Der Sinn der Reise

Wie hier beschrieben, war ich ein paar Tage in Prag. Einer meiner ersten Wege führte mich in die ehemalige Herrengasse, jetzt Panska, dort residierte in der Hausnummer 8 bis 1939 das Prager Tagblatt, eine legendäre Zeitung, die viele von mir geschätzte Autoren zu ihren Mitarbeitern zählte und die als Institution selber Spuren in der Literatur hinterlassen hat. Von dieser Zeitung zeugt heute nichts mehr (nur indirekt die Gedenktafel, dass Egon Erwin Kisch in diesem Haus seine journalistische Karriere gestartet hat, wobei die Zeitung, wo er das getan hat, ungenannt bleibt), das wusste ich bereits, vor mir hatten schon andere diese Pilgerreise angetreten und im Internet von der „Profanisierung“ des Gebäudes berichtet. Ich stand nun trotzdem davor und fand alles so unspektakulär vor, wie beschrieben. Während ich reflexhaft ein Foto des Gebäudes machte, überkam mich plötzlich mit voller Wucht das Gefühl der totalen Sinnlosigkeit.

Warum stand ich vor diesem nichtssagenden Haus, was erwartete ich hier? Dass (wie in einem dieser mittelmäßigen Filme) plötzlich eine sepiagefärbte Vision der vergangenen Zeit vor mir auftaucht, Schreibmaschinengeklapper aus den Fenstern dringt, Zeitungsverkäufer, Redakteure und Originale jeder Art das Szenario bevölkern und Schriftsteller wie Kisch oder Polgar auf dem Weg zur Arbeit freundlich herübergrüßen? Dass ich irgendeine Art „Aura“ spüren würde? Nichts dergleichen erwartete (m)ich, nichts dergleichen würde passieren. Heute vor diesem Haus zu stehen, würde mich dem Geist und dem Umfeld des vergangenen Prager Tagblatts keinen Deut näher bringen.

Mit einem komischen Gefühl verließ ich die Panska, um mich weiter touristisch zu betätigen, wobei mit jeder weiteren Station die Überlegung darüber, warum ich (und z.T. tausend andere) gerade hier ging oder stand oder schaute, weiter genährt wurde. Letztlich wurde eine ziemlich weitreichende Reflexion über Sehenswürdigkeiten, Gedenkorte und den Sinn des Reisens daraus, was durchaus im aktuellen Trend der kritischen Hinterfragung des (Massen)Tourismus’ liegt. Man kann darin auch eine Fortführung meiner Überlegungen anlässlich meines letztjährigen Düsseldorf-Urlaubs sehen.

Reisen ist (wie könnte es anders sein) eine komplexe Sache. Die Ziele einer Reise sind (nicht nur geographisch gesehen) zahlreich. Die einen wollen faul entspannen, die anderen wollen Abenteuer erleben, die anderen Party machen, die anderen Kultur, die anderen eine Mischung und bei vielen vermute ich immer noch, dass sie gar nicht wissen, warum sie reisen, sie tun es einfach, weil es jeder tut.
Von einer typischen Stadtreise wird man grob gesagt erwarten, a) die fremde Stadt kennenzulernen, b) den persönlichen Interessen nachzugehen und c) eine angenehme Zeit dort zu verbringt.
Die Punkte b) und c) sind noch relativ einfach zu erreichen, wer kunstinteressiert ist, der geht ins Museum, wer gerne Bier trinkt, der geht ins Lokal und Biermuseum, wer gerne gut isst, der geht ins Sternelokal, wer sich für Architektur interessiert, der schaut sich Gebäude an, usw. usf.
Der Punkt a) ist dagegen bedeutend schwieriger umzusetzen. Wie lernt man eine Stadt kennen, wie bekommt man einen Eindruck von ihren Eigenheit, ihrer Stimmung, ihrem Charakter? Noch komplizierter wird es durch die ergänzenden Fragen: Welchen Charakter einer Stadt will man kennenlernen? Einen aktuell realistischen oder einen touristisch gefärbten oder einen historischen oder einen persönlich verklärten? Was ist original, originär, typisch? Will man z.B. Prag als moderne europäische Großstadt oder als Freiluftmuseum oder als Kulturmetropole oder als mediale Kulisse oder als privaten Sehnsuchtsort erleben?

Meiner Beobachtung nach, wollen die Reisenden eine sehr komplexe, sehr amorphe, sehr widersprüchliche, nicht immer korrekte Mischung, was sich schön in einem Satz aus meinem Reiseführer widerspiegelt, der die Beschreibung eines Spaziergangs auf Kafkas Spuren folgendermaßen einleitet: „Franz Kafka ist die Kultfigur, auf seinen Spuren wandert man, um das alte Prag von Karl IV. und Mozart zu entdecken.“
Die bildliche Entsprechung dazu sind die Schaufenster und Regale der Souvenirhändler, wie hier abgebildet.

Kafka, Karl IV., Mozart, Mittelalter, Bier und Jugendstil (von Gustav Klimt). Ist das Prag? Sehen die Touristen Prag so? Sehen die Souvenirhändler und die Tourismusbranche Prag so?
Die „naiven“ Touristenmassen, die ein, zwei Tage in einer Stadt verbringen, (durch)leben meist die Hardcoreversion dieser bizarren Melange, bestehend aus einem Teil ortsunabhängiger Großstadtstandards (Fußgängerzonen, Hotel- und Restaurantketten, Museen, Musicals, etc.), einem Teil bekannter Sehenswürdigkeiten und einem Teil Lokalkolorit (bzw. dem, was man dafür hält und was einem dafür verkauft wird).
„Anspruchsvollere“ Touristen setzen zwar andere Schwerpunkte (weniger touristisch, auch abgelegene Sehenswürdigkeiten, mehr Authentisches, vielfältigere Eindrücke), stehen deshalb aber nicht weniger vor dem Problem, den wahren Charakter bzw. (richtiger) einen von vielen wahren Charakterzügen der Stadt zu finden.

Welche Orte, welche Sehenswürdigkeiten, welche Traditionen vermitteln einen Eindruck dieser Stadt? Macht man einen Spaziergang auf Kafkas Spuren um der (alten) Stadt oder Kafka (oder gar Karl IV. und Mozart) näher zu kommen? Was sind „Kafkas Spuren“? Seine ehemaligen Wohn-, Schaffens- und Lieblingsorte bzw. das, was davon noch existiert? Das Kafka-Museum? Die nach ihm benannte Kafka-Straße? Die Skulpturen und Denkmäler zu seinen Ehren wie Kafkas Kopf?

Warum besucht und besichtigt man die Gräber von Prominenten wie Kafka oder Smetana, aus denen sich über das Leben und Wirken dieser Personen am allerwenigsten ablesen lässt?

Welches Bild von der Stadt Prag haben Touristen, die sich in diesen absolut unauthentischen Retro-Autos herumkutschieren lassen?

Warum bewundern hunderte die Reiterstandbild vom hl. Wenzel, während zur gleichen Zeit wortwörtlich kein Mensch vor der viel imposanteren Reiterstandbild von Jan Zizka steht?

Warum ist ein von Frank Gherry entworfenes Haus per se eine Sehenswürdigkeit und was hat dies mit dem „typischen Prag“ zu tun?

Warum ist die John-Lennon-Mauer eine Sehenswürdigkeit? Weil Sie ein Symbol für den politischen Widerstand ist? Weil sie aus ähnlich unklaren Gründen wie manches youtube-Video einfach viral gegangen ist? Kommen die Touristen wirklich zu dieser Mauer wegen ihrer historischen Bedeutung für Prag oder wegen John Lennon und den Beatles, obwohl diese unmittelbar mit der Mauer überhaupt nichts zu tun haben? Ist die Mauer somit ein Behelfsdenkmal, wie etwa das „Michael Jackson-Denkmal“ in München?
Warum findet die Beethoven-Gedenktafel in unmittelbarer Nähe der Lennon-Mauer keine große Aufmerksamkeit, obwohl der Komponist dort tatsächliche einmal wohnte?
Warum geht ein Ort wie die Lennon-Mauer viral und wird zur anerkannten, „kultigen“ Sehenswürdigkeit, während die frappant an Darth Vader erinnernde Statue des Eisernen Ritters (und nicht des Golems, wie fälschlicherweise mehrfach im Internet behauptet wird!) zwar immer mal wieder bemerkt aber nie zur Attraktion wird?

