Verfall

Wie vermutlich bei den meisten Menschen, gibt es auch in meinem Leben Themen, die mich lebenslang überhaupt nicht interessieren, welche die mich einmalig oder selten bewegen und wieder andere, die mich regelmäßig und mit großem Nachdruck beschäftigen. Wenn Sie diesen Blog vom Anfang bis zum Ende durchlesen (machen das Menschen überhaupt, einen Blog vollständig zu lesen wie ein Buch?), dann bekommen Sie eine Ahnung, welche Themen zu welcher Kategorie gehören, u.a. auch, dass z. B. Ordnung oder Kommunikation zu den „großen Themen meines Lebens“ zählen, ein weiteres (hier noch kaum behandeltes) ist der Verfall.

Beim Wort Verfall denken viele wohl zuerst an einen Abstieg im moralischen oder ästhetischen Sinn („Verfall der Sitten“), mir geht es aber um das, was man mit dem Adjektiv verfallen assoziiert, nämlich der materiellen Verschlechterung von menschengemachten Gegenständen, alternativ nennt man dieses Phänomen Korrosion. Wenn ich das Talent dazu hätte, würde ich einen Dokumentarfilm drehen, in dem Gebäude- und Brückenprüfer, Dombaumeister, Restaurateure, Archivare, Handwerksmeister, Atomendlagerplaner und Materialwissenschaftler vom ewigen, letztlich nicht zu gewinnenden Wettlauf gegen den Verfall erzählen.

In meinem Blog-Eintrag zum Volkswirtschaftlichen Schaden hatte ich die Korrosion schon als „zerstörerische (und dabei unglaublich diskrete) Macht“ bezeichnet, gerade diese Ambivalenz faszinierte mich. Die Kraft eines Sturms oder einer Flut zu erkennen, ist keine Kunst. Der Verfall, den man sprachlich gerne als „nagenden Zahn der Zeit“ verharmlost, ist dagegen vollkommen unauffällig, lautlos, unsichtbar, bis sein zerstörerisches Werk offen zu Tage tritt. Würde der Verfall ein vernehmbares Geräusch erzeugen, dann würde uns der Lärm in den Wahnsinn treiben.

Es steckt eine große Ironie in dem Umstand, dass die stärksten Motoren des Verfalls die Grundlagen des Lebens sind; Wasser, Luft, (Sonnen)Licht. Während ohne diese Faktoren kein komplexes Leben möglich ist, sorgen sie auf der anderen Seite dafür, dass unbelebte Materie unter ihrem Einfluss zerfällt, mal unmittelbar (chemisch, physikalisch), mal über den Umweg von Organismen, die mit Schimmel, Fäulnis und mechanischer Einwirkung das Menschengemachte zunichtemachen.

Befasst man sich mehr als nur oberflächlich (ausgerechnet!) mit dem Thema Verfall, erkennt man schnell seine philosophische Dimension. Auf der einen Seite der Mensch, der sich zum Schöpfer (von Dingen) aufschwingt, auf der anderen Seite die Natur, die (über kurz oder lang) alles von ihm Erschaffene wieder vernichtet. Der Konflikt zwischen Mensch und Natur ist diesbezüglich überaus komplex und beginnt damit, dass in der Natur nichts Bestand hat. Die Natur „hat verstanden“ (ja, ich weiß, dass es falsch ist, die Natur als bewusst handelnde Entität darzustellen), dass nichts Materielles in dieser Welt auf Dauer sein kann, darum gibt es den steten Kreislauf des Verfalls und der Neukonstruktion, genannt Leben. Ein Elefant muss nicht 1.000 Jahre alt werden, es reicht (und ist sogar besser), dass der Elefant Nachkommen hat, die sich wiederum fortpflanzen bis 1.000 Jahre später zwar nicht der ursprüngliche aber ein anderer Elefant herumläuft. Diesem Prinzip unterliegen auch die Menschen, was einige davon ärgert und kränkt. Also baut der Mensch Dinge, die ihn (über)dauern sollen, am besten gleich haltbar bis (wie man so sagt) „in alle Ewigkeit“. Wenn der Mensch Glück hat, dauert diese Ewigkeit zumindest so lange, wie er lebt, wenn er Pech hat, muss er selbst erleben, wie ihm der Verfall sein Werk zerfrisst. Es ist eine epische Schlacht, die ständig um uns herum stattfindet und die doch so wenige wahrnehmen.

Ich habe sie live erlebt, als ich vor Kurzem wieder mal den Kampf mit dem Verfall aufnehmen musste. Eine Holzkonstruktion war hinfällig geworden, an wichtigen Stellen morsch und verfault, also begann ich zu schrauben, sägen, graben, um das (wie man so sagt) „Leben“ dieses Menschenwerkes zu verlängern. Im feucht modrigen Fundamentbereich machte ich unverhofft eine Entdeckung, ein kleines Objekt in zartem blau, das sich nach kurzer Reinigung als Spielzeugnilpferd herausstellte. Lange schon hatte in der Ecke kein Kind mehr gespielt, ein anderer Grund, wie es dort hingelangt sein könnte, wollte sich mir nicht erschließen. 20 oder 40 oder 50 Jahre lag das Kunststofftier hier in der feuchten Erde und doch zeigte es keinerlei Spuren von Verfall, selbst filigrane Details wie der Schwanz oder die Ohren waren intakt. Natürlich habe ich das Tier gerettet, habe es nicht der menschlichen Vernichtung (= Mülleimer) übergeben, sondern ins Regal gestellt. Dort steht es nun, mit angriffslustigem Blick, und spendet mir Trost, wenn das nagende Geräusch des allgegenwärtigen Verfalls an mein inneres Ohr dringt.


Kampf um Worte

Diskriminierend in drei Sprachen

Neulich landete ich beim Switchen bei einer der unzähligen Doku-Soaps, die vom Arbeitsalltag ganz normaler Menschen erzählen, hier ging es (einmal mehr, möchte man fast sagen) um einen Lastwagenfahrer. Das hätte ich mir nicht lange angeschaut, wenn mir nicht eine Szene Rätsel aufgegeben hätte. Der vollkommen unverdächtige LKW-Fahrer erzählte von seinem Tagesablauf, so auch von einem geliebten Morgenritualen, wenn er „eine Piiiiiiiep isst“. In dieser total erregungsfreien Sendung wurde ein Wort ausgepiet und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, welches dies war. Was konnte der Fahrer gerne an einem Morgen konsumieren, das man im deutschen Fernsehen nicht aussprechen darf? Naturgemäß gingen meine Gedanken erst mal in den sexuellen Bereich aber was hätte es da seien sollen? In so einer Sendung erzählt doch keiner ganz entspannt von irgendwelchen oralen Sexpraktiken, mit denen er den Tag beginnt. Also schaute ich verstört weiter und bekam zum Glück bald die Lösung, als der Fahrer den Vorzug des „Piiiiieps“ erklärte, „außen schön knusprig, innen cremig und süß“ und da verstand ich, welche Perversion er regelmäßig beging, nämlich den Verzehr einer Schokokusssemmel (ein Snack, den ich nie verstanden und nie gekostet habe). Offensichtlich hatte der (sympathisch wirkende) Fahrer nicht diese Bezeichnung dafür verwendet, sondern sie als „Negerkuss“- bzw. „Mohrenkopfsemmel“ bezeichnet, was heute nicht mehr akzeptabel ist.
Fast zur gleichen Zeit gab es wieder vermehrt mediale Aufregungen um das Thema politisch korrekte Sprache, weshalb ich mich daran erinnerte, vor einigen Jahren in diesem Blog dazu geschrieben zu haben, also habe ich mir das mal wieder durchgelesen. Beim Lesen dieses Eintrags hatte ich den Eindruck, den Sachverhalt damals nicht präzise und umfassend genug durchdacht zu haben, weshalb ich hier nun eine Revision des Themas politisch korrekte (fortan kurz: PC) Sprache und des damaligen Blog-Eintrags vornehme, dabei aus praktischen Gründen aber wieder andere Aspekte der PC weitgehend außer Acht lasse.

So fehlt im oben genannten Eintrag die Feststellung, dass Sprache auch früher aufgrund von PC geändert wurde, nur hat das damals keiner so genannt. Sprache ist lebendig und wandelt sich, so war es schon in der Vergangenheit üblich, dass manche Begriffe einen (zu) negativen Beigeschmack bekommen und deshalb gesellschaftlich geächtet werden. Ein typisches Beispiel hierfür ist das Weib, das über Jahrhunderte hinweg vollkommen neutral nichts anderes als (Ehe)Frau meinte, irgendwann (und nach meinem Wissen ohne eine entsprechende Kampagne) einen unguten Beigeschmack bekam und heute in seiner alten Bedeutung total verpönt ist (und nur noch selbstironisch von „wilden Weibern“ oder im „Weiberfasching“ verwendet wird). Ähnlich ist es mit dem Fräulein, das im sozialen Alltag und ganz besonders in der Gastronomie mittlerweile Tabu ist.
Solche Änderungen hat es immer gegeben, daran ist keiner gestorben, darum wird die Welt (bzw. die Sprache) auch nicht untergehen, wenn in Zukunft keiner mehr von „Zigeunerschnitzeln“ oder „Mohrenköpfen“ spricht.

Die Beispiele Weib und Fräulein zeigen auch schön ein anderes Missverständnis in der PC-Sprach-Diskussion. (Heute) Despektierliche Begriffe müssen keine despektierlichen Wurzeln haben. Die Gegner von Begriffsänderungen argumentieren gerne, dass dieser oder jener verpönte Begriff nach der sprachlichen Herkunft und / oder nach seiner ursprünglichen Verwendung nichts Böses oder Abwertendes bedeutet(e). Dass dieses Argument Unsinn ist, erkennt man, wenn man es auf Menschen anwendet. Ein Mensch kann aus einer hochanständigen Familie kommen und 40 Jahre redlich gelebt haben, wenn er aber heute ein niederträchtiges Schwein ist, wird man ihm das deshalb auch nicht durchgehen lassen.

Gerade weil Sprache lebendig ist, können Wörter ganz unterschiedliche Bedeutungen und Stimmung annehmen, mal zeitlich voneinander getrennt (wie beim Weib), mal gleichzeitig (wie bei den obszönen Schimpfworten, die zeitgleich in der Zweitbedeutung etwas total Harmloses meinen). Bewerten muss man eine Sprache bzw. einen Sprachgebrauch immer nach dem aktuellen Verständnis und wie schwer das sein kann, zeigt das Beispiel Eskimo.
Im oben genannten Eintrag hatte ich noch geschrieben, dass der zeitweise verpönte Begriff Eskimo wohl rehabilitiert sei, da Forscher herausgefunden hatten, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes nicht wie angenommen „Rohfleischesser“, sondern „Schneeschuhträger“ bedeutet, was niemand als beleidigend empfinden kann. In Nordamerika kämpfen aber immer noch Vertreter der Inuit dafür, den Begriff Eskimo zu ächten, nun nicht mehr wegen seines sprachlichen Ursprungs, sondern wegen dem, was unter dieser Bezeichnung den indigenen Völkern im nördlichen Polargebiet von Kolonialisten und Einwanderern angetan wurde. Eskimo meint für die Betroffenen also nicht nur eine Gruppe von Menschen bzw. Völkern, sondern nun auch einen Teil ihrer Geschichte (Randbemerkung: Trotz Erfolgen der Eskimo-Gegner – wie der Umbenennung von Sportteams – ist die Diskussion dazu noch lange nicht abgeschlossen, u.a. deshalb, weil die angeblich korrekte Alternative Inuit nur eines der „Eskimo-Völker“ bezeichnet, weshalb sich die anderen Völker diskriminiert fühlen).
Nicht etymologische Forschung belegt also die Verwerflichkeit eines Wortes, sondern eine Bewertung seiner aktuellen Bedeutung und Intention und spätestens hier wird es richtig schwierig. Wie bestimmt man, welche Begriffe aufgrund welcher Wirkung wie auf welche Personen wirken? Und vor allem wer bestimmt das?

