Architektenbeschimpfung

Gut gemacht Frank Gehry!

Es gibt in unserer Gesellschaft Berufe, über die gerne geschimpft wird. Wenn in einer Gruppe jemand anfängt, sich z.B. über Politiker oder Banker oder Ärzte oder Anwälte oder Polizisten oder (Finanz)Beamte oder Lehrer oder Pfarrer oder Bahn- oder Postangestellte auszulassen, dann findet sich nur ganz selten einer, der dieser (meist pauschalen, vereinfachenden und unverhältnismäßigen) Kritik widerspricht, wahrscheinlicher ist, dass dem Gesagten stillschweigend oder durch einen eigenen Beitrag zugestimmt wird. Warum über andere Berufe dagegen so gut wie nie gelästert wird, lässt sich nicht leicht erkennen, weshalb ich mir seit ein paar Tagen den Kopf darüber zerbreche.

Womit die Kritik-Verteilung wohl nur bedingt zu tun hat, ist das sog. Berufsprestige, also die soziale Anerkennung, die ein Beruf in der Gesellschaft genießt. In den diesbezüglichen Erhebungen sind etwa die gerne beschimpften Ärzte regelmäßig ganz weit oben, während sich über Buchhändler, die traditionell ein erstaunlich geringes Berufsprestige haben, nur ganz selten jemand beschwert.
Naheliegend ist die Vermutung, dass sich besonders über die Berufe beschwert wird, mit denen man konkrete negative Erlebnisse hat. Das alleine kann es aber auch nicht sein, denn mit vielen der vorzugsweise kritisierten Berufe hat man viel zu selten zu tun, um ein derart negatives Berufsfeindbild aufzubauen.
Vielleicht sind auch die Medien (teil)schuld, die über die Fehler und Verfehlungen bestimmter Berufsgruppen (bzw. die dahinter stehenden Institutionen) besonders gerne berichten, was die Beschwerden der Bürger übermäßig anschwellen lässt.
Vielleicht stecken auch noch andere, schwer festzumachende, soziale, kulturelle und emotionelle Gründe dahinter, vielleicht kommt man am Beispiel der Architekten der Sache näher.

Denn Architekten gehören zu einer der Berufsgruppen, über die eigentlich nie geschimpft wird, zumindest nicht in der üblichen Gesellschaft. Ganz anders ist es unter Handwerkern, die mit großer Leidenschaft über Architekten herziehen, was aber als berufsspezifische „Tradition“ und Eigenheit für die kommende Betrachtung zu ignorieren ist.
Unter Nichthandwerkern habe ich noch nie erlebt, wie jemand im Rahmen eines Lamentos zu einer abfälligen Bemerkung wie „Alle Architekten sind unfähig / Idioten / Gangster…“ gekommen wäre, während man über Politiker, Banker und andere eingangs genannte Berufe solche Pauschalurteile regelmäßig hört. Woran liegt das? Gibt es an Architekten nichts zu kritisieren? Ist es nicht üblich oder gar verpönt diesen Berufsstand zu beschimpfen? Umhüllt ein besonderer Schutzschirm die Architekten?

Zum Kritisieren und Aufregen gibt es bei Architekten genau so viel wie bei anderen Professionen. Mit großer Regelmäßigkeit erfahre ich im persönlichen Gespräch oder durch die Medien von Architekten-Fails bei denen deren gestalterische Entscheidungen zu Gebäuden mit katastrophalem Raumklima, fehleranfälliger Technik, vorzeitigem Verschleiß, unverhältnismäßig hohen Instandhaltungskosten, nervenden bzw. unpraktischen Wohnraumeigenheiten und sonstigen Problemen führen. Genauso ärgerlich kann die Ausübung des Urheberrechtsschutz sein, wenn Architekten mit dem Beharren auf der Unberührbarkeit ihres Werkes verhindern, dass notwendige Veränderungen in der Nutzung eines Gebäude oder die Behebung eines der vorstehenden Probleme umgesetzt werden. So sehr manche Gebäudebesitzer bzw. –betreiber unter solchen Eigenheiten auch leiden, wird doch nie harsche Kritik oder Polemik gegen ihre Verursacher laut. Mit betrübtem Gesichtsausdruck berichten einem die Betroffenen dann von ihrem Leiden und sind peinlichst darum bemüht, bloß nichts (zu) Negatives über den verantwortlichen Architekten zu sagen. Woran liegt das?