Warum stehe ich vor dem Gebäude des ehemaligen Prager Tagblatts und dem Haus, in dem Egon Erwin Kisch eine Zeit lang gelebt hat? Was bringt mir das? Was sagt mir das?

Am ehesten lässt sich das verstehen, wenn man eine Stadt als Gesamtkunstwerk betrachtet, an dem viele verschiedene Menschen (incl. der „Zuschauer“) mit vielen verschiedenen Motivationen arbeiten. Und wie immer in der Kunst sind die dabei wirkenden Mechanismen schwer erklärbar, etwa bei der Entstehung eines Erfolgs. Irgendwann sind Pop-Hits, Buch-Bestseller und Top-Sehenswürdigkeiten Selbstläufer, die immer mehr Leute anziehen, weil sie viele Leute anziehen. Aber wie beginnt dieser Kreislauf?
Wieso gelten manche Kunstwerke (z.B. sog. signature songs) als typisch für ihre Zeit, warum gelten manche Sehenswürdigkeiten typisch für eine Stadt? Wie erreicht ein Kunstwerk Kultstatus? Vermutungen diesbezüglich gibt es viele, Gewissheiten keine.
Nicht zu vergessen, dass jedes Kunstwerk einer persönlichen Interpretation und Erwartung unterliegt, so auch die Stadt, in der jeder Betrachter (wie in einem Spielfilm) etwas anderes sucht und findet, was sich nicht notwendigerweise mit den Intentionen des Schöpfers deckt.

Schließlich und endlich stecken hinter den Motiven des Reisens auch ganz profane menschliche Eigenschaften, wie etwa Schaulust (ein Panorama oder ein pittoreskes bzw. ungewöhnliches Bauwerk zieht die Menschen immer an), Neugier, Herdentrieb und die sonderbare Unfähigkeit, Abstraktes im Abstrakten zu belassen.
Das größte, unvergängliche Denkmal für das Prager Tagblatt oder für Kafka oder Smetana oder John Lennon sind die Spuren, die sie in der Kunst und der Geschichte hinterlassen haben. Man kann ihre Bücher lesen, ihre Musik hören, ihr Leben und Schaffen studieren, Unsterblichkeit ist ihnen damit gewiss. Aus irgendeinem Grund reicht uns Menschen das aber nicht, wir brauchen einen physischen Beweis, eine Materialisierung, eine Verortung dieser abstrakten Legenden. Also schaffen wir uns diese konkreten Belege, mal als offizielles Denkmal, mal als inoffizielle Gedenkstätte (wie in der Panska 8) und ganz oft als Souvenir, durch das wir erst die Gewissheit zu erlangen scheinen, dass das abstrakte Kunstwerk der besuchten Stadt wirklich existiert.

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Prag

„Der Schrei“ auf böhmisch

„Ich habe eine Reise und auf dieser Reise mehrere Beobachtungen gemacht, die allseits lebhafte Gleichgültigkeiten erwecken dürften“, hat Alfred Polgar einmal geschrieben, ich befinde mich nach meiner Fahrt nach Prag in einer ähnlichen Situation. So wie Polgar werde auch ich mich von dieser Erkenntnis nicht davon abhalten lassen, einige dieser Beobachtungen zu schildern.

Während meine letztjährige Reise nach Düsseldorf im Vorfeld weitgehend Unverständnis und Unglauben hervorrief (hier nachzulesen), erntete ich auf die Ankündigungen, nach Prag zu fahren, ausnahmslos Zustimmung und volles Verständnis. Prag ist offensichtlich ein anerkanntes Reiseziel, für das man sich nicht rechtfertigen muss.

Die Goldene Stadt

Wenn Sie gerne über die Deutsche Bahn schimpfen, dann fahren Sie mal mit der Tschechischen Bahn.

Reiseentschleunigung in Holysov

In Düsseldorf war mir aufgefallen, dass dort kaum Gedenk- und Erläuterungsschilder hängen, in Prag beobachtet man eher das Gegenteil, die Stadt ist geradezu überladen von (Ge)Denkmälern und –tafeln, da reicht es schon, als „An American Women Writer“ zwei Jahre in einem Haus gelebt zu haben.

Das Gefühl, dass in der Stadt was fehlt, beschlich mich aber auch in Prag, schnell wurde mir bewusst, dass es Radfahrer sind. Ich war garantiert noch nie in einer Großstadt, in der mir so wenige Radfahrer begegnet sind. Grob geschätzt habe ich in fünf Tagen um die 50 (insgesamt!) Radler gesehen, davon waren ca. 30 Touristen in geführten Touren. Dass die Stadt trotzdem explizit Fahrradwege ausweist (wie hier an der Moldau), scheint mehr symbolischen Charakter zu haben.

Das Fehlen der Radfahrer mag damit zu tun haben, dass Prag eine in doppelter Hinsicht sehr unebene Stadt ist. Im Großen bedeutet dies, dass Prag sehr hügelig ist, man also ständige auf und ab läuft bzw. fährt. Im Kleinen bedeutet das, dass die Gehwege, Plätze und gepflasterten Straßen (die geteerten Straßen sind davon ausgenommen) der Stadt der reine Alptraum für jeden deutschen Bauaufsichts-Unfallverhütungs-Sicherheitsbeauftragen sind. Überall Löcher, Unebenheiten und Stolpersteine, nirgendwo normierte Randstein oder nahtlos verlegtes Pflaster. Sonderbarerweise sieht man trotzdem keine Massen von Menschen, die mit Scherz verzerrtem Gesicht auf dem Boden liegen und sich (wie Peter Griffin) das aufgeschlagene Knie halten oder ihre verstreuten Habseligkeiten aufsammeln. Ebenso wenig erlebt man in Prag, dass ständig Menschen überfahren werden, obwohl Fußgängerampeln, Zebrastreifen und Straßenüberquerungen nicht so apodiktisch wie in Deutschland gesehen werden, man vielmehr das Zusammenspiel von Autofahrern und Fußgänger nach groben Regeln bedarfsgerecht immer wieder neu verhandelt. Beides belegt meine felsenfeste Überzeugung, dass der bei uns vielfach betriebene Sicherheitswahn Unsinn ist, weil keine Norm und keine Vorschrift denselben positiven Effekt wie ein aufmerksamer und vor- bzw. umsichtiger Mensch haben kann.

Für die Unebenheiten der Prager Wege sind verschiedene Aspekte verantwortlich, einer ist für mich schwer verständlich. Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit trifft man auf Stellen unterschiedlicher Größe (von 10 x 10 cm bis zu einem Quadratmeter), an denen die Pflastersteine wie „aufgerührt“ herumliegen. Ich habe von solchen Stellen sicher mehr gesehen als Radfahrer, ihre Ursache ist mir total schleierhaft, im Internet habe ich dazu nichts gefunden. Rational kann ich mir das nicht erklären. Schäden des Winterdienstes können es nach meiner Einschätzung ebenso wenig sein wie Arbeiten an Erdleitungen, Vandalismus schließe ich auch aus. Gibt es eine klimatische oder geologische Begründung dafür? Ausspülungen bei Starkregen? Frostschäden? Minimale geothermische Aktivitäten? Oder irgendwelche mir unbekannten Tiere? Stadtmaulwürfe? Steinwürmer? Für sachdienliche Hinweise zu diesem rätselhaften Thema wäre ich dankbar.