Hilfreich ist hier vorab zu verstehen, was sprachliche Herabwürdigung bedeutet, wie sich diese anfühlt. Als Nicht-Randgruppenmitglied fehlt oft das Verständnis dafür und man hat den Eindruck, die Betroffenen seien nur überempfindlich und überreagieren auf total unverfängliche Begriffe. Dieser naiven Einstellung kann leicht abgeholfen werden, denn selbst der weiße, heterosexuelle, deutsche Mann kann sprachliche Herabwürdigung erfahren. Suchen Sie bei Wikipedia nach „Ethnophaulismen für Deutsche“ und Sie finden eine Liste der Schmähnamen, mit denen uns andere Völker bezeichnen (keine Angst, solche Liste existieren nicht nur für die Deutschen, sondern auch für andere Länder / Völker). Da finden Sie dann Begriff wie Fritz oder Kraut oder Boche, die von ihrer Wortherkunft weitgehend unverdächtig und belanglos sind. Wenn Sie aber im Ausland sind und ein Kellner in England fragt Sie „What can I get you, Fritz?“ oder in Frankreich raunzt im Vorbeigehen ein Franzose dem anderen „Les Boches!“ zu, dann werden Sie schnell merken, dass in diesen eigentlich harmlosen Worten sehr viel Harmvolles mitschwingen kann. Fritz ist ein netter deutscher Vorname. Fritz kann aber auch das Bild des Pickelhaube tragenden, spießigen, kriegsgeilen Welteroberungsdeutschen sein, womit Sie sich als friedliebender, multikultureller E-Auto-Fahrer natürlich nicht gleichsetzen lassen wollen. Ein Italiener oder Russe wird Ihre Empfindlichkeit gegenüber dem Begriff Fritz vermutlich nicht nachvollziehen können.
Sind es also nur die selbst Betroffenen, die über den diskriminierenden Charakter eines Begriffs entscheiden können und dürfen? Theoretisch ja, praktisch nein.

In der Praxis kann man nicht jeder Befindlichkeit jedes (echten oder vermeintlichen) Diskriminierungsopfers nachgeben, da man sonst vom Hundertsten ins Tausendste (und darüber hinaus) gelangt, worunter irgendwann tatsächlich die Sprache leidet, wohlgemerkt weniger ästhetisch (was von Kritikern gerne angeführt wird), als mehr unter Aspekten der Effektivität.

So zeigt das oben genannte Eskimo-Beispiel, dass mehr PC zu weiterer Diskriminierung führen kann.
Wenn man jedem das Recht gibt, eine korrekte Ansprache nach seinem Gusto zu bestimmen, dann wird man zudem schnell in einem absurden Begriffsstrudel (aus Ethnie, geschlechtlicher Identität, sozialer, körperlicher und beruflicher Zugehörigkeit, etc.) ertrinken.
Und es wird kein Ende finden, weil alles (immer und immer wieder) hinterfragbar ist, so könnte zum Beispiel der Deutsche mit Migrationshintergrund verlangen, dass er in zahlreichen Sprachen (nicht nur dem Englischen) nicht mehr als German(ia) bezeichnet wird, da er selbst überhaupt nicht von den namensgebenden Germanen abstammt.

Neben diesen praktischen Problemen gibt es aber auch noch ein weiteres, eher subtiles.
Dass Sprache mit Macht zu tun hat, ist eine alte Erkenntnis, entsprechend wird seit Jahrtausenden durch Sprache Macht ausgeübt und manifestiert. Wer ein eindrückliches Beispiel dieser Mechanismen bis ins Detail kennenlernen will, der lese das Buch Kampf um Namen: Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels von Dietz Bering (dem der Titel dieses Blog-Eintrags entlehnt ist).
Wer Sprache bzw. Sprachgebrauch bestimmt, der übt Macht aus bzw. der bestimmt die Regeln der Kommunikation. Das gilt nicht nur für böse Diktatoren und konservativen Mehrheiten, sondern auch für kritische Minderheiten. Wo aber Macht ist, da ist der Machtmissbrauch nicht weit, weshalb man auch bei der Diskussion um PC-Sprache immer ganz genau schauen muss, ob es dort um positive Selbstermächtigung oder um (moralisch aufgepumpte) Machtausübung bis hin zum Machtmissbrauch geht.
Bedenklich wird es immer dann, wenn Vertreter der PC-Sprache den begrifflichen Rahmen zur Diskussion über ein bestimmtes Thema vorgeben und man als Gegenüber nur zwei Möglichkeiten hat: Entweder man lässt sich auf die vorgegebene Begrifflichkeit ein und legitimiert damit die implizierten Konzepte (etwa die einer „toxischen Männlichkeit“) oder man lehnt sie ab, um sich dann dem Vorwurf auszusetzen, man vertrete eine alte, diskriminierende Sprachweise. Unter solchen Vorzeichen kann es keine sachliche Diskussion geben, hier bleibt es bei der Polemik.

Das dritte Problemfeld der PC-Sprache ist sinnloser sprachliche Aktionismus. Sprache bedeutet nur deshalb Macht, weil sie unser Denken und Handeln beeinflussen kann. Diese Erkenntnis ist auch uralt, sie hat in den letzten Jahrzehnten aber eine erschreckende Verbreitung gefunden, weshalb heute jeder neue Besen, der irgendwo antritt, um irgendeinen Missstand, irgendein Problem zu beseitigen, in der Regel damit anfängt, erst einmal Begriffe und Sprache zu ändern. Ja, die Änderungen von Begriffen kann tatsächlich positive Effekte haben (die Stimmung in der „Klapse“, wo die „Bekloppten“ von den „Aufpassern“ „weggesperrt“ werden, ist eine andere als in der „Therapieeinrichtung“, in der die „Patienten“ vom „Pflegepersonal“ „betreut“ werden) aber es ist kein Allheilmittel. Begriffsänderungen sind oft genug nur ein billiger Aktionismus, der in der Sache gar nicht weiterhilft (sie im schlimmsten Fall sogar verschlechtert), dafür aber absurde Sprachauswüchse hervorbringt, die frustrieren und (ver)stören. Wo es nichts (Positives) bringt, muss man aber auch nicht unnötig an der Sprache herumdoktern.

Wie geht man nun also mit den Forderungen nach Änderungen der Sprache im Sinne der PC um? Wer bestimmt, was verwerflich ist und was geändert werden muss? Die aktuelle Antwort darauf ist, dass es keine Antwort gibt. Vielleicht richtet man irgendwann einen Sprachethikrat ein, der darüber entscheidet, aktuell handelt dies die Gesellschaft nach nicht klaren und nicht immer fairen Regeln aus.
Wenn man in dieser komplizierten Sache irgendwie weiterkommen will, könnte man sich an die Leute wenden, die damit (leider) die meiste Erfahrung haben.
Es ist das traurige Los der Juden, das über Länder und Zeiten hinweg meist diskriminierte Volk überhaupt zu sein, immer stand dabei der Begriff Jude auch als Symbol für die Verfolgung, er reichte (auch ohne beleidigenden oder abwertenden Zusatz) aus, um als Schimpfwort zu dienen (beispielhaft etwa in der Nazizeit, wo das Wort Jude sowohl an der Hausfassade, wie auch in der hetzerischen Zeitung, wie auch skandiert auf der Straße als Schmähung verwendet wurde) und doch nutzen wir alle (nicht nur die Juden untereinander) immer noch diesen Begriff und niemand kommt auf die Idee, ihn gegen einen weniger belasteten auszutauschen. Hat dieses Wort den Schmutz seiner Gegner und Verleumder nicht angenommen? Oder schwingt die Diskriminierung in diesem bedeutungsreichen Wort zwar noch mit, wird aber durch andere, positive Assoziationen relativiert bzw. überlagert? Ist das vielleicht die Lösung für das Problem der PC-Sprache, dass man Wortbäume nicht immer dann gleich umhaut, wenn sie einmal faulige Früchte tragen, sondern man sie stattdessen pflegt, kultiviert, vielleicht neue Triebe aufpfropft, um einen starken, widerstandsfähigen, vielfältigen, stolzen, aufschlussreichen Baum zu erhalten?


Die Rollen des Opfers

Biblisches Opfer

Zum weitläufigen Feld der Wahrnehmungsstörungen gehört auch die Unfähigkeit, populistischen Extremismus zu erkennen. Immer (und immer) wieder kommt es vor, dass nach dem Ende einer populistisch extremistischen Herrschaft zahllose Menschen glaubhaft versichern, dass sie überhaupt nicht erkannt haben, von was für einer menschenverachtenden Bande sie die letzten Jahre regiert wurden und was diese Leute angerichtet haben. Aufgrund der weiten Verbreitung (über Zeiten und Regionen hinweg) dieser Wahrnehmungsstörung kann man durchaus von einer Volkskrankheit sprechen.

Gegen diese Störung gibt es leider keine Medizin, vorbeugend kann (wie so oft) die richtige Lebensführung helfen, zum Beispiel viel Bewegung (in den richtigen Kreisen) und gesunde (geistige) Ernährung. Im Gegensatz etwa zur Augen- oder HNO-Heilkunde ist in diesem Bereich die Entwicklung von Hilfsmitteln zur besseren Wahrnehmung noch nicht sehr weit fortgeschritten. Das ist umso erstaunlicher, da die Anzeichen von populistischem Extremismus in der Regel sehr eindeutig und wiederkehrend sind (nicht wie bei zehntausend anderen Krankheiten, die mit diffusen „grippeähnlichen Beschwerden“ beginnen). So wie sich mit einem Amsler Gitter Test sehr zuverlässig eine Makuladegeneration erkennen lässt, kann man anhand einiger typischer Verhaltensmuster auch populistische Extremisten sehr gut erkennen. Ein Teil dieser unverkennbaren Verhaltensweisen ist das Verhältnis zu echten und vermeintlichen Opfern.

