bodenmarkierungen da sind, auf die man (gemäß seiner Anweisung) nicht treten soll. Die dienen dazu, wurde mir freundlich erklärt, dass der Rasenmäher nicht ausbüxt. Das fand ich amüsant, machte einen Witz im Sinne von „Ich sehe schon die Überschrift im Express: „Entflohener Rasenmäher läuft in Düsseldorf Amok“, der Aufseher schmunzelte dezent.

Unter einem der Motorräder fiel mir eine Ölpfütze auf. Ich fragte, ob diese so von der Künstlerin gestaltet worden sei. Nein, erwiderte der Aufseher, das Motorrad sei einfach nur undicht. Ich fragte weiter, wie sich das Museum dazu verhält. Es gebe dazu eine hitzige Diskussion im Haus, erklärte er, eine Fraktion ist für wegwischen (u.a. wegen den möglichen Schäden am Boden), die andere Fraktion ist dagegen (weil die Pfütze Teil des Kunstwerks ist), er selber lasse auf jeden Fall die Finger davon. Meine Anmerkung zu den Gefahren von Reinigungsaktionen im Kunstbereich quittierte der Mann (wir waren schließlich in einem Düsseldorfer Museum) mit einem wissenden Nicken und dem passenden Hinweis auf Beuys.
Dieser Vorfall im Speziellen und der Besuch des K21 im Allgemeinen hat bei mir einmal mehr heftiges Nachdenken über die Moderne Kunst ausgelöst. Einige Tage später sah ich dann den Film The Square, der u.a. sehr klug und gekonnt den Modernen Kunstbetrieb reflektiert, meine kürzlich gemachten Erfahrungen komplementierte und meine Gedanken zu dem Thema endgültig zum Überlaufen brachte.

Moderne Kunst hat verschiedene Namen und Ausprägungen. Üblicherweise bezeichnet man mit dem Begriff Aspekte der sog. Bildenden Kunst (also vereinfacht gesagt die, die in Museen hängt und steht), die Moderne findet sich aber auch in anderen Künsten wie dem Theater, dem Kino, der Musik und der Literatur, wobei das Modern (nach unklaren Regeln) auch durch die Begriffe Zeitgenössisch oder Experimentell ersetzt wird. Wirklich präzise ist die Abgrenzung damit immer noch nicht, was modern oder zeitgenössisch ist, muss noch lange nicht experimentell oder jenseits des Kunstkanons sein, andererseits ist manche Kunst von früher heute zwar nicht zeitgenössisch, dafür aber immer noch experimentell. Belassen wir die Definition im Ungefähren, wenn ich im weiteren von Moderner Kunst rede, dann meine ich Kunstwerke wie die oben genannte Installation, Musik die atonal mit Instrumenten und Helikoptern gespielt wird, Theaterstücke bei denen man sinnvollerweise nicht nach einer Handlung sucht, Filme die aus zwei Einstellungen und fünf (in Endlosschleife wiederholten) Worten bestehen, usw., Sie wissen was ich meine.

Mit meinem schwierigen Verhältnis zur Modernen Kunst bin ich (ausnahmsweise) nicht allein. Wenn Ihnen auf einer Party der Gesprächsstoff ausgeht, dann machen Sie sich über Moderne Kunst lustig, das geht immer, da hat jeder was (und selten zur Ehrenrettung) zu sagen. Besonders (ver)störend empfand ich immer (und da war ich gedanklich wohl wieder alleine), dass mich das Unverständnis von Moderner Kunst so nachhaltig beschäftigte. Es gibt Unmengen von Kunst, die mich nicht interessiert, die ich nicht verstehe, die ich nicht verstehen will, die mich total kalt lässt. Nur die Moderne Kunst verursacht mir regelmäßig stachelige Dissonanzgefühle und starkes Nachdenken zu fundamentalen, schwer zu lösenden Fragen wie „Was ist Kunst?“. Die Ereignisse der letzten Wochen haben mich möglicherweise einer Erklärung für dieses Phänomen näher gebracht, meine zentrale Erkenntnis ist die, dass Moderne Kunst eine Subkultur ist.

Subkulturen haben eigene Regeln, eigene Codes, eigene Ästhetik und eigene Wahrnehmungen. Wenn man diese Eigenheiten einer Subkultur nicht kennt (weil man sich nicht darauf einlässt und intensiv damit beschäftigt), kommt einem diese oft lächerlich, unsinnig und unverständlich vor, egal ob es obskure Musikgenres, Jugendbewegungen oder Hobbys (von LARP über Tuning bis zu Rassehunde) sind. Nur wer wirklich Teil einer solchen Subkultur ist, die Regeln und Codes kennt und akzeptiert und daraus resultierend eine besondere Wahrnehmung entwickelt, findet darin Sinn und Schönheit. Mit der Modernen Kunst es nichts anderes, mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Moderne Kunst nicht als Subkultur sondern als die Kultur wahrgenommen wird.