Auf der Liste der Dinge, die ich nicht mag, steht u.a. das Hotel- bzw. Pensionsfrühstück, während ich mit der öffentlichen Essensaufnahme (einschließlich des Frühstücks in einem Cafe) unter anderen Umständen kein generelles Problem habe. Die Gründe für diese Abneigung sind vielfältig, oft geht es schon bei den sog. Frühstücksräumen los, die sind regelmäßig so deprimierend und abweisend, dass man darin eher sein Leben beenden als den Tag beginnen möchte (das wäre auch mal ein schönes Internetprojekt, eine Sammlung mit Fotos der schlimmsten Exemplare). Bei meinem Hotel in Prag hatte ich zumindest dieses Problem nicht, ganz im Gegenteil, der Frühstücksraum war wirklich wunderschön.

Trotzdem hat mich jeden Tag der mir bekannte Hotelfrühstücks-Schauder überlaufen, wenn ich morgens gezwungenermaßen an dem meist gut besuchten Raum vorbei musste. Genau kann ich es nicht festmachen, was mich daran so abschreckt, es spielen mehrere Faktoren eine Rolle, etwa das unschön egoistische „Buffet- und all inclusive-Verhalten“ mancher Gäste.
Zudem haftet dem Hotelfrühstück immer etwas (mir) unangenehm Privates an. Menschen kommen frisch geduscht oder halb verschlafen daher, oft leger und nicht ausgehfertig angezogen, die Erlebnisse des letzten Abends / der letzten Nacht sind ihnen ins Gesicht geschrieben oder werden freimütig erläutert und das erste Glas Orangensaft kippt man bereits am Safttressen stehend auf ex, gerade so, als ob man am heimischen Kühlschrank steht.
Hinzu kommt, dass das Frühstück die mit Abstand ritualisierteste Mahlzeit ist. Zu sehen, wie die Leute ihre Frühstücksrituale am Rande zur Zwangshandlung praktizieren, gibt mir mehr psychologische Einblicke, als ich (in doppelter Hinsicht) nüchtern vertrage.
Bei keiner Mahlzeit gibt es auch stimmungsmäßig solche Unterschiede, während die einen den Hauch von morgendlicher Depression und Melancholie verströmen, sind die nächsten (gerade im Urlaub) schon in der Früh unverschämt gut gelaunt (bis zum Mittagessen hat sich das meist auf ein erträgliches Maß nivelliert).
Wenn Sie jetzt glauben, meine Haltung resultiert schlicht daraus, dass ich ein Morgenmuffel bin, so irren Sie sich, ich kann Ihnen versichern, dass der Grad meiner Muffeligkeit von der Tageszeit unabhängig ist.

Ich kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass man bei einem Stadturlaub so viel als irgend möglich zu Fuß gehen sollte. Wäre ich etwa der Versuchung erlegen, den hoch gelegenen Petrin-Berg bzw. -Park mit der Standseilbahn zu erklimmen, dann wäre mir unter Garantie der Besuch im Museum / Atelier des unglaublichen REON entgangen. Ein Fantasy-Fieberwahn der Extravaganz, der zumindest in meinem Reiseführer nicht verzeichnet war. Die Softdrinkerfrischungen sind im Eintrittspreis inbegriffen! Wenn Sie (so wie ich vor meinem Besuch) nicht wissen, wer REON ist, schauen Sie entweder ins Internet oder fahren Sie nach Prag und gehen zu Fuß den Petrin-Berg hoch.

Jede Großstadt bewegt sich zwischen Tradition und Moderne, ein schönes Symbol für Prag habe ich diesbezüglich im Wallensteingarten gefunden. Dort schwimmen in einem Bassin neben den traditionell in Prag sehr geschätzten Karpfen nun auch deren stylischen Verwandten die Koi-Karpfen.

Ist das eine Frage der Gewöhnung oder sind die Sirenen in Prag wirklich derart laut und durchdringend, dass man sie durch die ganze Stadt hört? Mein Reflex auf die mal nahen, mal entfernten (aber immer noch gut zu hörenden) Sirenen war das innerliche Anstimmen von Dizzee Rascals Klassiker Sirens, der somit zum Song meiner Reise wurde.

In meinen Blog-Einträge zu anderen Stadtreisen habe ich mich bereits mit verschiedenen Aspekten des Reise- bzw. Stadt-Aberglaubens beschäftigt (siehe etwa in Köln oder Hamburg). Lovelocks gibt es auch in Prag, etwa im Zugangsbereich zur Karlsbrücke, die selber aufgrund ihrer blöden gotischen Bauweise das Anbringen von Vorhängeschlössern kaum zulässt. Münzen in irgendwelchen Brunnen habe ich nicht gesehen, dafür das in Städten auch oft zu findende Rubbelglück, wie hier abgebildet.

Vielleicht mach ich mir mal einen Spaß und schleife an einem stark frequentieren Ort in München beliebig an einer Bronzefigur oder Tafel eine Stelle blank. Es würde vermutlich nicht lange dauern, bis die ersten daran rumreiben und von da an wäre es ein Selbstläufer. Ärgerlich wäre das natürlich für die Leute, die darauf reinfallen und derart um ihr Glück geprellt würden.

Neben den allgegenwärtigen Souvenir-Läden scheint sich der Prager Handel vor allem auf drei Säulen zu stützen: Cannabis-/Absinthshops, Geschäfte mit mehr oder weniger böhmischen Glaswaren und Wechselstuben. Letztere werben durchgehend damit, „no commission“ zu berechnen, offensichtlich finden sie auch ohne diese „commission“ zu einem erträglichen Einkommen. Wie gewinnbringend dieser Geschäftszweig scheinbar ist, zeigt sich am bescheiden berühmten kubistischen Kiosk in Bahnhofsnähe. Vor meiner Reise hatte ich noch über den sympathisch geschichtsbewußten Betreiber dieses einzigartigen Kiosks gelesen, jetzt hat sich eine weitere Wechselstube dort eingenistet. Man kann darin ein Beispiel für die allseits diskutierte Dominanz der Finanzwirtschaft sehen.

Den Besuch des hier beworbenen Museums für Folterinstrumente konnte ich mir sparen, nachdem ich diese Passage, die zum östlichen Ende der Karlsbrücke führt, durchschritten hatte. Der dort herrschende Touri-Souvenir-Irrsinn war mir Folter genug.


Smartphonerätsel

Through the smartphone glass

Wenn den Leute heutzutage langweilig ist, dann schauen sie auf ihr Smartphone. Wenn mir heutzutage langweilig ist, dann schaue ich mir Leute an, die auf ihr Smartphone schauen. Da gibt es im Grunde nicht viel zu sehen, denn vor dem Smartphone sind alle Menschen gleich; leicht gesenkter Kopf, konzentriert emotionsarmer Blick, verhaltene Fingerbewegungen. Gerade in dieser Uniformität steckt aber für mich die Spannung, denn mein Spaß liegt in der Spekulation darüber, was wohl auf dem jeweiligen Smartphone gerade passiert.

In Prä-Smartphone-Zeiten konnte man Menschen anhand ihres Zeitvertreibs relativ leicht einordnen. Der eine las die Bild-Zeitung, der andere die FAZ, die nächste Cosmopolitan und wieder ein anderer ein Fix und Foxi-Heftchen, in Kombination mit Alter und Aussehen der Leser machte man sich schnell ein Bild von ihnen. Das geht mit Büchern auch, wer in der U-Bahn Dan Brown liest, wird anders eingeschätzt als der, der in James Joyce oder Bert Brecht schmökert. Die Spieler eines Gameboys oder exzessive SMS-Schreiber (erinnert sich noch jemand an die früher 2000er Jahre?) ließen sich ebenso kategorisieren wie die unüberhörbaren Handy-Telefonierer, die ihre Intelligenz und ihren Charakter durch profunde Gesprächsinhalte wie „Ich stehe gerade an der S-Bahn, wo bist du?“ oder „Soll ich was vom Mackie mitbringen?“ kundtaten.