Zur Verdeutlichung gehen wir sehr stark vereinfacht davon aus, dass eine Gesellschaft aus drei Gruppen besteht: Den Opfern, also die Menschen, die ohne eigene Schuld von anderen bekämpft, unterdrückt und verfolgt werden. Den Tätern, die die Opfer bekämpfen und unterdrücken. Die Nicht-Opfer, die keine aktiven Täter sind und die keine Unterdrückung durch die Täter erfahren. Populistischen Extremismus erkennt man an folgenden Ausformungen dieses Grundprinzips:

A) Die Täter stellen sich regelmäßig als Opfer dar. Es gehört zu den bis heute unerklärlichen Phänomenen, dass aus der Behauptung (und auch der Demonstration und Durchsetzung) der eigenen Stärke, (All)Macht und Überlegenheit bei gleichzeitiger Behauptung, ständig das (letztlich schwache) Opfer von irgendwelchen Kräften zu sein, in manchen Köpfen ein konsistentes Bild entsteht.

B) Die Täter reden den Nicht-Opfern ein, dass sie Opfer sind. Wenn Sie eines morgens relativ sorgenfrei aufwachen und jemand erklärt Ihnen nachdrücklich, Sie seien das Opfer von bösen Machenschaften, die für jedes Ihrer echten wie auch Ihrer bisher unerkannten Probleme verantwortlich sind, dann sollten Sie zur Stärkung Ihrer Wahrnehmung etwas gesunden Zweifel zu sich nehmen.

C) Die Täter stellen die Opfer als Täter dar. Damit Punkt A und B funktioniert, braucht es natürlich vermeintliche Täter, die aus naheliegenden Gründen weder die echten Täter noch die Nicht-Opfer sein können, für die Täterrolle bleiben somit nur die Opfer. Während die Täter ganz gut mit dem Widerspruch von Punkt A klarkommen, verstehen die Opfer meist ganz schlecht, wie sie als schwache Opfer Täter sein können.

D) Die Opfer werden von den Tätern nicht nur unterdrückt, sondern zusätzlich noch erniedrigt und verhöhnt. Hierfür eignet sich alleine schon Punkt C, es gibt aber noch zahlreiche Weiterungen und Variationen, so gehört es etwa zu den populistisch extremistischen Standards, den Opfern für ihr erlittenes Unrecht auch noch eine Rechnung auszustellen. Die Argumente, mit denen hier Opfern (oder im schlimmsten Fall deren Hinterbliebenen) Geld abgenommen wird, zählen zu den Spitzenleistungen menschlichen Zynismus‘.

Anhand dieser vier einfachen Regeln kann man die Wahrnehmung trainieren, um populistischen Extremismus besser zu erkennen. Es ist leider davon auszugehen, dass sich trotzdem auch in Zukunft Menschen für solche Tendenzen begeistern werden, um hinterher zu behaupten, man habe keine Ahnung gehabt, worauf das hinauslaufen würde. Es gibt auch Raucher, die nach Jahren leidenschaftlichen Nikotinkonsums verärgert reagieren, weil ihnen niemand gesagt hat, wie schädlich das ist.


Wissenschaft

Oxymoron

Bereits in diesem Blog-Eintrag habe ich darauf hingewiesen, dass die Corona-Krise (wie andere Krisen auch) einen Brennglas-Effekt haben kann. Aspekte, Themen und Probleme, die in normaleren Zeiten zäh und verschwommen vor sich hin lavieren, treten in Krisenzeiten plötzlich sehr konkret zu Tage. Bei Corona reicht das Spektrum der fokussierten Themen von Profanem wie dem Vormarsch der Streaming-Dienste über Wichtiges wie Homeoffice oder die Zukunft der (digitalen) Arbeit bis zu Existentiellem, wie der Entscheidung über menschliches Leben (Stichwort Triage). Ein weiterer, in dieser Krise wichtiger Aspekt, ist unser Verhältnis zu bzw. unser Verständnis von Wissenschaft.

Der in den USA äußerst populäre Astrophysiker Neil deGrasse Tyson hat am 7.3.20 (also zu Beginn der Pandemie) in der Late Show von Stephen Colbert zum Corona-Virus kommentiert, dass der Fort- bzw. Ausgang der Pandemie davon abhängen wird, ob die Leute auf die Wissenschaft und deren Ratschläge hören werden (auf youtube nachzusehen unter: „Neil deGrasse Tyson On Coronavirus: Will People Listen To Science?“). Als aufgeklärter, vernünftiger Mensch stimmt(e) man dem natürlich zu, da besteht kein Zweifel, dass man im Umgang mit einer Pandemie besser auf die Wissenschaft als auf Populisten, Fantasten und Esoteriker hört. Alle die, die in die Wissenschaft vertrauen und auf sie hören wollen, werden seit dem Ausbruch der Pandemie aber besonders heftig mit einigen Widersprüchen konfrontiert, die man in anderen Zeiten lieber vor sich her- bzw. von sich wegschiebt.

Seit gut einem Jahr ist die Welt nun mit Corona konfrontiert, seit einem Jahr gibt es praktisch zu jedem Aspekt dieser Seuche mindestens zwei entgegengesetzte wissenschaftliche Meinungen (die unwissenschaftlichen Meinungen gar nicht erst mitzählend), seit einem Jahr wird fieberhaft (no pun intended) an Corona geforscht und trotzdem müssen die Wissenschaftler so viele (man hat den Eindruck, die meisten) Fragen dazu immer noch mit einem „Das wissen wir (noch) nicht“ beantworten. Wie hört man auf eine Wissenschaft, die keine eindeutigen Ansichten hat, welche zudem auf der Basis von großem Unwissen stehen?
Diese Frage stellen sich die redlichen Follower der Wissenschaft. Diese Frage stellen aber auch die Kritiker und Ablehner der Wissenschaft, die damit belegen wollen, dass ihre „alternativen“ Theorien genauso berechtigt, möglicherweise sogar richtiger sind.
Eine richtige Antwort auf diese Frage kann es nicht geben, weil die Frage falsch gestellt wurde bzw. auf einer falschen Prämisse aufbaut.

Das Verständnis der meisten Menschen von DER Wissenschaft ist in großen Teilen falsch. Wissenschaft ist keine nahtlose, geradlinige Aneinanderreihung von richtigen Erkenntnissen, die nach und nach ein unfehlbares Bild von unserem Leben ergibt. Wissenschaft ist vielmehr der stete Versuch, Ursachen, Wirkungen und Zusammenhänge in der Natur richtig(er) zu verstehen und zu beschreiben. Dieser stete Versuch des Verstehens ist kein verlässlicher, präziser Prozess, sondern ein großes Streiten, Zweifeln und vor allem sich Irren. Das (falsche) Geozentrische Weltbild galt für fast 2.000 Jahre als richtig (vertreten u.a. von klugen Leuten wie Aristoteles oder Ptolemäus), Max Planck hat man als jungen Menschen versichert, dass es in der Physik keine grundlegenden Entdeckungen mehr zu machen gibt, es hat ein paar tausend Jahre Wissenschaft gebraucht, um die Evolutionstheorie zu formulieren, obwohl wir ihr Wirken jeden Tag vor Augen haben. Wissenschaft ist ein ewiges Trial and Error, ist eine Sammlung von Theorien, die so lange als richtig gelten, bis ihr Gegenteil bewiesen wird.

Das scheinbar widersprüchliche, unbefriedigende Bild, das die Wissenschaft während der Corona-Pandemie abgibt, ist deshalb ihr typischer Betriebszustand. Üblicherweise nehmen wir die kontroversen Ansichten und Diskussionen, die die Wissenschaft (zwangsläufig) bestimmen, nicht wahr, die Medien bringen eben lieber Nachrichten wie „Wissenschaftler haben herausgefunden…“ als „Wissenschaftler streiten darum…“ Bei Corona erleben wir diesen wissenschaftlichen Prozess, der auf den ersten Blick nicht besonders „professionell“ wirkt, nun ungefiltert mit. Wenn Virologe A sagt, die Corona-Maßnahme XY ist super, Virologe B aber sagt, sie sei totaler Quatsch, dann ist das für uns alle, die wir uns danach richten wollen / sollen, natürlich verwirrend (darum muss die Politik und nicht die Wissenschaft letzten Endes darüber entscheiden, was getan wird). Sofern Virologe A und B aber nach allgemeinen wissenschaftlichen Standards arbeiten und ihre Erkenntnisse nicht aus den Eingebungen überirdischer Wesen ziehen, ist ihre Uneinigkeit vollkommen normal und zulässig. Vielleicht wird Forschung irgendwann belegen, wer von beiden (vermutlich) Recht hatte. Vielleicht bleibt die Frage aber auch für immer unbeantwortet, weil die Situation zu veränderlich, zu komplex ist, um unzweifelhaft zu belegen, dass diese Maßnahme in dieser Region zu dieser Zeit in diesem Stadium der Pandemie unter diesen äußeren Umständen effektiv oder nicht effektiv war.

Wissenschaft ist komplex. Wissenschaft richtig zu deuten, richtig zu verstehen ist komplex. Komplexe Sachverhalte sind bei den Leuten unbeliebt, darum besteht sowohl bei der Wissenschaft wie bei den Medien die Versuchung, Wissenschaft einfach darzustellen. Wer (hinsichtlich Corona oder was auch immer) auf die Wissenschaft hören will, muss sich von einem einfachen Bild lösen, muss sich klarmachen, dass sie keine Erfolgsgarantie gibt, dass sie sich sogar irren kann, dass ihre Ergebnisse in den seltensten Fällen die bahnbrechenden Heureka-Momente, sondern meistens unsichere Annahmen, Theorien und Wahrscheinlichkeiten sind.

Resigniert könnte man sich jetzt fragen, warum man dann überhaupt auf die Wissenschaft hören soll. Kann man nicht genauso gut zur Entscheidung über eine Corona-Maßnahme eine Münze werfen oder doch die Feen oder Schamanen befragen? Die Wissenschaft mag uns nicht so makellos erscheinen, wie wir es gerne hätten, aber langfristig gewinnt sie. Wenn Sie diesen Text auf Ihrem Smartphone lesen, dann nicht, weil irgendwer mal eine Münze geworfen oder im Kaffeesatz gelesen hat. Dieser Text auf Ihrem Smartphone ist vielmehr das Ergebnis von unglaublich vielen wissenschaftlichen Erkenntnissen.
In der Wissenschaft und Philosophie wird gerne darüber diskutiert, ob es überhaupt unzweifelhaftes Wissen gibt oder ob selbst die wahrscheinlichste Annahme immer eine Theorie bleibt (in dem Fall müsste man die Wissenschaft wohl in Theorienschaft umbenennen). Die Frage ist eine theoretische Spielerei, denn wenn die Verbindung von Theorien dazu führt, dass zwei Smartphones via Satellit miteinander kommunizieren, dann kann die Wissenschaft so falsch nicht liegen.


Kunst, Corona, Geld

Kunst (zu) verschenken?

Üblicherweise packe ich die Überlegungen, die sich aus der Beschäftigung mit der Corona-Pandemie ergeben, in meinen variabel fortgesetzten Blog-Eintrag Corona-Gedanken. Der folgende Aspekt ist nun so umfangreich, dass er eine eigene Betrachtung, s.h. einen eigenen Eintrag verdient.