Subkulturen spielen sich üblicherweise in Nischen ab, kein Mensch kommt auf die Idee, Subkulturen als allgemeines (ästhetisches) Ideal zu betrachten (das sich manche Subkulturen zum Mainstream auswachsen können ist ein anderes Thema), bei Moderner Kunst tut man das aber und damit beginnen die Probleme. Warum ist das so? Warum lebt die Moderne Kunst nicht wie andere Subkulturen auch in einer Nische, wird von Eingeweihten für Eingeweihte gemacht und von der Masse großzügig ignoriert? Weil die Moderne von gestern oft die Klassik von morgen ist.

Die Kunstgeschichte ist ja randvoll mit Modernisten, Erneuerern und Experimentierern, die zu ihrer Zeit abgelehnt, verlacht und nicht verstanden wurden, die sich langfristig aber durchsetzten und zu Klassikern wurden. Im Kunstbetrieb hat sich diese Einsicht so tief eingegraben, dass man nicht mehr darauf wartet, bis ein Moderner zum Klassiker aufgestiegen ist, bevor man ihn in das Pantheon der Museen, Konzertsäle und Theater einlässt, vielmehr holt man ihn (aus verschiedenen Gründen) gleich rein. Mit diesem Hereinholen attestiert man aber automatisch den allgemeinen Kunststatus (warum würde es sonst in renommierten Museen ausgestellt oder berühmten Konzertsälen aufgeführt werden?), was es so bei anderen Subkulturen definitiv nicht gibt, da kann man immer streiten ob etwas (gute) Kunst ist.

Diese Praxis des Kulturbetriebes führt dazu, dass die Subkultur Moderne Kunst nicht nur von wenigen Eingeweihten wahrgenommen wird, sondern auch von vielen „normalen“ Kulturinteressierten, die nichts damit anfangen können, sich und anderen dies aber nicht eingestehen wollen oder können, denn schließlich haben sie ja offiziell legitimierte Kunst vor sich, weshalb sie ihr Unverständnis eines modernen Kunstwerks nur auf sich selbst und eigene Defizite zurückführen können. Moderne Kunst verursacht also (gerade bei grundsätzlich Kulturinteressierten) massenhaft das Gefühl, zu blöd und ignorant dafür zu sein, wo sie in Wirklichkeit nur eine weitere Subkultur ist, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben kann.

Was folgt aus dieser Erkenntnis? Soll man die Moderne Kunst aus den anerkannten Institutionen entfernen, sie in ein subkulturelles Nischendasein drängen und von Zeit zu Zeit einzelne Werke, die sich zu zweifelsfreien Klassikern entwickelt haben, abrahmen (sic!)? Das ist zwar ein interessanter Gedanke, aber auch ein sehr utopischer. An der herrschenden Situation wird sich gar nichts ändern, wichtig ist nur, dass man sie mit anderen Augen betrachtet und so das Unwohlsein, das sich bei der Konfrontation mit der Modernen Kunst gerne einstellt, überwindet.

Und weil diesen Blog-Eintrag vermutlich viele kunstsinnige Menschen lesen werden, habe ich zum Schluss noch eine Frage: Welchen Sinn hat es, dass Museen auf den Erläuterungstafeln neben dem Schöpfer, dem Titel und dem Entstehungsjahr oft auch die Produktionstechnik eines Kunstwerks angeben? „Öl(farbe) auf Leinwand“ ist der Klassiker aus den „alten“ Museen, im K21 wurde ich u.a. darüber informiert, welches Druckverfahren die dort ausgestellten Fotographen verwenden. Spielt es zum Verständnis bzw. zum Empfinden eines Bildes irgendeine Rolle, ob zu seiner Entstehung ein Tintenstrahldrucker (welche Marke???), ein Fotolabor oder ein Pinsel und Farbe notwendig waren?


Warum Düsseldorf?

Ausgerechnet ein röhrender Hirsch in Düsseldorf

Es gehört zu den unvermeidlichen Konventionen bzw. Traditionen unserer Zeit und Gegend, jemand bei Ankündigung eines bevorstehenden Urlaubs zu fragen: „Und, wohin geht’s?“ Als ich vor einigen Wochen diese Fragen wahrheitsgemäß mit „Düsseldorf“ beantwortete, erntete ich durchgehend Zweifel, Unglauben, Verwunderung, Verstörung und vielfach die reflexhafte Nachfrage „Was willst du in Düsseldorf?“, was mich dann doch gewundert hat. Als ich nach Köln, Hamburg oder Berlin gefahren bin, habe ich solche Reaktionen nicht erhalten, mir erschloss sich nicht, wo hier der Unterschied lag.