Heute ist das (weitgehend) anders, heute starren die Leute mit erstaunlich einheitlichem Blick auf ihr Smartphone, auf dem vielleicht ein superdoofes Browsergame oder ein Arthouse-Film oder billigstes Infotainment oder seriöse Nachrichten oder belanglose Chats oder lebensverändernde Mails oder komplexe Arbeit oder kreatives Schaffen oder Onlineshoping oder, oder, oder abläuft.
Dass Smartphones so erfolgreich sind, hat verschiedene Gründe, einer der weniger beachteten ist der Imagegewinn, den man dadurch erzielt. Wer früher als erwachsener, seriös gekleideter Mensch mit einem Gameboy, einem Comic oder einem Klatsch-Blatt in der Hand zum Dummkopf abgestempelt wurde, der wischt heute wichtig auf seinem Smartphone herum (z.B. um zu daddeln, Comics oder Klatsch zu lesen) und wirkt dabei genauso wie der, der einen Millionendeal abschließt oder wie der, der an einem Mittel gegen Krebs arbeitet.

Meine Spekulationen darüber, was die Leute gerade mit ihren Smartphones machen, bleiben meist Spekulationen, üblicherweise erhalte ich keinen Einblick in die neue Intimzone des modernen Menschen. Manchmal passiert es dann doch, eher unfreiwillig, typisch etwa in gut gefüllten, öffentlichen Verkehrsmitteln, dann riskier ich schon mal einen unauffälligen bzw. unvermeidbaren Blick. Wirklich positiv überrascht werde ich dabei ganz selten, meistens ist es dann doch das zu Erwartende, also sehr viele Chats (unbekannten Niveaus; ich gehe nicht so weit, Inhalte mitzulesen), viele Filme bzw. Serien, manchmal Online-Zeitungen, zwischendrin die Profanität des Alltags, also Bahnauskunft, Wetterbericht, Google, etc.

Ich kann schlecht abschätzen, wie verbreitet dieses Linsen auf fremde Smartphones ist, sollte es ein verbreitetes Phänomen sein, dann hätte ich eine tolle Geschäftsidee, nämlich Angeber-Apps. Anstatt sich dabei erwischen zu lassen, wie man bunte Kristalle sammelt oder die neuesten softerotischen Posts von irgendwelchen Mediensternchen checkt, würden diese Angeber-Apps (je nach persönlichem Geschmack) Situationen simulieren, die einen richtig gut dastehen lassen.
Im Modell Newcomer hätte man einen fiktiven Mailverkehr mit einem Popstar / Produzenten (verschiedene Musikrichtungen sind auswählbar), der dem Smartphonebesitzer versichert, der übersandte Track sei total genial und man müsse doch unbedingt was zusammen machen. Modell Start-up simuliert den Geschäftstag eines aufstrebenden Internetunternehmers, der seine Geschäftszahlen und die Abläufe im Büro kontrolliert. Modell Party tut so, als ob man am Vortag die beste Feier aller Zeiten besucht bzw. veranstaltet hat und sich nun reihenweise die Leute (immer noch euphorisiert bzw. erotisiert) rückmelden („kanns immer noch nich fassen, Cro und Sophia Thomalla auf deiner party! so geil!!!!“). Modell Wissenschaft gibt vor, man bastle am Smartphone hochkomplexe Molekülketten oder physikalische Formeln zusammen, zwischendrin dann Mailverkehr mit dem MIT, dem CERN und der Uni Princeton. Viele weitere Modelle sind denkbar.

Was sich mit dem Smartphone nicht geändert hat, ist das Rätsel der gehörten Musik. Schon seit den seligen Walkman-Zeiten kann man (sofern die Lautstärke moderat eingestellt ist) nur vermuten, welche Musik die Menschen mit meist teilnahmslosem Gesicht über ihre Kopfhörer aufnehmen. Auch dazu habe ich eine schöne Idee (die sich aus verschiedenen Gründen leider nicht für ein Geschäftsmodell eignet). Nur zu gerne hätte ich ein Gerät, mit dem ich mich durch die Kopfhörer meiner Mitmenschen switchen könnte (bei zunehmender Verbreitung von wireless-Kopfhörer wird dies möglicherweise – zumindest technisch – keine Utopie bleiben). Beim Einsatz eines solchen Gerätes würde manches Charakterbild, dass man sich von fremden Menschen (vor)schnell aufgrund von Äußerlichkeiten macht, ordentlich ins Wanken geraten.


Mehr als ungefähr

Bereits vor mehr als einigen Jahren habe ich mich mit der sehr zweifelhaften Formulierung bis zu … und mehr auseinandergesetzt und kam zu dem Schluss, dass sie sprachlicher Unsinn bzw. Bullshit-Sprech ist. Ich hätte damals nicht geglaubt, dass ich eine Formulierung finde, die ungefähr genauso und noch lächerlicher ist, am vergangenen Wochenende war es dann so weit.

Auf einer großen Werbetafel bewarb eine Supermarktkette die Eröffnung einer weiteren Filiale, die Worte unschlagbar und günstig wurden dabei  fast überstrapaziert, zusammen mit unfassbar, Aktion, Discount, Angebote und Preise wurden die unglaublichsten Versprechen und Aussagen kombiniert. Diese übersensationelle Werbelyrik wäre noch nichts Besonderes, das kennt man nicht anders. Gestaunt habe ich aber bei der oben abgebildeten Botschaft: Tausende und mehr Marken

Was soll ich mir darunter vorstellen? Tausende ist eine unbestimmte Mengenangabe, so wie viele oder einige, mit dem einzigen Unterschied, dass sie eine Größenordnung angibt (nämlich irgendwo zwischen zweitausend und zwanzigtausend) und damit nicht gänzlich relativ ist (was viele sind, hängt stark von den Umständen ab). Mit dem Spruch vom bis zu … und mehr wird ein Maximum gesteigert, was schon ziemlicher Quatsch ist. Mit tausende und mehr wird eine ungefähre Menge gesteigert, was fast noch größerer Unsinn ist, die mathematische Entsprechung hierfür lautet: tausende + mehr = tausende (sofern mehr nicht sehr viel mehr ist, denn dann wäre das Ergebnis zehntausende).
Wie hätte man es richtig formuliert? Entweder tausende Marken oder mehrere tausend Marken
Wie hatte man es noch falscher formuliert? Mehrere tausende Marken

Bedeutend präziser ist da die berühmte Werbebotschaft der Firma Parship, die nicht schwammig von tausenden Verliebten spricht, sondern bekannterweise ausgerechnet hat, dass sich alle elf Minuten ein Single über dieses Portal verliebt. Seit einiger Zeit wirbt nun die Firma Durex mit dem Spruch „Alle 3 Minuten infiziert sich jemand in Deutschland mit einer Geschlechtskrankheit“ für die schützende Wirkung ihrer Kondome. Die Berechnungsweise dieser Behauptungen einmal außer Acht lassend, frage ich mich seit Wochen, ob die sprachliche Ähnlichkeit der Aussagen Zufall oder Absicht ist und welche Erkenntnis man aus der Kombination der beiden Zahlen ziehen kann.


Apropos Trump

Funny, isn’t it?

Kennen Sie das? Sie schauen oder hören Nachrichten und beim abschließenden Wetterbericht beschleicht Sie so ein komisches Gefühl, als ob irgendwas fehlt, also ob die Nachrichten nicht vollständig gewesen sind. Das sind dann die Tage, an denen ausnahmsweise nicht über Donald Trump berichtet wird. Der Wahnsinn dieser Präsidentschaft nimmt kein Ende und es braucht schon einige Phantasie, um sich Fehltritte, Skandale oder Peinlichkeiten auszudenken, die Trump oder sein Umfeld noch nicht vollbracht haben. Natürlich wird das von allen Seiten aus kommentiert und trotzdem kann man immer neue Aspekte des Phänomens Trump entdecken, etwa folgende, nur lose zusammenhängende.