Eine der Personengruppen, die besonders unter den Corona-Maßnahmen leidet, sind die Kulturschaffenden (also nicht nur die Künstler, sondern auch die, die die notwendige „Infrastruktur“ dafür bereitstellen). Regelmäßig treten offizielle oder selbsternannte Interessensvertreter dieser Gruppe auf, um auf ihre Misere hinzuweisen und entsprechende Hilfen einzufordern. Das tun andere Gruppen auch (z.B. die Gastronomie oder der Tourismus), bei den Kulturschaffenden werden in dieser Diskussion jedoch regelmäßig fundamentale Themen und Probleme angeführt, um die bereits vor Corona gestritten wurde und die nun mit Corona besonders deutlich zu Tage treten, weshalb eine Betrachtung unter dem Brennglas der aktuellen Umstände lohnt.

Ein interessanter Teil der prähistorischen Forschung ist die Frage nach den Ursprüngen der Künste, dazu gibt es diverse Theorien, die nicht nur wegen immer neuer Funde und Entdeckungen, sondern auch wegen der Schwierigkeit, den Begriff der Kunst eindeutig zu definieren, einer steten Veränderung unterliegen. Mir ist nicht bekannt, ob Teil der Kunst-Ursprungsforschung auch die Frage danach ist, wer der erste bezahlte Künstler war, wer also als erster einen (größeren) Teil von der Beute abbekam, weil er Bilder an eine Höhlenwand gemalt oder auf einer Knochenpfeife geflötet hatte. Fest steht, dass man seither in der Frage, ob bzw. wie Künstler (angemessen) entlohnt werden (sollen), kaum weitergekommen ist. Ja, es gibt mittlerweile Copyright und Verwertungsgesellschaften wie die GEMA, es gibt Tarifverträge für Künstler(gruppen) und Fachanwälte für Kunst- und Kulturrecht aber in großen Teilen ist die Frage danach, wer als Künstler wieso und von wem für seine Kunst wie entlohnt wird, weitgehend unbeantwortet und das hat verschiedenen Gründe.

Millenniumproblem 1: Was ist Kunst? Die Frage ist auf verschiedenen Ebenen schwer zu beantwortet, etwa auf der fundamental-philosophischen, also was ein Kunstwerk ausmacht, aber auch auf individueller Ebene, wenn nach dem Motto: „Ist das Kunst oder kann das weg?“ darüber gestritten ist, ob dieses oder jenes nun Kunst sei oder nicht (siehe dazu das aktuelle Urteil des BFH vom 23.7.2020, wonach Techno- und House-Konzerte künstlerische Veranstaltungen sind und somit dem ermäßigten Steuersatz unterliegen). Wie will man die Frage „Wie entlohnt man einen Künstler für seine Kunst?“ beantworten, wenn nicht wirklich klar ist, was Kunst ist?

Millenniumproblem 2: Wer ist Künstler? Während manche Berufe nur dann ausgeübt werden dürfen, wenn vorher eine entsprechende Ausbildung absolviert wurde, steht es jedem offen, die Profession des Künstlers zu wählen. Seine Legitimation erhält der Künstler letztlich durch die Erschaffung von Kunst, was uns dummerweise wieder zum Problem 1 führt. Wie will man die Frage „Wie entlohnt man einen Künstler für seine Kunst?“ beantworten, wenn nicht klar ist wer ein Künstler ist, weil nicht klar ist, was Kunst ist?

Millenniumproblem 3: Was ist Kunst wert? Selbst wenn man die beiden ersten Hürden genommen hat und eindeutig bestimmt hat, wer Künstler ist und welche Kunst er erschafft, bleibt die Frage, was diese Kunst wert ist? Was ist ein Bild, ein Popsong, ein Buch, eine Aufführung wert? Auf die Frage gibt es zwei Antworten:
1. Was der Markt dafür hergibt. In der Theorie kann der, dessen Kunst den Leuten gefällt, dieses Gefallen in Geld umwandeln (in der Praxis gelingt das aus verschiedenen Gründen nicht immer), egal ob er sich einen Mäzen sucht oder kleine Beträge bei vielen Fans einsammelt. Dieses System ist so bewährt wie umstritten.
2. Kunst hat vor allem einen ideellen und / oder persönlichen und / oder gesellschaftlichen Wert, der außerhalb des Marktes steht. Kunst ist demnach keine schnöde Ware, die man bestmöglich verkauft, sondern ein abstraktes Gut, dessen Wert man nicht bestimmen kann. Da der Künstler von einem „marktwertlosen“ Gut nicht leben kann, kompensiert man ihm seine Bemühungen durch Bezahlung. Im Gegensatz zur ersten Option ist dieses System so umstritten wie bewährt.

Millenniumproblem 4: Muss der Künstler von seiner Kunst leben können? Unzweifelhaft ist, dass ein angestellter (Mit)Arbeiter von seiner Arbeit leben können muss. Schwieriger ist das bei den freien Berufen, zu denen auch die Künstler gehören. Wählt jemand einen freien Beruf, der ihm kein ausreichendes Einkommen sichert, so wird man ihm empfehlen, seinen Beruf anders bzw. einen anderen Beruf auszuüben. Zu Diskussionen führt diese Empfehlung bei freien Berufen, die für sich in Anspruch nehmen, einen ideellen, gesellschaftlichen Wert zu haben, der durch marktwirtschaftliche Mechanismen nicht angemessen widergespiegelt wird, zu dieser Gruppe gehören die Künstler (aber auch Journalisten u.a.). Folgt man dieser Argumentation, muss man feststellen ob ein Künstler tatsächlichen einen ideellen und / oder gesellschaftlichen (Mehr)Wert schafft und wenn ja, wie hoch dieser zu beziffern s.h. zu vergüten ist.
Verkomplizierend kommen hier die bis heute ebenfalls ungeklärten Fragen hinzu, inwiefern ein Künstler seine Kunst ohnehin schaffen muss, er also unabhängig von einer (potentiellen) Entlohnung die in ihm schlummernden Werke hervorbringen muss und wie wichtig es ist, dass die Welt dann Kenntnis von diesen Werken nimmt.

Mit diesen vier monströsen Problemen schlägt man sich schon in normalen Zeiten rum, dass nicht noch mehr darum gestritten wird, liegt vermutlich daran, dass meist doch irgendwie genug Geld und Einkommen da ist, also die Mehrheit (besser oder schlechter) über die Runden kommt. Nun ist Corona-Zeit und die Einnahmequellen (vor allem in den unzähligen Nischen) brechen weg, was zu existentiellen Problemen und verstärkter Beschäftigung mit den vorstehenden Problemen führt, wobei die Künstler und ihre Vertreter aus mehreren Gründen schlechte Argumentationskarten haben.

So läuft jede Diskussion darüber, wie wichtig (und damit förder- und rettungswürdig) die Kunst als solches ist, ins Leere, weil es keinen Kunstmangel gibt. Corona schränkt vieles ein aber an einer kulturellen Unterversorgung leidet keiner wirklich. Internet und Streaming bieten auf Knopfdruck die unglaublichste kulturelle Bibliothek aller Zeiten, wem das nicht reicht, der kann sich im Versandhandel Medien jeden erdenklichen Inhalts bestellen, der ein oder andere fängt vielleicht sogar an, die Bücher, DVDs und Platten, die er in den letzten Jahren angeschafft hat, aufzuarbeiten. Kunst (auch gute und sehr gute) ist ausreichend vorhanden und ich kann nicht oft genug darauf hinweisen, dass wir auf einer riesigen kulturellen Mine sitzen, in der wir endlos schürfen können, auch ohne das dürftige Gold aus dem kulturellen Staub, der uns täglich vor die Füße geweht wird, waschen zu müssen.

Was momentan vor allem fehlt, sind bestimmte „Darreichungsformen“ der Kunst, etwa der Theater- oder Kinobesuch, das Konzert oder die Lesung. Das ist natürlich ärgerlich, vor allem für den Konsumenten, der an solche Veranstaltungen und Rituale gewöhnt ist, wirklich lebenswichtig sind sie nicht, weshalb es schon seine Richtigkeit hat, dass dieser Bereich ähnlich streng eingeschränkt wird wie z.B. die Gastronomie.

Für viele Menschen im kulturellen Bereich (sowohl auf Seite der Produzenten wie der Konsumenten) bringen die Corona-Maßnahmen eine schmerzliche Korrektur bzw. Desillusionierung mit sich. Konnte man vor Corona sich und anderen immer wieder versichern, dass eine lebendige, vielfältige Kulturszene vor Ort eine Grundlage für eine stabile Gesellschaft ist, wird jetzt vorgeführt, dass es auch ohne geht, dass Kultur (in jeder Qualität) immer verfügbar ist, dass das kulturelle Präsenz-Event letztlich ein Vergnügen, ein Luxus ist.
Doppelt tragisch ist dabei, dass Künstler und Kulturschaffende üblicherweise vernünftige, liberale, sensible Menschen sind, die die Notwendigkeit der Corona-Maßnahmen, die sie so stark einschränken, deshalb letztlich einsehen und befürworten müssen.

Die (wenn man so will) gute Nachricht ist, dass sich durch diesen Corona-Dämpfer langfristig nichts am alten System ändern wird. Auch wenn von allen Seiten geunkt wird, dass nach Corona nichts mehr wie zuvor sein wird, dass die Leute nur noch streamen werden, dass alle Kinos, Konzerthallen und Bühnen schließen werden, wird es so nicht kommen. Sowie Corona halbwegs im Griff ist, wird auch der kulturelle Bereich sehr flott zur Normalität (wohlgemerkt der alten und nicht der prophezeiten „neuen Normalität“) zurückkehren. Die Diskussion darüber, wie Künstler und Kulturschaffende von wem angemessen vergütet werden, wird dann da weitermachen, wo sie vor Corona aufgehört hat.


Back for good (and bad)

Downbeat-Kylie back in 1994

MTV ist kraft seines Amtes als jugendorientierter Fernsehsender üblicherweise darum bemüht, vor allem die aktuellen Trends der Popmusik abzubilden und auszustrahlen. Seit Ausbruch der Corona-Krise sind die musikalischen Neuveröffentlichungen stark zurückgegangen, noch drastischer ist der Rückgang neuer Musikvideos, der Grundzutat eines Senders wie MTV. Seit Monaten behilft sich MTV damit, unter dem Titel Back for Good „alte“ Videos (nach Jahrzehnten oder Themen sortiert) auszustrahlen, das schaue ich mir hin und wieder an und mache mir dabei so meine Gedanken.

Grundsätzlich gefällt mir das. Schon mehrfach habe ich in diesem Blog gegen die (gerade auch im kulturellen Bereich) irrsinnigen Manie nach dem immer Neuen, die den Blick auf den Berg des „guten Alten“ versperrt, argumentiert. Jetzt auf MTV die alten Videos wiederzusehen, belegt bestens meine Ansicht, dass sich Popmusik (und jede andere Kunst) nicht wie der Sport oder die Technik entwickelt, also nicht immer perfekter, besser, leistungsfähiger wird. Jede Zeit hatte gute (und schlechte) Popmusik, dies quantitativ gegeneinander abwägen zu wollen, ist ein lächerliches Vorhaben. Da die Popmusik seit mindestens 40 Jahren weitgehend „genrefluid“ ist und sich die Nationen Underground und Mainstream zu einer Freihandelszone zusammengeschlossen haben, ist es sowohl für unbedarfte wie auch geübte Hörer oft gar nicht erkenntlich, wie alt ein Popsong ist. Natürlich gibt es auch eindeutige Fälle, manche Trends waren und sind zu zeittypisch, als dass man sie falsch verorten könnte (wobei das auch nicht vollkommen stimmt, da der Trend des perfekten Retro-Sounds ebenfalls seit langer Zeit eine Konstante des Pops ist).