In Düsseldorf habe ich mir in einem Antiquariat ein Buch von Alfred Polgar gekauft, im Hotel las ich darin den Text „Fremde Stadt“, in dem Polgar beschreibt, wie er in einer (ungenannten) fremden Stadt ist, diese mit seiner Heimatstadt vergleicht und zu dem Ergebnis kommt, dass es „eigentlich, abgesehen von Nuancen in Form und Farbe, Geruch und Klang, ganz wie bei uns zu Hause (ist) und um dieser Nuancen willen herzureisen, lohnt nicht die Mühe“. Dieses ironisch zugespitzte Urteil dient Polgar vor allem dazu, einen Grund zu nennen, die Mühe der Reise doch auf sich zu nehmen, nämlich „das schlichte Gefühl, nicht in ihr daheim zu sein“. In gewohnt eleganter Weise erläutert er in wenigen Sätzen dieses angenehme „Gefühl völliger Unabhängigkeit von der Schwerkraft, die die Menschen der Stadt an sie bindet“. Bei mir verschärfte der Text die seit den oben geschilderten Reaktionen schwelende Überlegung dazu, warum ich (als Großstadtbewohner) Urlaub in anderen Städten mache, warum mir Düsseldorf ein passendes Urlaubsziel erschien und warum meine Mitmenschen das so verwundert hat.

Mit seinem Urteil, dass sich Städte nur in Nuancen unterscheiden (wobei man sich eine gewisse geographische und kulturelle Begrenzung mitdenken muss, Polgar hat sicher nicht das heimatliche Wien mit Kairo oder Shanghai verglichen), hat Polgar einmal Recht und zweimal Unrecht.
Richtig ist, dass sich etwa deutsche Großstädte in vielen Aspekten tatsächlich nur in Kleinigkeiten unterscheiden. In einer typischen Strassensituation erkennt man oft nur an einer bestimmten (regionalen) Werbung, gesprochenem Dialekt, architektonischen Eigenheit oder anderen Kleinigkeiten, ob man sich in Hamburg oder München aufhält.
In manchen großstädtischen Aspekten (da greift Polgars Urteil zu kurz) unterscheiden sie sich aber noch nicht einmal in Nuancen. Wer in einer typischen Einkaufsmeile bzw. Fußgängerzone shoppt, in einem typischen (Ketten)Lokal isst, ein internationales Event (z.B. Musical) anschaut oder in ein typisches Großmuseum mit Künstlern von Rubens bis Warhol geht (siehe meinen Blog-Eintrag zur Museumsmüdigkeit), der wird tatsächlich keinen Unterschied mehr feststellen. Sehr viele Menschen wollen genau das im Urlaub, ihnen geht es gar nicht mehr um das von Polgar geschilderte Gefühl des Fremdseins, sie wollen offensichtlich nur wo anders sein (ohne auf das ihnen Bekannte verzichten zu müssen).
In wieder anderen Aspekten (und da liegt Polgar zum zweiten Mal falsch) unterscheiden sich Städte in mehr als nur Nuancen, manche Unterschiede sind grundlegender, gehen über Biersorten, Bräuche und topographische Eigenheiten hinaus. Diese Unterschiede machen den Charakter einer Stadt aus und genau darum geht es mir bei meinen Reisen.

Den Charakter einer Stadt zu beschreiben ist naturgemäß schwierig, üblicherweise wird er am Verhalten seiner Bewohner festgemacht. In zahlreichen Reiseführern und –büchern findet sich am Anfang der Versuch einer Charakterisierung, der zu dem Schluss kommt: „Den Berliner / Hamburger / Kölner /… gibt es nicht“, um im weiteren Buch dann doch immer wieder darauf hinzuweisen, was der Berliner gerne tut, was dem Hamburger gar nicht gefällt und wie man mit dem Kölner am besten klar kommt.
Dass die Bewohner einer Stadt deren Charakter ausmachen klingt zwar logisch, ist aber trotzdem falsch. Tatsächlich bestimmt die Stadt den Charakter ihrer Bewohner, anders ginge es gar nicht, denn die Bewohner der Stadt wechseln mit konstanter Regelmäßigkeit (die Zahl der – gar seit mehreren Generationen – „Eingeborenen“ wird heute wohl in jeder Großstadt geringer sein als die der Zugezogenen), derart müsste sich der Charakter einer Stadt laufend stark ändern, was er aber nicht tut.

Auf eine komplexe, ein bisschen geheimnisvolle Weise trägt jede Stadt ihren (nur schwer veränderlichen) Charakter in sich und prägt damit (auf ebenso geheimnisvolle Weise) ihre Bewohner, wobei man sich diese Beeinflussung weniger wie eine genetische Vererbung, sondern mehr wie eine laufende Virusinfektion vorstellen muss. Um ein „geborener Münchner“ zu sein, muss man nicht unbedingt in München geboren sein, man muss nur mit dem „Münchner Virus“ gut zurechtkommen.