Ist Architekten-Beschimpfung ein Tabu in unserer Gesellschaft? Warum sollte das so sein? Heute darf man (mit Ausnahme von Randgruppen und schlechter Gestellten) auf alles und jeden schimpfen, unberührbare Würden- und Amtsträger gibt es schon lange nicht mehr.
Ist das Image der kreativen, Saab fahrenden, Rollkragenpullover tragenden, ironische Doppeldeutigkeiten wie „Do it with an architect“ verbreitenden Architekten zu nett und sympathisch, um über sie zu schimpfen?
Liegt es am (vermeintlichen) Künstlerstatus der Architekten? Architektur ist ein seit Jahren boomendes Thema, Städte reißen sich um Bauten Norman Foster, Frank Gehry und Co., die bereits am Tag der Fertigstellung eine Sehenswürdigkeit sind, Dokus und Bücher mehren den Ruhm der prominenten Architekten, die selbstverständlich den Status großer Künstler besitzen. Strahlt dieser Nimbus auch hinab bis zu den kleinen und kleinsten Architekten und keiner traut sich Kritik zu üben, weil man befürchtet, als Kunstbanause und Ignorant dazustehen, so wie der, der am Jahrhundertroman die zu vielen Seiten oder am klassischen Gemälde das unpraktische Format kritisiert?
Oder fühlen sich die Betroffenen selbstverantwortlich? Schließlich hat man den Architekten ja beauftragt, hat seine Entwürfe gesehen, hat sie besprochen und freigegeben. Ganz kann das auch nicht stimmen, denn selbst die, die ein vermurkstes Gebäude übernommen haben, also für die Erstellung nicht verantwortlich sind, finden kein schlechtes Wort über den Architekten.
Das Ganze ist und bleibt für mich ein Mysterium, für das ich zumindest momentan keine Lösung habe.

Sollten Sie jetzt glauben, ich habe etwas gegen Architekten und ich fordere dazu auf, mehr über diese zu schimpfen, dann irren Sie sich. Mir geht es um Gleichbehandlung, also entweder gleiches Schimpfen über alle oder (noch sinnvoller) gleiches Augenmaß bei der Kritik an allen Berufsgruppen.

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Fünfzig Worte für Nichts

Wie nennt man das gleich wieder…

In meinem Blog ist es schon öfter um Worte gegangen, die viele unterschiedliche Bedeutungen haben (z.B. alt, fallen oder verlieren). Heute geht es dagegen um Bedeutungen, die viele unterschiedliche Worte haben.
Beide Kategorien gleichen sich in der sehr uneinheitlichen Verteilung von Wort zu Bedeutung. So, wie manche Worte nur eine Bedeutung und andere Worte sehr viele Bedeutungen haben, gibt es auch Bedeutungen, die nur ein Wort und andere, die sehr viele Worte haben. Zu Begriffen wie Tisch oder Kuh gibt es keine bzw. kaum Synonyme (es hängt vom Zusammenhang ab, ob man die Tafel oder das Rind als Ersatz einsetzen kann). Andere Begriffe haben eine Vielzahl alternativer Bezeichnungen, wobei nur schwer zu durchschauen ist, warum ausgerechnet sie so unterschiedliche Namen tragen. Die naheliegende Erklärung dafür wäre, dass die Begriffe, mit denen wir am meisten zu tun haben, die uns am öftesten oder am liebsten beschäftigen, auch die vielfältigsten sind. Wenn die Theorie stimmt, dann würden zu den zentralen Aspekten des Menschen Geld (Pinke, Asche, Kohle, Moneten, etc.), reden (labern, quatschen, ratschen, quakeln, etc.) und koitieren (pimpern, pudern, schnackseln, bumsen, etc.) zählen, was sicher nicht ganz verkehrt ist, was aber viele andere wichtige Aspekte außer Acht lässt.
Gemeinsam ist den Synonym-Clustern, dass in ihnen oft schöne, spannende, rätselhafte Worte zu finden sind, Worte, die stark von Dialekt geprägt sind, Worte, die nach fremden, geheimnisvollen bzw. geheimen Sprachen (z.B. Rotwelsch) klingen, Wort, die sich mit Spaß aussprechen und Freude hören lassen. Aufgefallen ist mir dies jetzt am Beispiel des Synonym-Clusters für Unbedeutendes, Wertloses.