Der Konflikt bzw. die Dissonanz zwischen alter und neuer Musik wird am ehesten noch in den Köpfen der Konsumenten ausgetragen. Während sich üblicherweise der langsam vor sich hin alternde Popfan mit neuen Trends konfrontiert sieht, die ihm nicht gefallen (was seine aufgeschlossene Haltung gegenüber progressiver Musik in Frage stellt), sieht sich nun der jugendliche Popfan (der zwischen K-Pop und Cloudrap sozialisiert ist) bei MTV mit gänzlich ungewohnter Musik konfrontiert. Im Internet ist dieses Aufeinandertreffen von unbedarften Jugendlichen mit Popmusik aus vergangenen Jahrzehnte gerade ein ganz großer Hit, wobei der entscheidende Moment das Hören „for the first time“ ist. Das ist auch der große Unterschied zu den Alten, die jetzt auf MTV manche Songs „for the millionth time“ hören.
Jeder (bereits geläufige) Song ist mit Erinnerungen und Empfindungen verbunden, die sehr unterschiedlich ausfallen können; mal erinnert man sich nur, dass man den Song mochte (oder auch nicht), mal erweckt er die allgemeine Stimmung einer bestimmten zeitlichen Periode, mal werden damit untrennbar verbundene Ereignisse und Gefühle getriggert (z.B. wie man diesen Song zum ersten Mal gehört hat und davon überwältigt war). Wie das im Einzelnen aussieht, können Sie einfach erfahren, indem Sie sich auf youtube einen klassischen Popsong raussuchen und die ersten 100 (oder 1.000 oder 10.000) Kommentare dazu lesen.

Abgesehen von aller Emotionalität ist die Back for Good-Reihe auch kulturgeschichtlich aufschlussreich. Welche Popmusik ist gut gealtert (oder gar nicht, ist also zeitlos), welche ist mit ihrer Zeit untergegangen, welche finden wir heute ästhetisch befremdlich (bei Musikvideos werden diese Fragen durch den visuellen Anteil zusätzlich verstärkt)? Ein diesbezüglich interessantes Wiedersehen hatte ich etwa mit Do the Bartman, einem musikalischen Nebenprodukt aus der Anfangszeit der Simpsons. Vergleicht man dieses Video z.B. mit der Simpsons-Doppelfolge The Great Phatsby, erhält man einen schönen Eindruck davon, wie sich verschiedene Ästhetiken im Lauf der Jahre (in diesem Fall 27) ändern können (als „Zwischenstation“ eignet sich die Folge Pranksta Rap von 2005).

So spannend und aufschlussreich der Blick zurück auf MTV ist, hat er für mich einen kleinen Wehrmutstropfen, nämlich die gnadenlose Zusammenstellung. Sollte hinter der Abfolge der Videos tatsächlich ein menschlicher Redakteur (oder Praktikant oder was auch immer) stecken, so muss ich ihm entweder Unfähigkeit oder Bösartigkeit attestieren. Die Selbstverständlichkeit, mit der hier Schmuse-R’n’B auf The Prodigy (oder umgekehrt; ich weiß nicht was mehr schmerzt), wie gute Laune-Blödsinn auf ergreifende Melancholia wie Everything but the Girl, wie stupid flacher Eurodance auf hochkomplexe Popkünstler wie die Beastie Boys folgen, lässt mich immer wieder staunen und schaudern.

Im Zweifel bin ich noch, wo hier das Problem liegt. Bin ich es zu sehr gewöhnt (bzw. zu sehr verwöhnt), dass mehr oder weniger geschickte Kompilierer (z.B. im Radio) Musikstücke halbwegs sinnvoll aneinanderreihen? Oder bilde ich mir das alles ein, weil Popmusiksendungen (vor allem im Fernsehen) immer schon ein wildes Durcheinander waren? Oder ist das ein neues Phänomen, dass der totalen Grenzlosigkeit im Pop Rechnung trägt? Fallen solche radikalen Brüche z.B. der aktuellen Jugend gar nicht auf? Ist es für die „normal“, dass Rammstein auf Color Me Badd folgt, so wie es für sie normal ist, dass 2020 auf einen zeitlosen Popsong wie Blinding Lights von The Weeknd ein zeitloses Ohrengift wie Dance Monkey folgt? Und wie werden in dreißig Jahren ich und die Jugend von heute und die Jugend der Zukunft reagieren, wenn MTV diese beiden (dann alten) Songs mal wieder ausstrahlt? Wenn ich dann überhaupt noch (auf Popmusik) reagieren, werde ich davon berichten, bitte im Kalender vormerken.


Böse Künstler, gute Kunst

Zwar ein Schwein, aber moralisch unbedenklich

Im Juli hatte ich hier vom unerklärlichen Verlust meiner Filmleidenschaft berichtet. Etwas Unerklärliches ist oft beunruhigend, so auch hier, denn vielleicht steckte hinter diesem Verlust ein größeres Problem, welches z.B. dazu führen würde, in gleicher Weise auch meine anderen Leidenschaften einzubüßen, bis irgendwann der typische Depressionsindikator „Interessiert sich für nichts, kann keine Freude empfinden“ aufleuchtet. Diese Befürchtung betreffend kann ich nun wohl vorsichtig Entwarnung geben, völlig überraschend und genauso unerklärlich ist mir in den vergangenen Monaten eine neue Leidenschaft erwachsen, die man knapp so zusammenfassen kann: Biographien von Personen des öffentlichen, vor allem politischen Lebens in der Zeit von ca. 1890 bis 1950 (momentan noch beschränkt auf Deutschland), von denen ich bisher absolut gar nichts wusste und die auch in der Allgemeinheit kaum bekannt sind, da sie nicht in das typische Beuteschema von Guido Knopp und Co. fallen (also kein Hitler, Goebbels, Staufenberg, Hindenburg, etc.).

Während sich meine Mitmenschen für Serien wie Babylon Berlin begeistern (die mich nur mäßig anspricht), ziehe ich mir dicke Biographien über Erich Ludendorff (dringender Aufruf an den Biographen Manfred Nebelin, doch bitte einen zweiten Teil für die Jahre 1918 ff zu schreiben!), Erwin Planck, Hjalmar Schacht, Walther Rathenau und Carl Schmitt rein. Bis vor kurzem hätte ich solche Bücher aus Angst vor Langeweile nicht mal mit einem langen Stock berührt, warum sie mich jetzt fesseln, bleibt wieder ein Rätsel. In der Biographie über Carl Schmitt bin ich dabei mit einem altbekannten Thema konfrontiert worden.

Carl Schmitt war Staatsrechtler und Autor, der sich als Wissenschaftler und Intellektueller in den 1920er Jahren höchstes Renommee erworben hatte, der sich ab 1933 vollkommen den Nazis und ihrer Ideologie verschrieb, der 1936 durch Nazi-interne Intrigen kaltgestellt (zu seinem Glück nicht kaltgemacht) wurde, in Nürnberg wurde er nach dem Krieg nur befragt aber nicht angeklagt, bis zu seinem Tod 1985 und darüber hinaus tobt(e) in den entsprechenden Kreisen ein hitziger Streit über seinen wissenschaftlich-künstlerischen Wert, seine Ideologien und Theorien, seine Verfehlungen und seine Eigenheiten. Carl Schmitt ist also ein geradezu klassisches Beispiel für das von mir u.a. in diesem Blog-Eintrag beschriebene Problem vom schlechten Menschen, der gute Kunst (oder andere Geistesleistungen) schafft.

Mit diesem Problem sieht sich auch der Biograph Paul Noack konfrontiert, sein Ringen mit diesem Konflikt brachte mir zusätzliches Vergnügen bei der Lektüre. Für Noack ist einerseits die stellenweise Brillanz und Genialität Schmitts unzweifelhaft (ich muss gestehen, dass sich mir weder die Genialität seiner bekanntesten Theorien, noch seine Formulierungskunst auch nur ansatzweise erschlossen haben, aber das will nichts heißen), andererseits lässt er keine Zweifel an der Verwerflichkeit von Schmitts Handeln und Denken an anderer Stelle, mehrmals kommt im Buch die Formulierung „Dies war/ist unentschuldbar“ vor. Wie fast immer in solchen Fällen erzeugt diese Diskrepanz zwischen kreativer Großartigkeit und moralischer Verwerflichkeit ein geistiges Unbehagen, dem Noack mit einem typischen Mittel, der Erklärung, begegnet (ein anderes ist die Negierung). Nein, er will Schmitts Verfehlungen nicht entschulden, er will nur erklären, wie es dazu kommen konnte, wie das zu verstehen und einzuordnen ist. Diese Erklärungen zeigen sehr schön zwei klassische Aspekte des schlechter-Mensch-gute-Kunst-Problems.
Erstens wie extrem schwierig es für uns ist, den Widerspruch zwischen großem Werk und zweifelhaftem Schöpfer hinzunehmen. Zweitens die Schwierigkeit, objektiv zu erklären, ohne gleichzeitig doch ein Stück weit zu entschuldigen. In der Justiz ist dieses Vorgehen gängige Praxis, dort versucht der Verteidiger natürlich zu erklären, wie es zu der unheilvollen Tat kam, um damit die Schuld des Angeklagten zu reduzieren. Außerhalb der Justiz, in gesellschaftlichen, wissenschaftlichen oder künstlerischen Debatten sind diese Erklärungsversuche dagegen verdächtig, schnell wird ihnen der Versuch der Relativierung und Entschuldung unterstellt, was in diesen Zusammenhängen als unlauter empfunden wird.

Die Überlegungen, die aus der Lektüre der Schmitt-Biographie resultierten, zusammen mit Eindrücken der letzten Monate (z.B. den Skandalen um sexuelle Übergriffe in der Independent- und Underground-Musik), haben mich mal wieder über das schlechter-Mensch-gute-Kunst-Problem nachdenken lassen. Eine Antwort darauf habe ich immer noch nicht gefunden aber zumindest habe ich jetzt eine Ahnung, warum es so schwer, wenn nicht sogar unmöglich ist, eine Lösung dafür zu finden.
Die Beantwortung der Frage „Wie geht man mit guter Kunst von schlechten Menschen um?“ hängt von der Beantwortung zahlreicher anderer, komplexer Fragen ab, die keineswegs einheitlich beantwortet werden, weshalb man zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommt. Um die Komplexität des Sachverhaltes aufzuzeigen, habe ich folgenden Fragenkatalog erstellt, den man auch als Vorlage für ein Prüfschema verwenden kann. Zur Vereinfachung werde ich im Folgenden vor allem die Adjektive gut und böse zur moralischen (also nicht qualitativen) Beschreibung von Künstler und Werk verwenden.