Zum Einstieg ein sechsstufiger Witz:
Trump propagiert seit jeher, dass Amerika von irgendwelchen verschwörerischen Mächten wie der Presse, den Medien, dem Politestablishment, den Linken, den Ausländern, fremden Nationen oder wem auch immer kontrolliert und regiert wird. Erste Stufe des Witzes: Wenn dem so ist / war, warum konnte Trump dann gewählt werden und ist immer noch im Amt? Wenn man betrachtet, wen Trump alles beleidigt oder brüskiert hat, gegen wen er alles schimpft, welche Fehler er macht, dann kann man seinen Erfolg eigentlich nur mit einer (zweite Stufe) Verschwörung erklären. Im Gegensatz zu typischen Verschwörungstheorien, die hochgradig spekulativ und nahezu unbeweisbar sind (wie soll man etwas beweisen, das nicht existiert), gibt es im Fall Trump (Stufe drei) konkrete Hinweise auf einen möglichen Verschwörer (nämlich Russland). Jahrzehntelang hat in den USA der geringste Verdacht, von Russland bzw. den Kommunisten beeinflusst zu sein, ausgereicht, Menschen beruflich und gesellschaftlich zu vernichten (siehe McCarthy-Ära), heute (Stufe vier) führt selbst der begründete Verdacht, dass der US-Präsident ein Büttel der Russen ist, nur zu einem milden Skandal. Diese ganzen Vorwürfe tut Trump (Stufe fünf) als weitere Verschwörung der eingangs erwähnten Kräfte ab. Diese ominösen Kräfte sind somit zwar offensichtlich nicht stark genug, seine Präsidentschaft zu verhindern, können aber (Stufe sechs) eine (eigentlich aberwitzige) Verschwörung gegen Trump inszenieren.

Apropos kontrollierende Mächte. Als Vierte Gewalt bezeichnet man bzw. sich gerne die Presse und die Medien, erst gestern gab es in den USA eine gemeinsame Aktion vieler großer Zeitungen, um sich gegen die Angriffe Trumps zu wehren. Ja, freie Presse und Medien sind absolut wichtig und in jedem Fall zu fördern. Wovon man sich aber bitte endlich lösen sollte, ist die Vorstellung der Vierten Gewalt. Dieses Bild zeichnen die Medien zwar gerne, vor allem immer dann, wenn sie einen Skandal aufdecken, der konkrete politische Folgen hat (siehe Watergate), letztlich sind sie aber weitgehend machtlos (auch wenn ihnen – ironischerweise – Trump das Gegenteil unterstellt). Die Presse in den USA war und ist frei und hat sie Trump verhindert oder ihn aus dem Amt gestürzt? Eben. Dass Trump gegen Teile der Presse einen „Meinungskrieg“ führt, ist zwar nicht schön, aber besser als diktatorische Repression. Zudem sollten sich auf dem (Schlacht)Feld der Meinungen und Nachrichten die Medien eigentlich behaupten können.
Das ist wohlgemerkt kein neues oder einzigartiges Phänomen, klassisches Beispiel hierfür ist etwa das Vorfeld des Dritten Reiches. Scharfsinnige und virtuose Journalisten / Autoren wie Tucholsky oder Roth haben endlos in Zeitungen wie dem Prager Tagblatt oder der Weltbühne schon ab dem Ende des ersten Weltkrieges gegen Militarismus und die aufkommenden „Hakenkreuzler“ geschrieben, das Resultat ist bekannt.

Apropos unrealistische Einschätzungen. Anfang der 2010 Jahre gab es große Hoffnungen, dass die neuen Medien zu einer besseren Welt führen werden. Im sog. Arabischen Frühling brachten (angeblich) soziale Medien Regime zu Fall, das Plagiat des Politikers zu Guttenberg wurde von einer Netzcommunity aufgedeckt, über das Netz drangen selbst aus den schlimmsten Kriegsgebieten unzensierte Nachrichten an die Öffentlichkeit. Was aus dieser Hoffnung wurde, kann man täglich besichtigen, auch und vor allem am Fall Trump. Wenn sich die Menschheit das bitte mal merken könnten, dass keine noch so tolle neue Entwicklung ausschließlich positive Folgen hat.

Apropos Nebenwirkungen. In meinem Blog-Eintrag Judgement Election Day habe ich kurz vor der Wahl darüber spekuliert, dass mancher Amerikaner Trump wählen wird, da in einer verrückt empfundenen Welt nur ein ebenso „Verrückter“ als Präsident bestehen kann. Die urplötzlichen Verhandlungen mit Nordkorea scheinen diesen Ansatz zu bestätigen.

Apropos funktionierende Präsidentschaft. Eigentlich muss man sich wundern, dass bei all der Unfähigkeit Trumps und der ihn umgebenden Berater und Mitarbeiter die USA noch nicht im totalen Chaos versunken ist. Verständlich wird dies, wenn man versteht, dass Trump und seine Knallchargen nur die kleine Spitze eines riesigen, administrativen Eisbergs sind. Nicht nur in den USA, sondern auch bei uns und in anderen Demokratien ist es üblich, dass nach einem Regierungswechsel nur die hohen und höchsten Personen einer staatlichen Institution (z.B. eines Ministeriums) ausgewechselt werden, die Ebenen darunter bleiben weitgehend unverändert und verrichten routiniert ihre Aufgabe.
Dieser Wechsel an der Spitze ist eine heikle Sache und sein Verlauf richtet sich fundamental nach einer Frage: Ist der neue „Chef“ stark oder schwach? Starke Chefs sind wenig beliebt, denn sie mischen sich ein, sie wollen was ändern, sie machen zusätzliche Arbeit, sie stören Gewohnheiten. Schwache Chefs sind dagegen beliebt, die kennen sich nicht aus, denen kann man sagen, was zu tun ist, die mischen sich nicht groß ein, die lassen alles seinen gewohnten Weg gehen und müssen im Zweifelsfall den Kopf hinhalten. Trump ist ein typischer schwacher Chef (zumindest als US-Präsident). Der poltert zwar und macht Wirbel, aber letztlich hat er von nichts Ahnung, interessiert sich für nichts, verändert nichts. Andere Präsidenten haben sich um echte Veränderungen bemüht, haben sich Spezialisten geholt, die gezielt in bestehende Strukturen eingegriffen haben. Trump ist von all dem weit entfernt und vor meinem geistigen Auge sehe ich tausende Verwaltungs- und Politikprofis, die die Kapriolen Trumps gelangweilt abtun (weil sie zum Beispiel wissen, dass ein weiterer seiner beliebten Erlasse ohnehin folgenlos bleiben wird) und im Hintergrund ihre Arbeit so machen, wie sie es für richtig halten. Einen schwachen Chef nicht ernst zu nehmen ist ein verbreitetes Phänomen, das kann tatsächlich auch sehr gut funktionieren, es birgt aber auch eine große Gefahr. Ein Chef ist und bleibt Chef und hat Macht. Zu glauben, dass er diese Macht nie bzw. nur im gewünschten Sinne einsetzt, kann sich als fataler Fehler herausstellen.

Apropos Überlegenheitsgefühl. Wer sich mit der Frage quält, wieso Trump gewählt wurde und immer noch im Amt ist, dem möchte ich folgende Erklärung anbieten. Keiner macht gerne die Erfahrung, dass er Defizite hat, keiner gesteht sich gerne ein, dass er falsch handelt. Ja, man sollte gesünder leben, sollte die Umwelt schonen, sollte vernünftiger handeln, sollte sich nicht primitiven Emotionen hingeben. Leider ist das alles furchtbar anstrengend und macht wenig Spaß, also mogelt man sich so durch oder flüchtet in Bigotterie. Es gibt Menschen, die diese Ideale nicht nur predigen, sondern auch leben. Solche Menschen sind anstrengend, sie sind ein ständiger Fingerzeig auf unsere Fehler. Und es gibt Menschen wie Trump. Was sind unsere Fehler schon gegen seine? Ist es nicht ein schönes Gefühl, sich klüger und (moralisch) besser als der Präsident der USA zu fühlen?