Unbedeutend und wertlos kann vieles sein bzw. kann vieles empfunden werden, etwa ein Gegenstand, ein Gedanke, eine Theorie, gesprochene Worte oder ein Mensch bzw. eine Gruppe von Menschen. Die gebräuchlichsten Begriffe hierfür sind Dreck, Scheiß, Mist oder Müll, die ihre anrüchige Erstbedeutung auf die Zweitbedeutung übertragen. Sonderbarerweise gibt es aber auch Begriffe wie Kohl (oder die Dialektentsprechung Kappes), Käse, Zimt oder Quark, die in der Erstbedeutung durchaus wohlrüchig und wohlschmeckend sind, die in der Zweitbedeutung aber das gleiche wie Müll oder Mist meinen.

Der doppeldeutige Schmarren baut die Brücke zu „traditionellen“ Synonymen wie Kram (ob sich das österreichische Kramuri vom Kram ableitet oder eigenständig entstanden ist, kann ich nicht sagen), Krempel, Ramsch, Schund, Schrott, Gerümpel oder Quatsch.
Hübsch wird es mit der nächsten Gruppe, wo sich stabreimhafte Zauberworte wie Klimbim, Krimskrams, Larifari, Schnickschnack, Pillepalle, Firlefanz, Hokuspokus, Kokolores, Kinkerlitzchen oder Pipifax finden.
Nicht ganz so rhythmisch aber immer noch schön anzuhören und an vergangene Zeiten bzw. fremde Regionen erinnernd sind Flitter, Plunder, Zinnober, Tinnef, Klumpatsch, Mumpitz, Humbug, Tand, Schmu und Stuss.
Regelrecht exotisch kommen Fez, Talmi, Kiki und Koks daher.
Regelrecht heimisch-bayerisch kommen Geraffel, Glumpert und Gfrast daher.

Manche dieser Worte sind sicher veraltet, manche sind regional nur sehr begrenzt verbreitet und doch stehen sie alle im aktuellen Duden und bezeichnen etwas Wertloses. Warum ist das so? Wo kommen all diese Worte her? Wer hat sie erfunden bzw. geprägt?
Die lange kolportierte Behauptung, dass die Eskimos so viele Worte für Schnee haben, ist mittlerweile ausreichend widerlegt. Dass die Deutschsprachigen fünfzig Worte für Müll und Mist haben, ist dagegen unzweifelhaft und kann somit fortan (als Ersatz für die Eskimo-Schnee-Geschichte) als Trivia-Wissen auf Partys angebracht werden. Es kann Ihnen dabei aber passieren, dass sie als gelangweilte Reaktion auf diese Aussage nur eines der oben aufgeführten Worte zu hören bekommen.


Richtig entscheiden

Das dritte Geschlecht der Entscheidungen

Hin und wieder denke ich mir, dass ich langsam durch sein müsste. Seit vielen Jahren beschreibe ich in diesem Blog (u.a.) Phänomene des (bzw. meines) Alltags, die auf den ersten Blick dermaßen alltäglich und profan wirken, dass man sie üblicherweise übersieht, die bei genauerer Betrachtung aber eine bemerkenswerte Komplexität aufweisen. Naturgemäß habe ich keine Liste dieser Phänomene, die ich hier abarbeite, vielmehr braucht es einen Auslöser, ein zufälliges Zusammentreffen, ein ungewöhnliches Ereignis, damit ein solches Phänomen in meine Aufmerksamkeit gerät und ich mich in diesem Blog darüber auslasse. Ein solcher Trigger ist unbedingt notwendig, denn wenn ich mich einfach so hinsetze und überlege, was es diesbezüglich noch zu beschreiben gäbe, fällt mir absolut nichts ein und in mir keimt die Vermutung, dass ich nun tatsächlich durch bin, dass ich alle diese gerne ignorierten Phänomene, die mich umfänglich beschäftigen, nun gewürdigt habe. Aber immer wenn ich denk’ es gibt nichts mehr, kommt von irgendwo ein Gedanke her und dann ist da doch wieder so ein Thema, das mir einer Betrachtung wert erscheint, weil sich entweder noch keiner darüber geäußert hat oder weil das, was darüber gesagt wurde, in meinen Augen falsch oder lückenhaft ist. Jetzt ging es mir so mit Entscheidungen.