Welchen Unterschied macht es, wenn:
A. Der Künstler gut, die Kunst böse ist?
B. Der Künstler böse, die Kunst gut ist?
C. Künstler und Kunst böse sind?
Ist A. überhaupt möglich? Kann jemand der z.B. menschenverachtende Werke schafft, ein guter Mensch sein? Was zählt zur bösen Kunst (die Frage danach, welche Kunst moralisch verwerflich ist, ist ein riesiger eigener Komplex)? Ist B. überhaupt möglich? Kann jemand ein schlechter Mensch sein und Werke schaffen, die nicht zumindest den Funken seiner Schlechtigkeit in sich tragen? Wie bewertet man es, wenn sich ein guter zum bösen Künstler wandelt? Wie geht man damit um, dass ein böser Künstler durch seine Kunst unter Umständen viel Gutes bewirkt (hat)?

Warum werden manche Vergehen und Verfehlungen bei Künstlern als problematisch und verwerflich erachtet, während andere mit einem Schulterzucken abgetan werden und wieder andere sogar den Status des Künstlers aufwerten? Macht es z.B. einen Unterschied, ob jemand alle Menschen hasst und beleidigt oder nur bestimmte Randgruppen? Macht es einen Unterschied, ob der böse Künstler Reue zeigt oder nicht? Macht es einen Unterschied, ob der böse Künstler seine Schlechtigkeit selbst darlegt oder ob sie von anderen aufgedeckt wird? Macht es einen Unterschied, ob ein Künstler einmal bzw. vereinzelt etwas Böses getan hat oder immer wieder? Inwiefern ist ein Künstler dafür verantwortlich, sich nicht von bösen Menschen vereinnahmen zu lassen? Inwiefern machen sich Künstler mitschuldig, wenn sie das böse Handeln ihrer Kollegen ignorieren bzw. tolerieren?

Welche Rolle spielt der zeitliche Abstand? Bewerten wir die Verfehlungen, die vor hundert Jahren passiert sind anders als die der letzten Jahrzehnte? Macht es einen Unterschied, ob der böse Künstler noch am Leben oder bereits tot ist? Gibt es so etwas wie eine Verjährung, nach der man das Werk unabhängig von seinem bösen Künstler betrachten kann?

Welche Rolle spielen die zeitlichen Umstände? Wie geht man damit um, dass verwerfliche Taten in einem Umfeld geschahen, in dem diese gar nicht als so verwerflich bewertet wurden? Muss sich ein Künstler unabhängig von seinem Umfeld moralisch-ethisch immer korrekt verhalten? Wer definiert, was dieses moralisch korrekte Verhalten ist?

Wie geht man damit um, dass man von den meisten Künstlern nicht weiß, ob bzw. welche verwerfliche Taten sie begangen haben? Macht es z.B. einen Unterschied, ob jemand seinen Sexismus / Rassismus / Antisemitismus offen ausspricht oder für sich behält?

Wie erkennt man, dass die Ablehnung von bösen Künstlern und Werken nicht nur eine Form der zerstörerischen Kritik bzw. Repression ist? Unterstützt / legitimiert man durch Kunstkonsum den bösen Künstler und macht sich dadurch selbst schuldig?

Machen Sie sich den Spaß und beantworten Sie (ohne ein konkretes Beispiel vor Augen zu haben) alle vorstehenden Fragen. Dann nehmen Sie sich skandalöse bzw. skandalisierte Künstler von Richard Wagner bis Michael Jackson, von Roman Polanski bis Kevin Spacey, vom Marquis de Sade bis Ernst Jünger, von Leni Riefenstahl bis zu irgendeinem toxischen Rüpel-Rapper, von Alfred Loos bis Elia Kazan, von Morrissey bis Mark Kozelek vor und gehen an diesen Fällen die Fragen und Ihre Antworten noch einmal durch. Es würde mich wundern, wenn sich dabei ein einheitliches Bild ergäbe.

Dass die Ergebnisse dabei so unterschiedlich ausfallen, hat vor allem mit einer weiteren Frage zu tun: Wie wichtig ist mir persönlich das Werk eines bösen Künstlers?
Geht es um die sexistisch-homophoben Ausfälle eines Rappers, dessen Musik man ohnehin nicht mag, dann wird man sich leicht tun, Künstler und Werk zu verdammen. Geht es aber um einen Künstler, dessen Werke man schätzt oder gar liebt, dann wird das Urteil anders ausfallen und man fängt an, die Verfehlungen des Künstlers zu „erklären“.

Der Kern der schlechter-Mensch-gute-Kunst-Thematik ist ein grundsätzliches Problem, nämlich das, dass moralisches Empfinden sehr einfach, moralisches Handeln dagegen sehr schwer ist, was auch an unserem Egoismus liegt. Die Frage, ob wir die Bücher eines Faschisten oder Pädophilen lesen, ist ja nicht die einzige Art von moralischer Entscheidung, die wir treffen müssen. Wir müssen uns auch entscheiden, ob wir für eine zweifelhafte Person / Institution arbeiten oder durch sie Geld verdienen (z.B. durch Werbeeinnahmen), ob wir Produkte und Dienstleistungen von bösen Firmen kaufen und nutzen, ob wir generell Dinge tun, die moralisch-ethisch umstritten sind (Flugreisen, Skiurlaub, Fleischkonsum, Nutzung sozialer Medien, usw.). Hört man sich Rechtfertigungen an, weshalb Leute immer noch für einen Autokonzern arbeiten, immer noch Facebook nutzen, immer noch Massenhaltungsfleisch essen, immer noch zum Spaß Flugreisen machen, dann klingt das erstaunlich ähnlich den Erklärungen, warum es schon irgendwie OK ist, Richard Wagners Musik zu hören oder Harvey Weinsteins Filme anzuschauen.

Bertolt Brecht (dessen Verhältnis zu Frauen sehr umstritten ist) hat in seiner Dreigroschenoper Mackie Messer den berühmten Satz „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ sagen lassen. Brecht-Interpretation ist definitiv nicht meine Stärke, ich würde aber mal vermuten, dass er mit „Fressen“ die Grundbedürfnisse meint, die darauf folgenden Sätze „Erst muss es möglich sein auch armen Leuten, vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden“, klingt sehr nach sozialkritischer Forderung eines menschenwürdigen Lebens. Was Brecht nicht erwähnt (weil es ihm vermutlich aus diversen Gründen nicht ins Konzept passte), ist eine ergänzende Feststellung, die auch damals schon gegolten hat (und das nicht nur für die Reichen und Bonzen, sondern auch für die „kleinen Leute“ und wohl auch für Herrn Brecht selbst) und mit der wir uns bis heute rumschlagen: Erst kommt das Vergnügen, dann die Moral.


Gutes und schlechtes Glück

Flüssiges Unglück

Zu den kleinen Ärgernissen, die einen Tag schlecht starten lassen, gehört es (für mich), an einem Wochenende grundlos zu früh aufzuwachen. Während ich mich unter der Woche nur mühsam zur vorgegebenen Zeit aus dem Bett quäle, macht sich mein Körper am Wochenende immer wieder einen Spaß daraus, mich vollkommen grundlos vor der üblichen Arbeitsalltagsaufstehzeit aufwachen zu lassen. Möglicherweise steckt ein ähnlicher Mechanismus wie beim gerne diskutierten „Warum werde ich gerade im Urlaub so oft krank?“ dahinter, ärgerlich ist beides. So auch letzten Sonntag, als ich trotz perfekter Schlafbedingungen schon um 6:00 Uhr von Vater Hypnos und Sohn Morpheus aus ihrem gemeinsamen Reich vertrieben wurde. Da die Wissenschaft bis heute nicht mit Gewissheit weiß, warum Menschen (und Tiere) überhaupt schlafen, habe ich keine Hoffnung auf eine fundierte Erklärung für diesen Somnus interruptus.

Übellaunig stand ich auf und ging ins Bad, um dort von einem unheilkündenden, zischelnden Geräusch empfangen zu werden. Üblicherweise erzeugen Spülkästen solche Geräusche, wenn sie ihrer großen Leidenschaft nachgehen, unaufgefordert kleine Wassermengen abzugeben, das traf in diesem Fall nicht zu. Schnell war die wahre Ursache gefunden, ein Flexschlauch des Waschbeckens hatte ohne jede äußere Einwirkung eine Undichtigkeit entwickelt und entließ nun durch ein kaum erkennbares Loch eine erstaunliche Menge Wasser (alte Handwerkerweissheit: Wasser hat einen kleinen Kopf), durch sofortiges Schließen des Eckventils konnte unkompliziert eine größere Katastrophe abgewendet werden.

Während ich die stattliche Pfütze unter dem Waschbecken aufwischte, streifte mich wieder mal der Gedanke, dass es in unserem Leben ein dramatisches Ungleichgewicht zwischen möglichen Unglücksfällen und Glücksfällen gibt. Zahllos sind die Möglichkeiten, wie das Unglück in unser Leben einbrechen kann; zu einem Wasserschaden oder Brand braucht es nicht viel (siehe hier), endlos ist die Liste der Krankheiten, die einen jederzeit treffen können, Unfälle lauern an jeder (Straßen)Ecke und als ob das nicht reichen würde, gibt es oben drauf Naturkatastrophen, Gewaltverbrechen und die gefürchtete Verkettung widriger Umstände, die jederzeit Not und Verderben über uns bringen können. Die oft zitierte Schätzung von Prof. Dr. Cutty Ranks in seiner Abhandlung A Who Seh Me Dun, wonach es sechs Millionen Wege gibt, das Leben zu verlieren, erscheint mir da fast noch zu zurückhaltend.

Wie viele Möglichkeiten gibt es dagegen, dass das Glück unverhofft in unser Leben tritt? Wie oft erleben wir eine Spontanheilung? Wie oft finden wir einen Schatz? Wie oft wird uns aus dem Nichts heraus ein Traumjob angeboten? Wie oft begegnen wir einem tollen Menschen, der unser Leben dauerhaft bereichert? Wie oft kommen wir durch Zufall zu Ruhm und Ehren? Natürlich gibt es all das aber wie groß ist die Wahrscheinlichkeit dafür? Um wieviel wahrscheinlicher ist es dagegen, dass uns eines der zahllosen Unglücke trifft?
Während ich das Wasser im Bad aufwischte, setzte dieser deprimierende Gedanke an, sich mit meinem Ärger über das zu frühe Aufwachen zu einer emotionellen Superzelle zu verdichten. Überraschenderweise kam es dann ganz anders.