Apropos sich arrangieren. Dass Trump die Wahl „gegen den Willen der Mehrheit“ gewonnen hat, kann man vielleicht noch erklären (Manipulationen, die Alternative war schlecht, der Reiz des Neuen bzw. der Provokation, etc.). Dass er so relativ unangefochten immer noch im Amt ist, lässt mich zweifeln. Sicher gibt es immer wieder mal Proteste gegen ihn oder eine seiner Maßnahmen, aber wo ist der anhaltende Sturm der Entrüstung, wo die nicht enden wollenden Proteste, wo der Million Man March, wo die Ausschreitungen? Schauen Sie sich andere Länder an, in denen Teile der Bevölkerung mit der Regierung unzufrieden sind, schauen Sie wie massiv sich der Protest dort entlädt und vergleichen Sie das mit dem, was in den USA passiert bzw. nicht passiert. Was braucht es (noch), um das Volk aufzubringen?

Apropos (baldiges) Ende. Ich darf diesbezüglich auf meinen Blog-Eintrag zu den verschiedenen Ende-Optionen der Präsidentschaft verweisen. Und noch einen Eintrag empfehle ich, schließlich ist Donald J. Trump ein ganz typischer Barry Lyndon.


Lieber nicht!

Im Dezember 2011 habe ich in diesem Blog über die modernen Schwierigkeiten im Bereich der richtigen Anrede nachgedacht und dabei festgestellt, dass das unscheinbare Hallo als internationaler, universeller und unverfänglicher Gruß immer weitere Verbreitung findet. Damals hätte ich nicht gedacht, dass heute dem blassen Hallo ausgerechnet das bedeutungsschwangere Liebe/r Konkurrenz macht und das Thema der richtigen Anrede noch weiter verkompliziert.

Geht es irgendwo amtlich, offiziell, beruflich zu, dann ist Sehr geehrte/r unzweifelhaft immer noch die beste Anrede. In persönlicher, privater Kommunikation spricht man sich mit einem der unzähligen, regional und kulturell unterschiedlichen Grüßen wie Hi, Servus, Habe die ehre, Moin, moin, Grüß dich oder was weiß ich an. Zwischen diesen beiden Polen wird es schwierig, also etwa bei der (beruflichen) Kommunikation mit Menschen, die man zwar siezt, zu denen man aber ein herzliches, unverkrampftes Verhältnis hat. Oder bei der Kommunikation zwischen Firmen und Kunden. Oder beim (Erst)Kontakt mit Menschen, die man nicht (richtig) kennt, denen man sich aber durch eine Sache verbunden fühlt (z. B. beim Schreiben eines Leserbriefes bzw. Mailkommentars). In solchen Fällen empfindet man das Sehr geehrte/r oft als zu steif und abweisend, ein Servus ist dagegen zu flapsig (und passt auch nicht, wenn man beim Sie bleibt). Wenn man ein Mail vor der Mittagszeit schreibt, kann man auf das unverfängliche Guten Morgen ausweichen, was aber keine dauerhafte Lösung des Problems darstellt. Bleibt also Hallo oder das aufstrebende Liebe/r, wobei man mit beiden richtig oder falsch liegen kann.

Sowohl im persönlichen Gespräch wie auch im Internet habe ich schon mehrere Diskussionen über die Anwendbarkeit der beiden Anreden erlebt, das Ergebnis ist meist ähnlich. Die einen bevorzugen das Hallo, es ist weitgehend neutral, nicht zu offiziell, dafür moderat legere, das Lieber ist ihnen dagegen zu vertraulich, zu persönlich. Die anderen halten dagegen, dass Hallo geradezu beleidigend unpersönlich und steril ist, während Lieber als Anrede schon lange seine intime Bedeutung verloren hat und deshalb bedenkenlos in der Grauzone zwischen förmlich und privat verwendet werden kann.

Mir persönlich ist der Lieber-Trend suspekt, ich verwende es selber nur in zwei Situationen:
a) beim Kontakt mit Menschen, die ich duze und bei denen mir diese Anrede passende erscheint (was selten genug vorkommt)
b) zu ironischen oder sarkastischen Zwecken

Ansonsten verwende ich Lieber nicht, wenn ich derart angesprochen werde, stört es mich regelmäßig, worüber sich die Lieber-Anhänger gerne lustig machen. Dabei wird mir entweder unterstellt, ich verstehe nicht, dass das „Lieber Herr Haberlander“ am Beginn einer Mail kein Liebesbekenntnis sondern unverfänglich Anrede ist oder dass ich zu empfindlich bin und deshalb einen harmlosen Gruß emotionell überbewerte.
Dass die Anrede Lieber nichts mit der großen Liebe zu tun hat, ist mir schon klar. Lieb/Liebe gehört zu den extrem vielfältigen Wortstämmen, um die es in diesem Blog immer wieder mal geht, dass die scheinbar identische Liebe in Sätzen wie „Ich liebe Leberwurst“ und „Ich liebe meine Frau“ nicht dieselbe ist, verweist auf die komplexen Bedeutungen dieses Wortes und seiner Ausformungen.

So ist es eben nicht der Gedanke an die hochemotionelle Liebe, die mich beim „Lieber Herr Haberlander“ stört, sondern die Nähe zu Begriffen wie lieb sein oder liebenswürdig oder lieber (als Adjektiv wie in „ein lieber Freund“). Für mich schwingt bei so was immer ein hohes Maß an Vertraulichkeit, Nettigkeit, Süßlichkeit (beim Wein sagt man lieblich), Vereinnahmung, Verharmlosung mit, alles Dinge, die ich in einer privaten Kommunikation schon schwer ertrage, die mir außerhalb des Privaten sogar als eine Zumutung erscheinen, womit man zum eigentlichen Knackpunkt kommt, denn die Wahl der richtigen Anrede dreht sich um die Frage nach der vorgeschriebenen bzw. zulässigen bzw. gewünschten Distanz oder Nähe. Ein Sehr geehrter schafft ultimative Distanz, s.h. jeder bleibt in seiner Festung und man schickt einen neutralen Boten hin und her. Ein Hallo sagt, „OK, klappen wir zumindest das Visier hoch und unterhalten uns direkt über den Burggraben hinweg“. Ein Lieber dagegen bedeutet „Komm in meine Festung, wir sind doch alles Kameraden, was soll die störende Abgrenzung.“

Der Boom der Anrede Lieber ist letztlich nur das Symptom eines anderen Trends, nämlich der der Fraternisierung, der Vereinnahmung, der Harmonie- und Duz-Sucht, die immer mehr um sich greift und die ihren Ursprung möglicherweise in der New Economy hat. Es ist heute (nicht nur in coolen Start-ups und den Konzernen, die daraus entstanden sind) nicht mehr angesagt, auf Distanz zu gehen. Das Motto heute lautet Zusammenarbeit, Teamfähigkeit, Teambuilding und Vernetzung, der Gruß dieser Bewegung ist das nicht ganz private aber doch vertrauliche Lieber, das mit dem Du genauso geht wie mit dem Sie. Die einen finden das ganz toll, die stehen auf virtuelle und reale soziale Netzwerke, je enger die Maschen, umso lieber (ausgerechnet!). Die anderen finden diese aufdringliche Nähe (für die sich niemand den Begriff übergriffig verwenden traut) als unangenehm, entweder weil sie vom Typ her anders sind oder weil sie auch die Schattenseiten dieser gleichmachenden Harmonie erkennen. Hinter der Entscheidung zwischen Hallo oder Lieber steckt also mehr als nur individuelles Sprachgefühl und Be- bzw. Empfindlichkeiten, es geht (wie eigentlich schon immer bei der Wahl der Anrede) um ganz grundlegende Fragen der Über-, Unter- oder Gleichordnung und der zulässigen Annäherung. Jemand richtig anzureden ist und bleibt somit schwierig und tückisch, mir hat diesbezüglich die doppelte Anrede geholfen.