Wie aber findet man im Rahmen eines nur mehrtägigen Aufenthalts den schwer zu fassenden Charakter einer Stadt wie Düsseldorf? Ich empfehle weitläufig durch die Stadt zu gehen (wirklich gehen, selbst radfahren ist ungeeignet!), touristische Hotspots nur oberflächlich zu besichtigen, universelle Stadtstandards (z.B. Fußgängerzonen, Restaurantketten) ganz zu meiden und sich so weit als möglich den lokalen Gegebenheiten anzupassen (einheimische Zeitung lesen, einheimisches Bier trinken, ortstypische Kneipen besuchen), auch wenn das nicht immer dem eigenen Geschmack entspricht.
Das habe ich alles in Düsseldorf auch gemacht und einmal mehr festgestellt, dass jede Stadt schon mal einen ganz eigenen „Verkehrscharakter“ hat. Das Zusammenspiel von Autofahrern, Radfahrern, Fußgängern und sonstigen Verkehrsteilnehmern, die gegenseitige Toleranz und Rücksichtnahme, die Beachtung bestimmter Verkehrsregeln, der Einsatz von Hupen und Klingeln ist meiner Beobachtung nach in jeder Stadt anders, Düsseldorf empfand ich diesbezüglich als sehr angenehm, ruhig, entspannt, mit einem guten Schuss deutscher Korrektheit.

Ebenfalls auf der Straße und öffentlichen Plätzen erlebt man das menschliche Zusammenleben, Leute schwatzen, streiten, sitzen, schauen, telefonieren, spielen, arbeiten, putzen; in jeder Stadt ergibt sich daraus eine andere Melange, in Düsseldorf war der Eindruck auch hier ein sehr ruhiger, zurückhaltender und so langsam bekam ich eine Ahnung vom Charakter der Stadt.
Düsseldorf ist keine auftrumpfende Stadt, die ständig sich und anderen entgegenschreit, wie toll und spannend sie ist. In anderen Städten wird man laufend mit deren (angeblichen) Eigenheiten konfrontiert, in Düsseldorf ist das nicht so, da muss man nach dem Ortstypischen schon eher suchen. „Das liegt daran,“ mag ein Kritiker oder Spötter erwidern, „dass Düsseldorf keine Eigenheiten hat.“ In vielen Köpfen sitzt scheinbar das Bild von der Stadt ohne Eigenschaften fest, woraus sich die oben geschilderten Zweifel an meinem Reiseziel ergaben. Tatsächlich fand ich Düsseldorf genauso vielschichtig und interessant wie jede andere mir bekannte deutsche Großstadt, mit dem erfreulichen Unterschied, dass einem hier die (oft touristisch geprägten) Klischees nicht aufgedrängt werden.

Wie komplex diese „Zurückhaltung“ ist, zeigt sich am Verhältnis der Stadt zu ihrer Geschichte und vor allem zu ihren berühmten Söhnen und Töchtern.
Bei meinen Wanderungen durch die Stadt verfolgte mich hartnäckig Gefühl, dass etwas fehlt. Erst nach einigen Tagen habe ich erkannt was es ist, nämlich Hinweistafeln. In anderen Städten hängen an allen Ecken und Enden Tafeln, die erläutern wann was hier passiert ist, wer wo geboren oder gestorben ist, was es mit diesem Haus oder jenem Kunstwerk auf sich hat. In Düsseldorf findet man solche Tafeln nur ganz selten und wenn, dann hat sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit eine Privatperson, ein Verein oder eine sonstige (nicht öffentliche, städtische) Organisation aufgestellt.
Das sonderbare Verhältnis Düsseldorfs zur (eigenen) Geschichte zeigt sich mustergültig an Heinrich Heine, dem „berühmtesten“ Sohn der Stadt. Legendär sind diesbezüglich die Streitereien um die Errichtung von Heine-Denkmälern und die Umbenennung der Uni, damals wie heute gehen die meisten Heine-Initiativen von Privatpersonen oder Vereinen aus. Üblicherweise führt man die distanzierte Haltung Düsseldorfs zu Heine auf dessen jüdische Abstammung und seinen kritischen Geist zurück, bis zu einem gewissen Grad (vor allem früher) mag das stimmen, die ganze Wahrheit ist es in meinen Augen nicht. Ich glaube, es steckt auch eine gute Portion des Düsseldorfer Charakters darin.

Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Um das zu überprüfen, sollte man analog den Umgang mit anderen bekannten Düsseldorfern betrachten, was mangels passendem Kandidaten schwierig ist.
Der Autor Hermann Harry Schmitz ist leider zu unbekannt für eine öffentliche Ehrung, Gustav Gründgens war zumindest einmal ein Star, ist den meisten heute aber unbekannt, Helmut Käutner dito, Jürgen Habermas ist als Philosoph nur bedingt geeignet, Rosemarie Nitribitt hat nur einen sehr zweifelhaften Ruhm erlangt, Wim Wenders ginge zur Not, Marius Müller-Westernhagen, Heino und die Toten Hosen eignen sich als lebende Popmusiker für Denkmäler und Geburtshaus-Tafeln (noch) nicht, zudem sind sie eigentlich nur in Deutschland weltberühmt.
Selbst die weltweit wohl berühmtesten Düsseldorfer kennt kaum einer, was nur zu gut ins Bild passt. Ralf Hütter und Florian Schneider (und verschiedene Mitmusiker) haben mit ihrer Band Kraftwerk die internationale Popmusik massiv geprägt, als typische Düsseldorfer haben sie sich aber jedem Starkult konsequent verweigert, ihr mythisch umwehtes Kling-Klang-Studio, das eine ähnliches Potential zur Pilgerstätte wie die Sun Studios oder die Abbey Road Studios besitzt, war lange Zeit ein bestens gehütetes und verschlossenes Geheimnis und befand sich bis zu seinem Umzug nach Meerbusch in einem unscheinbaren Haus in Bahnhofsnähe, an dem heute nicht das Geringste an dessen (Pop)Geschichtsträchtigkeit (weder offizielle Plakette noch inoffizielle Graffitis) erinnert.

Hier wurde Geschichte geschrieben

Sollte es je den Plan zur Errichtung eines Kraftwerk-Denkmals in Düsseldorf geben, werden sich vermutlich die Stadt und die Band mit großer Eintracht dagegen verwehren. Möglicherweise landet das Denkmal dann neben dem berühmten Heinrich-Heine-Denkmal in der New Yorker Bronx, das da seit 120 Jahren steht, weil es die Düsseldorfer nicht haben wollten (im Gegensatz zu Heine hätten Kraftwerk über HipHop und Afrika Bambaataa sogar einen sehr konkreten Bezug zur Bronx).

Was sagt das nun alles über Düsseldorf? Wie ist Düsseldorf? Schwer zu sagen. Diese Düsseldorfer Zurückhaltung bzw. Verweigerung kann auf große Bescheidenheit hindeuten. Oder auf große Gelassenheit. Oder auf eine gewisse Melancholie. Oder auf eine tiefe, stoisch-philosophische Haltung. Oder auf sturen Eigensinn. Oder auf Ignoranz. Oder auf Überheblichkeit. Oder auf Gleichgültigkeit. Oder auf eine Mischung aus all dem. Ich weiß nicht genau was es ist (ich ahne es zumindest), ich weiß nur, dass ich keine andere Stadt mit diesem Charakter kenne.


Rückkehr mit einem Schulterzucken

Das wäre konsequent

Im April 2013 habe ich im Blog-Eintrag Bye Bye Soderbergh davon berichtet, wie ich regelmäßig vom Kinostart eines neuen Steven Soderbergh Films überrascht werde. Im Fall von Side Effects war die Überraschung gleich doppelt, da Soderbergh zeitgleich seinen Rückzug aus dem Filmgeschäft erklärte, ich hatte dies zum Anlass für eine dezent wehmütige Betrachtung zu diesem (in mehrerer Hinsicht) geschätzten Regisseur genutzt und mit den Worten geschlossen „Und zum Glück ist Soderberghs Kino-Rückzug (im Gegensatz etwa zu einem unerwarteten Ableben) ein „soft-farewell“, so dass zumindest die Möglichkeit besteht, an einem zukünftigen Donnerstag bei der Durchsicht der neu gestarteten Filme davon überrascht zu werden, dass Soderbergh ganz pragmatisch entschlossen hat, dass es dann doch noch eine Geschichte gibt, die er nur im Kino erzählen kann.“ Genau das trat jetzt ein, als ich vor ein paar Tagen den Trailer zu Logan Lucky sah.
Im Dezember 2012 habe ich im Blog-Eintrag Shut up and come back über den groß inszenierten Abschied des Musikers James Murphy und seinem LCD Soundsystem nachgedacht und bereits da massive Zweifel geäußert, ob diese Abkehr wirklich für immer sein wird. Am 1. September erschien nun das „Comeback-Album“ American Dream.

Meine hellseherischen Fähigkeiten will ich hier nicht weiter diskutieren, bei James Murphy war der Sachverhalt zu absehbar, bei Soderbergh hatte ich nur die Hoffnung auf ein Comeback, wenn er nicht zurückgekehrt wäre, hätte mich das auch nicht gewundert (ich schätze ihn eben wegen seiner konsequenten Haltung, seiner „Realness“).
Natürlich bin ich froh, dass die beiden wieder zu der Tätigkeit zurückgekehrt sind, für die ich sie sehr schätze, aber die Freude über die neuen (und zukünftige) Werke kann einen unguten Nachgeschmack nicht vollständig überdecken. Dieses Gschmäckle begegnet mir nicht nur bei Künstler-Comebacks.