Denn schlagartig wurde mir bewusst, dass gerade das ärgerlich empfundene zu frühe Aufwachen die weitere Flutung der Wohnung verhindert hatte. Wäre ich erst gegen 9:00 Uhr aufgestanden, hätte mich das Wasser vermutlich schon vor meinem Bett begrüßt. Gar nicht dran zu denken, wenn der Schlauch in meiner Abwesenheit (in einer Spanne von acht Stunden bis sieben Tage) undicht geworden wäre. Hatte ich also das berühmte Glück im Unglück gehabt? An diesem Punkt begannen meine Überlegungen unangenehm kompliziert zu werden.
War die von mir empfundene Ungleichheit zwischen potentiellen Glücks- und Unglücksfällen korrekt? Ist es nicht schon ein Glücksfall, morgens aufzuwachen und keine schreckliche Krankheit zu haben? Ist es ein Glücksfall, wenn ein Leck in der Wasserleitung bereits eine Stunde nach seiner Entstehung entdeckt wird? Ist es ein Glücksfall, wieder einen Tag abzuschließen, ohne einen der sechs Millionen Todeswege gegangen zu sein? Ist also kurz gesagt der zentrale Glücksfall, keinen Unglücksfall zu erleiden? Was sind dann all die Glücksfälle, die unser Leben nicht nur nicht verschlechtern, sondern dramatisch verbessern (Spontanheilung, Dachbodenschatz, etc.)? Ein Luxus? Ein Extra-Glück? Was braucht mehr Glück: Von einem Unglück komplett verschont zu bleiben oder ein Unglück mit Glück zu überstehen? Ist es eine Frage der (falschen) Wahrnehmung, dass wir in 30 Jahren unfallfreiem Autofahren keinen Glücksfall sehen, während wird das Unversehrtbleiben nach einem schweren Unfall als großes Glück empfinden?

Wie sich eine Wahrnehmung verschieben kann, erlebte ich vor einigen Jahren. Früher gehörte ich zu den schlauen Menschen, die Lotto-Spielen mit dem Verweis auf die extrem geringe Gewinnwahrscheinlichkeit (1 zu 140 Millionen in der höchsten Gewinnklasse) geradezu verächtlich ablehnen.
Irgendwann saß ich dann vor den Unterlagen meiner Haftpflichtversicherung und staunte über die dort ausgewiesene Deckungssumme in Millionenhöhe. Für rund 150,- Euro Beitrag im Jahr gegen Risiken in siebenstelliger Höhe abgesichert zu sein, erschien mir als der Inbegriff von Vernunft. Nun ist Versicherungsmathematik eine äußerst komplexe Angelegenheit aber zumindest so viel verstehe ich davon, dass ihr folgende Basis zugrunde liegt: Wahrscheinlichkeit eines Versicherungsfalles mal Höhe des Versicherungsschadens spiegelt sich wieder im Versicherungsbeitrag. Hinsichtlich meiner Haftpflichtversicherung war mir bekannt, dass der Versicherungsbeitrag verhältnismäßig gering ist, die Deckungssumme dagegen ziemlich hoch, was bei korrekter Anwendung der Formel nur bedeuten konnte, dass die Wahrscheinlichkeit für den Eintritt (bzw. die Übernahme) eines Millionenschadens sehr gering sein musste. Warum, so habe ich mich damals gefragt, empfinde ich es als total vernünftig, mich mit einem moderaten Betrag gegen das sehr geringe Risiko eines Millionenschadens abzusichern, während ich es beim Lotto für total unvernünftig halte, mit einem moderaten Betrag die sehr geringe Wahrscheinlichkeit eines Millionengewinnes zu erhalten? Das Ergebnis dieser Überlegung war dann nicht meine Versicherung zu kündigen, sondern fortan Lotto zu spielen. Weder das eine (der Versicherungsfall) noch das andere (Lottogewinn) ist bisher eingetreten, was man gleichermaßen als Glück bzw. „Unglück“ bezeichnen kann.

Die Anführungszeichen beim Wort Unglück muss ich aufgrund einer sprachlichen Eigenheit des Deutschen setzen. Während der Engländer luck und bad luck und der Franzose chance und malchance (also jeweils Glück und schlechtes Glück) kennt und jemand anderen good luck bzw. bonchance (also gutes Glück) wünscht, ist im Deutschen das Gegenstück zum Glück das Pech, während das Unglück (wortwörtlich das Nicht-Glück) mehr im Sinne eines Unfalls verwendet wird. Auch wünscht der Deutsche nicht gutes sondern viel Glück. Welche Sprache ist hier zutreffender? Gibt es ein Glück und einen konkreten Gegenpol wie Pech oder gibt es letztlich nur ein Glück, das mal gut und mal schlecht ausfällt? Seit letzten Sonntag bin ich mir diesbezüglich unsicherer denn je.

Wenn Ihnen das alles noch nicht kompliziert genug ist, können Sie in diesem Blog-Eintrag weitere Aspekte des Glücks kennenlernen.


Amerikanische Union vs. Vereinigte Staaten von Europa

Stars and stripes

Die aktuelle(n) Situation(en) in den USA incl. den bevorstehenden Wahlen führt zu einer ausgiebigen Berichterstattung und Kommentierung. Ein dabei regelmäßig auftauchendes Motiv ist die „Gespaltenheit“ des Landes, als Schlagwort hat sich dafür der Begriff „Divided States of America“ etabliert.
Auf der anderen Seite des Atlantiks streitet die EU mit Großbritannien über deren Ausscheiden, was ebenfalls zu umfangreichen Diskussionen führt. Ein dabei regelmäßig auftauchendes Motiv ist das angebliche Scheitern der EU bzw. der „Europäischen Idee“.
Beides zusammengenommen bietet sich mir eine gute Gelegenheit, über das Phänomen des staatlichen Gemeinschaftssinns nachzudenken.

„Amerika ist so gespalten wie noch nie“, ist ein Satz, den man momentan oft lesen und hören kann, so ziemlich jeder ist angesichts der aktuellen Situation geneigt, dieser Behauptung zuzustimmen. Korrekt ist die Aussage trotzdem nicht.
Der erste Fehler liegt schon im darin enthaltenen Superlativ (wenn Sie diesen Blog regelmäßig lesen, wissen Sie, dass ich dem Superlativ grundsätzlich misstraue), denn dass Amerika so gespalten „wie noch nie“ ist, möchte ich ernstlich anzweifeln. War Amerika nicht gespalten, als es in den 1860er Jahren seinen Sezessionskrieg geführt hat? War Amerika nicht gespalten, als es in den 1960er Jahren in einem Strudel aus Gewalt, Protest, Bürgerrechtsbewegung, Vietnamkrieg und Attentaten versank? Das sind die extremen Beispiele aber wann war Amerika denn nicht zutiefst gespalten? Die Präsidentschaft von Barack Obama haben wir vielleicht als „harmonisch“, gemäßigt und sachlich empfunden, aber war das Land während dieser Zeit wirklich weniger gespalten oder haben wir nur weniger davon mitbekommen?

Die USA waren und sind kein homogenes Land, die Spalten und Risse, die es durchziehen, sind vielfältig. Es gibt riesige soziale, kulturelle, politische, religiöse, gesellschaftliche und rassische Verwerfungen, die sich seit der Gründung des Landes zwar mehr oder minder dynamisch verändern, insgesamt aber kaum kleiner werden (manche werden sogar noch größer). Gespaltenheit ist praktisch der Grundzustand dieses Landes, über die Quantität dieser Gespaltenheit zu spekulieren, halte ich für sinnlos, denn meine Erfahrung als Holzhacker hat mir gezeigt, dass ein Scheit entweder gespalten ist oder nicht, ein Superlativ wie „so gespalten wie noch nie“ ist da eher lächerlich.
Das wahre Mysterium ist doch, warum dieses Land trotz aller Gespaltenheit eine derart geschlossene Einheit ergibt, welches geheimnisvolle Fluidum all diese unterschiedlichen Gruppen und Interessen auf einer gewissen Ebene vereint? Besonders spannend ist diese Frage, weil der EU genau dieser Klebstoff zu fehlen scheint, was zu der paradoxen Situation führt, dass sich selbst sehr ähnliche EU-Bürger nicht gemeinsam als Europäer verstehen, während selbst extrem verschiedene US-Bürger stolz darauf sind, Amerikaner zu sein.

Letztlich geht es hier um die äußerst komplexe Entstehung von nationalen Identitäten bzw. Identifikationen, die sich kaum erklären, verstehen und steuern lassen. Die einfachste Erklärung hierfür ist regelmäßig ein Gründungs- bzw. Nationalmythos wie z.B. der berühmte Rütlischwur in der Schweiz, ich habe aber massive Zweifel, ob ein singuläres Ereignis wirklich ausreicht, um ein Land bzw. Volk zusammenzuschweißen. Der Prozess ist vermutlich länger und viel komplizierter, wobei „Mythen“ durchaus eine große Rolle spielen, vergleicht man die USA und die EU, dann stellt man gerade diesbezüglich einen entscheidenden Unterschied fest.

Denn was hat der White Trash-Prolet aus dem armen Mittelwesten mit dem wohlhabenden Bildungsbürger von der Ostküste mit dem durchschnittlichen Suburbia-Bewohner mit dem erzkonservativen Frömmler gemeinsam? Sie feiern z.B. Thanksgiving mit einem standardisierten Essen und schauen dabei Football. Es gibt also den Mythos eines (nicht notwendigerweise religiös bestimmten) Festes (ein anderes ist Halloween), es gibt den Mythos eines gemeinsamen Essens (ein anderes ist z.B. Cola oder Fastfood) und es gibt den Mythos Sport (alternativ Basketball, Baseball, Eishockey). Daneben gibt es kulturelle Mythen, etwa Elvis, Frank Sinatra, Marilyn Monroe oder John Wayne, Mickey Mouse, Star Wars, den (umstrittenen) Tom Sawyer und Moby Dick, Johnny Carson und Jerry Lewis, die Simpsons und Bonanza, und, und, und. Außerdem hat die USA einen eindeutigen Präsidenten, es gibt eine allgegenwärtige Fahne und eine ebenso verbreitete Hymne, mal zahlt überall mit den gleichen Dollars und in den Krieg zieht man auch gemeinsam. Mythisch sind auch die Ereignisse, die das ganze Land bewegten, von Pearl Harbor über die Mondlandung zur Ermordung Kennedys und 9/11. Das ist zwar ein großes Durcheinander, in der Summe ergibt sich daraus aber ein Mythos USA, der jeden Graben, jede Spaltung überspannt.

Was sind da die europäischen Entsprechungen? Welches (nichtreligiöses) Fest feiern alle Europäer in gleicher Weise (wie feiern Sie den Europatag am 9. Mai)? Welches Essen bindet sie zusammen? Welcher Sport eint sie (Veranstaltungen wie Europameisterschaften habe ja eher was von wir-gegen-euch)? Warum tritt bei der Fußball-WM keine EU-Mannschaft an? Welche Kunst, welcher Künstler wird von allen als Teil ihrer Kultur empfunden (nur Klugscheißer antworten hierauf Erasmus von Rotterdam)? Wer ist der Präsident, der „Chef“ der EU (nennen Sie alle drei großen Organe der EU und ihre aktuellen Präsidenten / Vorsitzenden sowie ihre jeweilige Befugnis)? Wann zieht die EU gemeinsam in den Krieg? Warum braucht jedes Land seine eigenen Euro-Münzen? Welches Ereignis hat die Europäer (und nur die Europäer) tief im Herzen gemeinsam erschüttert oder begeistert?