Neben der Verwendung von Hallo hat sich vor einigen Jahren auch der Einsatz der doppelten Anrede in meinen Sprachgebrauch eingeschlichen (wohlgemerkt nur im gesprochenen, nie im geschriebenen Wort). Begegnet mir ein Mensch, mit dem ich mich irgendwo zwischen Du und Sie, zwischen förmlich und zwanglos befinde, dann greife ich gerne auf Begrüßungen wie „Hallo, Servus“ oder „Grüß Gott, Hallo“ zurück. Das funktioniert für mich ganz gut, soll sich der Angesprochene selber aussuchen, welche Förmlichkeits- oder Vertraulichkeitsstufe er darin sehen will (im Zweifelsfall würde ich seine Interpretation abstreiten). Ich selber werde hin und wieder auch derart doppelt angesprochen, finde ich aus denselben Gründen sehr angenehm. Erstmals in Schriftform begegnet mir dieses Methoden seit einigen Monaten im Mailverkehr, in dem ein Absender regelmäßig die Anrede „Hallo guten Tag Herr Haberlander“ verwendet, was in meinen Ohren erst mal komisch klingt, aber letztlich schon OK ist. Die Doppelanrede „Hallo lieber Herr Haberlander“ ist mir bisher noch nicht untergekommen, ich vermute aber, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis mich diese Ausgeburt der Ambivalenz trifft.

Doppelbegrüßungen sind dabei kein neues Phänomen, Schiller überschrieb seinen ersten Brief an Goethe mit „Hochwohlgeborner Herr, Hochzuverehrender Herr Geheimer Rath!“ (siehe Bild oben), was den damaligen, strengen Konventionen entsprach. Goethe antwortete darauf schon knapper mit einemEw. Wohlgeboren“ zurück, danach verzichteten sie in ihren Briefen vollständig auf eine Anrede, was von der Größe dieser beiden klugen Männer zeugt.
Die Songs zu diesem Blog-Eintrag sind Hello von Adele einerseits und Dear god von den Monsters Of Folk, gerne auch in der Version zusammen mit den Roots.

Der Verweis auf den Song Dear god bringt mich am Schluss dieses Textes darauf, dass die Anrede Gottes mit „Lieber Gott“ schon lange Standard ist. Ob dieser Umstand meine vorstehenden Theorien be- oder widerlegt oder ob beides überhaupt nichts miteinander zu tun hat, muss ein einschlägig spezialisierter Theologe entscheiden. Dieser Theologe kann dann auch gleich klären, ob der Beginn eines Gebetes mit den Worten „Hallo Gott“ zulässig ist.


Lob der Generalisten

Früher mit Bussi aufs Aua, heute mit Unfallprotokoll

Dass Spezialisierung den Menschen als Art so erfolgreich gemacht hat, ist wohl unstrittig, wer sich vor allem mit einer Sache beschäftigt, wird diese besser beherrschen und kennen wie der, der nur sporadisch damit zu tun hat. Während die Entwicklung des Spezialistentums relativ eindeutig ist (hin zu immer mehr Spezialisierung), präsentiert sich das Phänomen des Generalisten durchaus uneinheitlich. Zum letzten Mal konnten wohl im 19. Jahrhundert Menschen für sich in Anspruch nehmen, Universalgelehrte zu sein, aber selbst sie waren vor allem multiple Spezialisten, die von vielen anderen Spezialgebieten (z. B. Kochen, Landwirtshaft, Handwerk, etc.) nichts oder nur wenig wussten. Seither wurde es immer noch schwieriger Generalisten zu verorten. Manche sind schon Generalist, weil sie die Gebiete von fünf Spezialisten halbwegs überblicken, andere befassen sich mit Themenfeldern, die in jedem ihrer unzähligen Teilgebieten schon unüberschaubar sind, ein typisches Beispiel hierfür ist der Allgemeinarzt. Am Vergleich Allgemeinarzt vs. Facharzt erkennt man auch die doppelte Ambivalenz der Generalisten-Spezialisten-Dualität. Der Allgemeinarzt wird manche Krankheiten und Probleme nicht erkennen, weil sie zu speziell sind, das kann nur der Facharzt, der sich auf einen bestimmten Bereich fokussiert hat. Der Facharzt wiederum wird manche Krankheiten und Probleme nicht erkennen, weil er nur die Aspekte seines Spezialgebietes würdigt, ein übergreifender, „ganzheitlicher“ Blick fehlt ihm, den hat der Allgemeinarzt.

Spezialisten gibt es in allen möglichen Bereichen unseres Lebens, Generalisten ebenso, auch wenn sie nicht immer so klar zu bestimmen sind wie in der Medizin. Wie komplex und weitreichend diese Materie ist, zeigte mir kürzlich ein Beispiel aus dem Unfallschutz.
Das Thema „Schutz“ und „Schützer“ zieht sich wie ein roter Faden durch diesen Blog, darin mag mancher einen persönlichen Spleen oder gar eine Besessenheit von mir sehen. Für mich ist es eines der zentralen Themen unserer Zeit, das unser aller Leben massiv beeinflusst (nicht nur zum Guten), das aber großflächig ignoriert wenn nicht sogar tabuisiert wird und weil sonst keiner darüber schreibt, muss es halt ich ständig tun.
Der Auslöser für meine aktuellen Überlegungen ist ein Artikel in der Zeitschrift der staatlichen Unfallversicherer (warum ich die lesen, können Sie hier nachlesen), unter der Überschrift Verborgene Gefahren für Schulkinder – Was kleine Kratzer verraten können (nachzulesen auch auf der Homepage der dguv.de) geht es um den Vorschlag einer Unfallschützerin, in Schulen zukünftig auch alle Bagatellverletzungen gewissenhaft zu dokumentieren (behandlungswürdige Verletzungen müssen bereits jetzt umfänglich erfasst werden). Für diese Forderung hat die Unfallschützerin drei „gute“ Gründe.

Der profanste ist die Überwachung des Bestands von Verbandsmaterial. Wenn jedes einzelne aufgebrachte Pflaster dokumentiert wird, kann es angeblich nicht mehr so leicht passieren, dass im entscheidenden Moment Material fehlt. Ich halte das für etwas überzogen und stelle mir in analoger Anwendung vor, wie zukünftig auch alle Toilettengänge dokumentiert werden, um das Ausgehen der dort notwendigen Verbrauchsmaterialen zu vermeiden.
Der zweite Grund ist schon gewichtiger, da geht es um scheinbare Bagatellverletzungen, die sich etwa durch Infektionen verschlimmern und so zu einem meldepflichtigen Unfall auswachsen. Hat man im Vorfeld alles schön dokumentiert, gibt es hinterher in einem solchen Fall keine Probleme. Das mag grundsätzlich stimmen, trotzdem würde ich gerne Zahlen sehen, wie oft es solche Konstellationen bzw. Komplikationen gibt und ob es wirklich dafür steht, derart viel Energie hierfür aufzuwenden.
Das dritte und zentrale Argument ist schließlich (und wenig überraschend) die Vermeidung von Unfällen. Wer gewissenhaft dokumentiert, wo und unter welchen Umständen kleine Verletzungen entstehen, kann daraus potentielle Ursachen für erheblich Unfälle ablesen, im Artikel heißt es wörtlich: „Winzige Kratzer können Anzeichen für defekte Gegenstände im Schulgebäude, die Missachtung von Sicherheitsbestimmungen oder für Raufereien sein“.
Dieses Argument ist nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen, Unfallschutz bei Kindern kann man nicht ernst genug nehmen, was könnte man gegen diese scheinbar so vernünftige Forderung vorbringen? Leider so einiges.