Murphys Abschied war explizit (und wortwörtlich) inszeniert incl. Abschiedstour und passendem Film. Soderbergh hat es nicht ganz so hoch aufgehängt aber doch Interviews dazu gegeben und darin sehr glaubhaft dargelegt, warum für ihn an diesem Punkt Schluss ist. Wie bei jedem Abschied von etwas Geliebtem, engagiert man sich dabei emotionell, man ist traurig darüber, fortan ohne diesen Künstler auskommen zu müssen, Murphy hat diese emotionelle Beteiligung gezielt (heraus)gefordert, Soderbergh hat sie zumindest in Kauf genommen. Jetzt kommen beide mit einem Schulterzucken zurück, aufhören war doch nicht das richtige, alle freuen sich, dass sie wieder da sind, also alles gut. Für mich nicht.

Wenn jemand in der Blüte seines Lebens und seiner künstlerischen Schaffenskraft steht und plötzlich keinen Bock mehr hat, warum muss er dann seinen Abschied erklären und damit emotionelle Betroffenheit auslösen? Warum legt er nicht eine Pause mit unbestimmter Dauer ein? Über eine solche Pause ist der Fan auch nicht glücklich aber er ist darüber sicher nicht so traurig wie über einen (scheinbar) endgültigen Abschied. Wenn die Pause wieder vorbei ist, macht man halt weiter, wenn die Pause für immer ist, dann wird man langsam vergessen. Ist das zu wenig spektakulär? Geht es vielleicht gerade darum, Emotionen zu erzeugen?

Solche Fragen kann man sich auch in anderen Zusammenhängen stellen, etwa bei manchen (nicht allen!) Liebesbeziehungen und Hochzeiten, bei denen massiv (in diesem Fall positive) emotionelle Beteiligung eingefordert wird. Wenn das Paar nach wenigen Jahren erkennt, dass es doch nicht passt, lässt man sich – schulterzuckend – scheiden und fertig. Oder die Menschen, die anderweitig ihr Leben ändern, plötzlich gesünder leben, Sport treiben, ein neues Hobby haben, einer neuen Lebensphilosophie anhängen und emotionelle Beteiligung wie Begeisterung und Unterstützung einfordern. Ein halbes Jahr später ist wieder alles beim alten und auf die Lebensumstellung angesprochen erntet man ein Schulterzucken. Oder die Situation, in der einem dramatische Probleme geschildert werden, man macht sich als Zuhörer ernsthafte Sorgen macht, diese Sorgen verfolgen einen vielleicht über Wochen, dann trifft man sich wieder, man erkundigt sich nach den Problemen und erhält darauf erst einen verständnislosen Blick, dann ein Schulterzucken und eine Antwort wie „Ach das. Das passt (wieder).“, die ein unausgesprochenes „Was regst du dich über das Thema so auf?“, enthält.

Mit ist schon klar, dass man in emotionell aufgeladenen Situationen nicht immer vernünftig handelt, dass man starke Gefühle nach außen tragen will (weil die übliche Empathie der Mitmenschen nicht auszureichen scheint), dass man die eigene Befindlichkeit über die Betroffenheit der anderen stellt. Aber wenn diese Emotion wieder abgekühlt ist, wenn wieder alles normal ist, sollte man sich dann nicht Gedanken darüber machen, inwiefern man seine Mitmenschen in (wortwörtlich) Mitleidenschaft gezogen hat?

Mir ist auch klar, dass man das Ergebnis einer grundlegenden Lebensveränderung nicht verlässlich abschätzen kann (vor allem wenn starke Emotionen mit hinein spielen) und man deshalb nach einiger Zeit feststellen muss, dass der Rückzug aus der Kunst, eine Heirat oder das Bekenntnis zur veganen Ernährung ein Fehler war und man diese Entscheidung revidiert. Aber sollte man dann nicht auch an die Menschen denken, die man genötigt hat, diese Entscheidungen emotionell mitzutragen?

Da kann man jetzt fragen, was es mir persönlich bringt, wenn sich z.B. James Murphy oder Steven Soderbergh öffentlich dafür entschuldigen, dass sie einen Rückzug erklärt haben, den sie nicht durchgehalten haben.
Es brächte mir die Hoffnung, nicht aus Gedankenlosigkeit, kommerziellen oder noch niedereren Gründen manipuliert worden zu sein. Und es würde verhindern, dass ich zukünftig bei Ankündigungen von Lebensveränderungen (egal ob Künstlerabschied, Heirat oder gesündere Lebensführung) noch konsequenter unbeteiligt mit den Schultern zucke, was mir dann wieder als Zynismus ausgelegt und vorgehalten wird.