Dass die EU als unpersönliche „Verwaltungsgemeinschaft“ empfunden wird und sich kein Wir-sind-(stolze)-Europäer-Gefühl etablieren will, hat weder mit der Struktur, dem Aufbau oder (wie manche behaupten) einem „Konstruktionsfehler“ der EU noch mit einer zu großen Heterogenität oder einer unverbesserlichen Eigenbrötlerei bzw. Eigenstaatlichkeit zu tun (die USA sind in diesen Punkten keineswegs besser), sondern liegt schlicht am Fehlen eines einenden europäischen Mythos. Einen solchen Mythos mit Absicht herzustellen, funktioniert leider ganz schlecht, das können Sie überall da beobachten, wo findige PR-Leute schon daran scheitern, einer Person, einer Marke, einem Produkt oder ein Kunstwerk einen Kultstatus anzudichten.
Im Gegenzug ist es genauso schwer, einen bestehenden Mythos zu zerstören, deshalb ist nicht zu erwarten, dass die USA aufgrund der aktuellen Differenzen „auseinanderbricht“. Der diffuse Mythos USA hält das Land unverändert stark zusammen und sorgt dafür, dass der Großteil der Bürger trotz aller unübersehbaren Probleme in der (für uns Europäer oft befremdlich wirkenden) Überzeugung lebt, die USA seien ein großartiges, wenn nicht sogar das großartigste Land überhaupt.

Der Song zu diesem Blog-Eintrag ist weder Beethovens Ode an die Freude, noch The Star-Spangled Banner (und schon gar nicht Springsteens Born in the USA), sondern Liam Lynch‘ United States of Whatever.
Mein momentan liebster musikalischer Kommentar zur aktuellen Lage in den USA ist State of the Union von Public Enemy, der zwar in gewohnt unverhohlener Weise viele Dinge in Amerika frontal kritisiert, trotzdem oder gerade deshalb ein weiterer Mosaikstein im Mythos USA ist.


Ich mag keine Filme (mehr)

Überbordende Kunstbegeisterung

Im Dezember 2015 habe ich einen Blog-Eintrag mit dem Titel Ich mag keine Musik geschrieben, in dem es nicht um die Abneigung gegenüber der Musik, sondern um eine sonderbare Marketingstrategie geht. Regelmäßig kann ich meinen Blog-Statistiken entnehmen, dass Menschen bei diesem Eintrag landen, da sie in einer Suchmaschine Aussagen wie „(ich) mag keine Musik (mehr)“ eingeben, aufgrund solcher Suchanfragen ist dieser Blog-Eintrag einer meiner zugriffsstärksten.

Lassen wir einmal die immer wieder spannende Frage außer Acht, was die Menschen wie im Internet suchen (was erwartet jemand, der bei Google „ich mag keine Musik“ eingibt? Eine Erklärung? Trost? Rat? Hilfe?) und wenden uns dem eigentlichen Thema zu, der Ablehnung bzw. Gleichgültigkeit gegenüber der Musik und anderen Künsten.
Die Aufteilung der Kunst in die verschiedenen Künste (und ihre jeweiligen Teilbereiche) ist ziemlich kompliziert, weshalb ich mich hier damit gar nicht groß aufhalten möchte. Wenn ich im Folgenden pauschale Begriffe wie Musik, Film, Theater, Malerei oder Literatur verwende, sollte jeder wissen, was damit gemeint ist.

Unter den Künsten gilt die Musik als die universellste, selbst die misslaunigsten Philosophen und Autoren, die sonst an allem was auszusetzen haben, singen gerne das Hohelied auf die Musik, so wie Schopenhauer sehen manche sie „nicht neben, sondern über den anderen Künsten“. Keine Musik zu mögen (also nichts aus ihr zu ziehen, keine emotionelle Reaktion darauf zu haben) gilt gemeinhin als unnormal, weshalb betroffene Personen sogar Hilfe im Internet suchen und dabei (fälschlicherweise) bei meinem oben genannten Blog-Eintrag oder (richtiger) auf Homepages und in Foren landen, wo offen darüber verhandelt wird, ob es so etwas wirklich gibt, wie schlimm das ist und was die Ursachen dafür sein könnten. Wenn Sie auch „darunter leiden“ und / oder sich über das Phänomen informieren wollen, geben Sie bitte in Ihre Suchmaschine nicht „ich mag keine Musik“, sondern „musikalische Anhedonie“ ein.

Damit beweist die Musik einmal mehr ihre Ausnahmestellung, denn keine andere Kunst hat für eine Gleichgültigkeit ihr gegenüber eine eigene Bezeichnung, die auch noch fast nach einer Krankheit klingt. Wenn Sie dagegen in einem Kreis von durchschnittlich gebildeten Menschen erklären, dass Sie kein Interesse an Theater oder Malerei oder Literatur haben, dann wird das vermutlich mit einem Schulterzucken aufgenommen, im schlimmsten Fall hält man Sie für (kulturell) ungebildet bzw. einen sog. Banausen, von einer „Störung“ wird aber keiner sprechen (außer den Fanatikern, die sich ein Leben ohne Theater oder Malerei oder Literatur gar nicht vorstellen können, wobei man da darüber diskutieren kann, inwiefern diese bedingungslose Begeisterung „gestört“ ist). Unterschiede gibt es aber auch hier, vor allem im Extrem. Wer verkündet, noch nie ein Buch gelesen zu haben, wird vermutlich mit anderen Augen betrachtet wie der, der nach eigener Aussage noch nie eine Theateraufführung oder Tanzperformance gesehen hat.

Weshalb Künste überhaupt unterschiedlich bewertet werden, ist genauso schwer zu erklären wie die Frage, was eine Kunst(form) ist. Im Lauf der letzten 3.000 Jahre wurden viele Disziplinen den Künsten zu- und später wieder abgerechnet, bis heute hält dieser Prozess an, wie z.B. an der Diskussion über Streetart bzw. Graffiti, Netzkunst oder die Kochkunst zu sehen ist.
Fast noch schwerer zu beantworten ist die Frage, warum sich Menschen zu welchen Künsten hingezogen fühlen und wie sich dieses Verhältnis während eines Lebens verändern kann, ein interessantes Beispiel diesbezüglich ist meine Leidenschaft für den Film.

Als Kind war ich (wie so viele) geradezu süchtig nach bewegten Bildern, was sich in endlosen Stunden vor dem Fernseher niederschlug. Angeschaut habe ich so ziemlich alles, was die wenigen Programme damals hergaben. Als Jugendlicher hat sich dann eine Begeisterung für Filme ausgeprägt, als junger Erwachsener war ich schließlich das, was man gemeinhin einen Cineasten nennt, also jemand der nie genug Filme sehen kann, der sich für alle Aspekte des Themas interessiert, der immer weiter nach dem Speziellen, Unbekannten sucht, der sich auch kritisch (bzw. als Kritiker) damit auseinandersetzt, der von einem guten Film total überwältigt werden konnte, der dieses Gefühl der Berückung immer und immer wieder wollte.

Anfang der 2000er Jahre begann diese Begeisterung Risse zu bekommen. Filme, die mir eigentlich gefallen hätten sollen (weil von einem geschätzten Regisseur gemacht und von der Kritik hochgelobt), ließen mich kalt. Anfänglich hielt ich das für „Aussetzer“, für ein persönliches Mismatch zwischen mir und diesem einen Film. Doch das Missfallen, die Gleichgültigkeit wurde immer mehr, abzulesen etwa an meinen Jahresrückblicken, in denen ich von Jahr zu Jahr weniger Filme als erwähnenswert empfand. In gleicher Weise nahm mein Interesse an dem Drumherum, an Stars, Filmschaffenden, Festivals, Filmhistorie, Legenden und Mythen ab.
Mittlerweile bin ich an dem Punkt, dass ich (auch ohne Corona) so gut wie gar nicht mehr ins Kino gehen, im Fernsehen probiere ich immer wieder (bereits bekannte wie mir neue) Filme aus, breche 70 % davon vorzeitig ab, schaue 25 % davon zu Ende ohne einen bleibenden Eindruck zu behalten und weniger als 5 % davon unterhalten oder faszinieren oder berühren oder begeistern mich in irgendeiner Weise, wobei ich selbst bei diesen meist noch etwas finde, das mich stört.

Da frage ich mich, wie das sein kann? Wie kann eine kulturelle Leidenschaft in 30 Jahren einer Parabel gleich von ganz wenig bis ganz viel bis wieder ganz wenig verlaufen? Wieso sind meine Verhältnisse zu anderen Künsten (wie der Musik oder der Literatur) in derselben Zeit praktisch unverändert geblieben? Dass es an mir liegen muss, ist unzweifelhaft, denn nicht nur neue, sondern auch viele (nicht alle) Filme, die ich früher gut fand, langweilen mich heute. Was hat sich in mir verändert? Warum betrifft diese Veränderung nur den Film aber nicht die Literatur (beides sind erzählende Künste)? Warum gibt es noch eine geringe Zahl von Filmen, die ich wirklich gut finde? Werde ich das Gefallen an diesen Filmen auch noch verlieren? Bin ich des Films überdrüssig, weil letztlich alles irgendwie (und oft besser) schon einmal da war? Warum werde ich dann der Musik nicht überdrüssig, die auch nach der tausendsten Wiederholung noch Spaß macht? Warum kann ich mit all diesen neuen Serien (also die, mit einem durchgehenden Handlungsstrang), von denen die Leute seit ein paar Jahren derart begeistert sind, überhaupt nichts anfangen? Warum habe ich aber weiterhin großen Spaß an ausgewählten Comedy- und Cartoonserien?

Kunstgenuss besteht zu einem Teil aus Intuition und zu einem Teil aus Übung. Wer mit einer unbekannten Kunstform konfrontiert wird, kann nur intuitiv einschätzen, ob ihm das gefällt. Beschäftigt er sich mehr damit, „trainiert“ er diese Kunstform, wird er immer mehr verstehen, mehr erkennen, mehr gut finden (wer hat seinen Einstieg in eine Kunstform nicht über relativ zugängliche Werke gesucht, um sich dann an die großen, komplexen Werke heranzuarbeiten). Was heißt das aber nun für mich und den Film? An der mangelnden Übung kann es eigentlich nicht liegen, schließlich habe ich jahrelang intensiv trainiert. Hat also mein intuitives Interesse nachgelassen? Oder gibt es vielleicht noch eine dritte Kraft, die hier eine Rolle spielt, z.B. blinde bzw. verklärende Begeisterung, die mir abhandengekommen ist?

Ob meine nachlassende Filmleidenschaft eine gute oder schlechte Sache ist, kann ich noch nicht abschließend sagen, der aktuelle Zwischenstand ist ambivalent. Negativ ist der Verlust eines angenehm zeitraubenden Hobbys und mancher kulturellen Anregung, positiv ist dagegen die Befreiung von Zwängen und Ängsten auf der Jagd nach dem nächsten, besten (bzw. nächstbesten) Filmereignis.

Sei es wie es sei, ändern werde ich daran nichts können, denn so viele Fragen im Vorstehenden auch offen sind, bin ich mir über eine Sache doch sicher: Eine bewusste, rationelle Entscheidung für oder gegen eine Kunstform gibt es nicht. Wie wir uns die Künste oder die Künste sich uns aussuchen, bleibt ein Geheimnis, man könnte es auch das Je ne sais commet nennen.