Die Unfallschützerin ist eine Spezialistin, deren zentrale (wenig nicht sogar einzige) Maxime die Vermeidung von Unfällen ist. Aus dieser spezialisierten Sicht betrachtet sie den Sachverhalt und kommt zum vorstehenden Ergebnis. Was sie vorschlägt, ist aus anderer (z.T. spezialisierter) Sicht bedenklich.
So ist etwa das hier Geforderte eine Methode, die unter dem Namen Big Data einen sehr schlechten Ruf genießt und spätestens seit Inkrafttreten der DSGVO am 25.5.18 gesetzlich bekämpft wird. Dem spezialisierten Datenschützer stellt sich vermutlich das Nackenhaar bei dem Gedanken auf, dass alle Unfälle mit den Namen der Beteiligten incl. Zeugen, Unfallhergang, Art der Verletzung, Ort und Zeit des Geschehens erfasst und zur dauerhaften Auswertung und zum Abgleich archiviert werden.
Was weder Unfall- noch Datenschützer sehen, ist die enorme Arbeit, die hinter einem solchen Vorschlag steht. Schulleitungen ächzen bereits jetzt unter der absurden Last von Aufzeichnungs- und Verwaltungslasten, nun auch noch eine unfall- und datenschutzrechtlich konforme Erfassung aller minimalen Verletzungen umzusetzen würde so manchen Betrieb endgültig überlasten und damit möglicherweise die Gesundheit von Arbeitnehmern gefährden.

Was mich beim Lesen dieses Artikels aber am meisten beunruhigt hat, war das dystopische Bild einer totalen Überwachung, das umgehend heraufbeschworen wurde. Negative Zukunftsvisionen gibt es in verschiedenen Varianten, von brutalen, offenen Diktaturen bis postapokalyptische Szenarien, besonders erschreckend finde ich regelmäßig die „freundlichen Diktaturen“, die scheinbar perfekten Welten, in denen alles (garniert mit dauerhaft guter Laune) dem Diktat von Ordnung, Gesundheit und Sicherheit unterworfen wird. Die Aufzeichnung aller Bagatellverletzungen in der Schule scheint mir ein erster Schritt hin zu einer solchen überperfekten Welt.
Was macht das mit Kindern, wenn sie über jeden Kratzer Rechenschaft ablegen müssen? Sind sie vielleicht gelaufen, wo sie nicht laufen hätten dürfen? Geklettert, wo es nicht sicher war? Was löst es in der Psyche eines Kindes aus, wenn jede Nichtigkeit zu einem umfänglichen Verwaltungsakt führt? Erzieht man Kinder so zu selbständigen, engagierten, eigenverantwortlichen Menschen? Wenn dieser Vorschlag für die Schule geeignet ist, warum dann nicht auch im Privatbereich? Wer aufgrund seiner privaten Aufzeichnungen feststellt, dass die aufgeschlagenen Knie des Kindes oft im Zusammenhang mit der Nutzung eines Skateboards stehen, sollte zur Unfallvermeidung diese gefährliche Gerät wohl entfernen.
Und wenn man schon physische Bagatellverletzungen erfasst, warum dann nicht auch psychische? Warum kein Protokoll, wenn ein Kind weint oder schmollt oder wütend ist? Könnte ja ein größeres Problem dahinter stecken, das sich nur durch gewissenhafte Dokumentation erkennen lässt. Warum keine psychische Gefährdungsbeurteilung für alle Schüler?
Und warum eigentlich nur bei Kindern? Warum nicht auch bei Arbeitnehmern? Oder gleich bei allen Menschen, incl. Abgabe von Pflastern nur noch gegen Verwendungsnachweis? Einmal mehr bewährt es sich, scheinbar harmlose Ideen konsequent fortzudenken, um so ihr horribeles Potential zu erkennen.

Eine Eigenheit von Spezialisten ist, dass sie oft nach der aus ihrer spezialisierten Sicht besten Lösung streben (vgl. auch hier). Diese spezialisierte Lösung ist aber nicht notwendigerweise auch die allgemein oder individuell beste Lösung. Handwerker verbauen ihnen gerne die optimale technische Ausstattung, dass die in ihrem Fall vielleicht übertrieben oder schlicht unpassend ist, erkennen sie nicht notwendigerweise. Schützer von Interessen und Rechten fordern immer den optimalen Schutz, dass solche Forderungen unschöne Nebenwirkungen haben können, erschließt sich ihnen nicht.

Um die allgemein beste Lösung zu finden, braucht es einen Generalisten, der nicht nur das eine Spezialgebiet, sondern alle betroffenen Bereiche überblickt.
Wer aber ist dieser Generalist, der die Auswirkungen vor Vorschlägen wie dem oben stehenden abwägt? Die Regierung? Der Gesetzgeber? Haben die wirklich umfänglich geschaut und erkannt, welche Folgen z. B. die neuen Datenschutzgesetze haben werden? Schauen Sie sich willkürlich zehn Gesetzesvorlagen des Bundestages an, was steht dort bei Buchstabe C – „Alternativen“ (in der Regel „Keine“), welche Folgen und Lasten werden unter den Buchstaben D bis F für Staat und Bürger kalkuliert (in der Regel überschaubare) und was ist dann die Realität?
Wären vielleicht Philosophen oder Journalisten geeignet, die Funktion des Generalisten zu übernehmen? Finden die genug Gehör, können die wirklich vermitteln, dass es manchmal global gesehen besser ist, die mögliche Schädigung oder Benachteiligung einzelner in Kauf zu nehmen, als die Masse faktisch zu beschränken und zu belasten?
Bleibt als letzte Instanz (ausgerechnet!) das Verfassungsgericht als Generalist unserer Gesellschaft?

Auffällig ist, dass es verhältnismäßig wenig ernsthafte „Freiheitsschützer“ gibt. All die Einschränkungen von Unfall-, Daten-, Randgruppen-, Gesundheits-, Terror-, Umwelt- oder sonstigen -schützern nagen an der Freiheit der Bürger. Zwar schreiben sich den schwer greifbaren Begriff der Freiheit alle möglichen Leute gerne auf die Fahnen (immer wieder auch missbräuchlich, polemisch oder floskelhaft) aber wirklich engagiert für DIE Freiheit, also nicht nur eine spezielle, wie der Freiheit, auf der Autobahn 250 km/h fahren zu dürfen, sondern die Summe aller unserer großen und kleinen Freiheiten, kämpfen doch erstaunlich wenig und das, obwohl man den scheinbar so mächtigen Artikel 2 des Grundgesetzes auf seiner Seite hätte. Gehört es nicht zur freien Entfaltung eines Kindes, dass es rumtobt, Quatsch macht, sich dabei einen Kratzer zufügt und sich hinterher dafür nicht rechtfertigen muss? Ich meine schon.
Nicht übersehen darf man, dass es viele (echte und falsche) Freiheitsschützer gibt, die mit demselben Problem wie Unfallschützer und Co. kämpfen: auch sie sind eng fokussierte Spezialisten der Freiheit, die Aspekte außerhalb ihres Hauptthemas nur unzureichend wahrnehmen, vgl. hierzu etwa die Vertreter einer totalen Freiheit (hinsichtlich Copyright, Inhalte, etc.) im Internet.

Und die Moral von der Geschicht? Ohne Generalisten geht es nicht. Fraglich ist, wie man diese so wichtige Gruppe fördern oder trainieren kann. Vielleicht sollte ich mich auf die Ausbildung von Generalisten verlegen und somit zum Generalisten-Spezialist werden.