Sachdienlich

Wovon man nicht sprechen kann…

Ich habe in diesem Blog bereits darauf hingewiesen, dass manche Worte nur im Biotop bzw. in der Nische von bestimmten Phrasen überleben (siehe hier) Sprüche wie unter der Knute von jemand zu stehen oder jemand an die Kandare zu nehmen (es ist reiner Zufall, dass mir spontan diese dominant geprägten Beispiele dazu einfallen) bewahren die alten und / oder fachspezifischen Begriffe für eine Peitsche bzw. eine Gebissstange vor dem Vergessenwerden, gäbe es diese Phrasen nicht, wüssten wohl nur ausgewählte Tierfreunde (und möglicherweise geschichtsinteressierte Sado-Masos), was damit gemeint ist. Weniger verständlich ist für mich das enge Anwendungsgebiet des Wortes sachdienlich.
Wenn ich frage, woher Sie das Wort sachdienlich kennen, antworten Sie mit 99%iger Wahrscheinlichkeit aus den „sachdienlichen Hinweisen“, die die Polizei oder eine Fernsehsendung wie Aktenzeichen XY bei der Klärung eines Falles erbittet. Dass die Knute oder die Kandare ein Nischendasein fristen (ja, auch fristen ist so ein Nischenwort, das nur in Symbiose mit dem Dasein – oder seltener dem Leben – überleben kann) verstehe ich, ihre ursprüngliche Bedeutung ist heute fast unbekannt und erklärt sich nur im fachspezifisch-historischen Kontext. Sachdienlich dagegen ist ein wunderbar selbstsprechendes Wort, sachdienlich ist, was der Sache dient, eigentlich egal ob es ein kriminalistischer bzw. juristischer (im Prozessrecht hat das sachdienlich ebenfalls ein geschütztes Habitat) Fall oder ein sonstiger Sachverhalt ist. Trotzdem hört man das Wort in anderen Zusammenhängen so gut wie nie, außerhalb juristischer Kreise dominieren Worte wie (nicht) relevant oder (nicht) zielführend oder (un)bedeutend, der Duden stuft es als Amtssprache bzw. Papierdeutsch ein. Eigentlich schade, denn fehlende Sachdienlichkeit ist ein großes Ärgernis für mich.

Kommunikation ist ein seeeeehr komplexes Thema mit seeeeehr vielen Aspekten. Einer dieser Aspekte ist sachbezogene Kommunikation. Es gibt ein Problem, einen Sachverhalt, eine Situation, die einer „Klärung“ (auch das ein sehr schönes, sprachliches Bild, wie ein „trüber“, „verschmutzter“ Sachverhalt „geklärt“ wird) bedürfen. Ich persönlich bin ein großer Befürworters des in medias res, also ohne langes Geplänkel (schon wieder so ein seltenes Wort) mitten rein in die Sache und so lange drin bleiben, bis ein konkretes Ergebnis erzielt ist, was nur mit sachdienlichen Beiträge zu erreichen ist. Ich akzeptiere bis zu einem gewissen Grad, dass eine derart radikale Sachdienlichkeit für viele (wenn nicht sogar die meisten) Menschen unangenehm, verstörend ist. Das unvermeidliche Schmiermittel erfolgreicher Kommunikation ist nicht sachdienlich, sondern besteht aus sachfremden Dingen wie Begrüßungen, Danksagungen, Austausch von Freundlichkeiten, Smalltalk, auflockernden Späßen. Bitte gerne, wenn dieses soziale Fett dazu dient, dass die Kommunikation dann besser, s.h. „der Sache dienend“ verläuft, soll es mir Recht sein. Womit ich dagegen gar nicht klar komme, sind Gesprächsbeiträge, die weder direkt noch indirekt sachdienlich sind.

Es spielt dabei keine Rolle, ob man mit einer, fünf oder zwanzig Person(en) spricht und auch die Beziehung zu den Gesprächspartnern (Familie, Freunde, Nachbarn, Kollegen, Vorgesetzte, Würdenträger, etc.) lässt keine verlässliche Regel erkennen. Es kann einem in jedem sachbezogenem Gespräch passieren (und es passiert öfter als es mir lieb ist), dass der / ein Gesprächspartner einen Beitrag bringt, der mehr oder minder offensichtlich in keiner Weise sachdienlich ist. Da stelle ich mir regelmäßig drei Fragen:

1. Warum bringt man einen solchen Beitrag?
2. Warum kommen viele mit solchen Beiträgen durch?
3. Was kann man dagegen tun?

Zur ersten Frage habe ich verschiedene Erklärungsansätze, der wahrscheinlichste ist (wie so oft) der profanste, nämlich schlichte Unfähigkeit bzw. Überforderung. Manche Gesprächsteilnehmer sind mit dem Sachverhalt einfach überfordert, sie haben keine Ahnung, keine Lösung, keinen Überblick, trotzdem wollen / sollen / müssen sie etwas dazu beitragen, also sagen sie irgendwas.
Andere verstehen durchaus worum es in dem Gespräch geht, haben aber auch keine Lösung oder wollen mit der Wahrheit nicht rausrücken oder wollen sich selber gut dastehen lassen, hier schlägt die Stunde für den Bullshit.
Andere sind einfach nur Wichtigtuer, die ein solches Gespräch als Bühne benutzen, um ihre Ansichten zu irgendwelchen Themen loszuwerden, wieder andere versuchen durch nicht sachdienliche Beiträge das Gespräch zu sabotieren, weil sie (aus welch zweifelhaften Gründen auch immer) kein Interesse an einem sinnvollen Ergebnis haben.

All diese Motive sind nicht schön, aber mit etwas Fantasie nachvollziehbar. Unverständlich ist mir, weshalb dieses Gewäsch so selten kritisiert wird und viele damit tatsächlich durchkommen.
Möglich ist dies teilweise aufgrund der hochkomplexen Dynamik, die in einem Gespräch herrscht. Mal gibt es einen „Gesprächsleiter“, mal nicht; mal haben alle einen ähnlichen Status, mal nicht; mal gibt es besondere gesellschaftliche Konventionen einzuhalten, mal nicht; mal gibt es (von einigen Beteiligten) ein echtes Interesse an der Problemlösung, mal nicht; usw.
Das größte Hindernis (bzw. der besten Schutz für die Schwätzer) ist aber Scham und Scheu. Denn selbst wenn es die äußeren Umstände zulassen, einen Wortbeitrag als nicht sachdienlich zu kritisieren, besteht immer die Gefahr, dass man sich dadurch selber harsche Kritik einhandelt. Dann wird einem unterstellt, dass man zu doof sei, die Bedeutung des Beitrags zu verstehen oder es wird (von Vertretern des „Es gibt keine schlechten Ideen“) gejammert, dass man mit gegenseitiger Kritik auch nicht weiterkommt oder die Kritik wird schnell abgetan, denn vor Bekenntnis oder Ablehnung der Kritik stehen wieder Scham und Scheu. Und hinterher wundert man sich, wieso das Gespräch zu keinem besseren Ergebnis gekommen ist und man deshalb einen weiteren Termin anberaumen muss.

Was kann man aber gegen die Schwätzer machen, die aus einem sinnvollen Diskussionskreis im Handumdrehen eine Quatschbude machen? Ich kenne schon ein Mittel, nur ist es nicht für jeden geeignet und mit gewissen Nebenwirkungen ist auch zu rechnen, ich nenne es die Columbo-Methode.
Wird man wieder einmal mit einem total unsinnigen Wortbeitrag konfrontiert, sollte man sich (wie der legendäre Fernseh-Inspektor) eine möglichst unverfängliche, fast unbeteiligte wenn nicht sogar naive Haltung aneignen und dann mit leicht entschuldigender Miene die „Eine Frage hätte ich da noch“-Karte ziehen. Ein Geständnis wie „Es tut mir leid, aber ich glaube das habe ich jetzt nicht verstanden“ oder eine Frage wie „Und wie beantwortet das die im Raum stehende Problematik?“ kann Ihnen keiner übel nehmen. Da verdreht der Schwätzer vielleicht die Augen, weil Sie (scheinbar) so dumm sind, aber das Augenverdrehen vergeht im ganz schnell, wenn er seinen Unsinn noch einmal besser, verständlicher, sachdienlicher erläutern soll. Scheuen Sie nicht davor zurück, nach einer weiteren Unsinns-Aussagen ggfs. einen drauf zu legen und um nochmalige Erklärung zu bitten, weil sie es „leider immer noch nicht verstanden haben“. Eine nette Variante davon ist es, sich an andere Gesprächsteilnehmer zu wende und die um Erklärung zu bitten, da stellen sie plötzlich fest, dass die das auch nicht können, obwohl sie seit Stunden mit wissender Miene alles abnicken.
Wenn Sie Angst um Ihr Image haben, so trösten Sie sich mit dem Spruch: Dumm ist nicht der, der etwas nicht versteht, sondern der, der nichts gegen das Unverständnis tut.
Aber ich muss Sie warnen! So wie Columbo mit seiner naiven Fragerei die bösen Gangster überführt, können Sie mit der aufgezeigten Methode notorische Dummschwätzer bis zur Peinlichkeit bloßstellen, worauf einige äußerst unfreundlich wenn nicht sogar mit Feindseligkeit reagieren. Vielleicht ist auch das ein Grund, weshalb selbst kluge und ergebnisorientierte Menschen den Schwätzern so selten in die Parade fahren.