Dass sich noch keiner zu diesem Phänomen geäußert hat, kann man definitiv nicht sagen, so erfreuen sich etwa die (umfänglich und kontrovers diskutierten) Erkenntnisse von Hirnforschern wie Gerhard Roth oder Wolf Singer zur Gedanken- und Entscheidungsfreiheit eines anhaltenden Interesses. Überaus beliebt sind auch (menschliche wie schriftliche) Ratgeber, wie man die richtigen Entscheidungen trifft, andere beschäftigen sich lieber mit denen, die (krankhaft) keine Entscheidungen treffen (z.B. Prokrastinierer). Die Optimierung von Entscheidungsprozessen ist eine ganz eigene Disziplin, deren Zweige auch ins Digitale und die sog. Künstliche Intelligenz reichen. All das zusammen füllt halbe Bibliotheken bzw. Server, was muss ich mich jetzt auch noch dazu äußern, was kann ich noch sinnvoll ergänzen? Vielleicht etwas Erstaunliches oder eine Binsenweisheit oder eine revolutionäre, philosophische Erkenntnis oder etwas sehr Unterhaltsames. Glauben Sie, dass es sich lohnt, weiter zu lesen? Wenn nur Quatsch kommt, dann verschwenden Sie Ihre Zeit. Vielleicht ärgern Sie sich sogar über das Folgende. Wenn Sie hier aufhören, verpassen Sie aber vielleicht was und das Lesen bis hier her wäre auch umsonst gewesen. Ich befürchte, Sie müssen hier und jetzt eine Entscheidung treffen und das dummerweise vor einer ungewissen Faktenlage. Wie trifft man da die richtige Entscheidung?

Der Auslöser für meine Überlegungen zum Thema Entscheidungen war wieder einmal ein zeitlich gedrängtes Zusammentreffen von singulär betrachtet unauffälligen Ereignissen, die in der Verbindung plötzlich einen gewisse Relevanz bekommen.

1. Habe ich in der Süddeutschen einen Artikel über das Bauchgefühl gelesen. Gefühlt ist das das tausendste (tatsächlich aber das ca. zehnte) Plädoyer für die Vorzüge der Entscheidungen aus dem Bauch raus, die den rein rationalen Kopfentscheidungen angeblich (teilweise oder generell) überlegen sind. Jeder dieser Beiträge unterfüttert seine Aussage mit irgendwelchen wissenschaftlichen Ergebnissen und persönlichen Erfahrungen, die die Vorzüge der Bauchentscheidungen belegen sollen, allen gemeinsam ist eine „Kritik der reinen Vernunft“, das ist im SZ-Artikel nicht anders, anerkennen muss ich in diesem Fall, dass den zahlreichen positiven zumindest ein negatives Beispiel für diese emotionell geprägte Art der Entscheidungsfindung entgegengestellt wird.

2. Habe ich Trevor Noahs Buch Farbenblind gelesen. Noah ist mittlerweile der Moderator der hochgeschätzten amerikanischen Satiresendung The Daily Show, geboren und aufgewachsen ist er in armen und in mancher Hinsicht schwierigen Verhältnissen in Südafrika, davon handelt seine tragisch-komische (und zudem sehr aufschlussreiche) Teil-Biographie. In einer Episode wird der etwa 25jährige, noch kaum erfolgreiche Noah ins Krankenhaus gerufen, da seiner geliebten Mutter in den Kopf geschossen wurde. Noch bevor die Behandlung beginnt, stellt sich heraus, dass seine Mutter keine Krankenversicherung hat (sie hatte sie kurz vorher gekündigt), worauf eine Krankenschwester zu Noah kommt und die Frage nach der Kostenübernahme bzw. alternativ der sofortigen Verlegung in ein anderes, öffentliches Krankenhaus stellt. Noah zückt reflexhaft seine Kreditkarte, worauf ihn die Krankschwester (aus Erfahrung) darauf hinweist, dass seine gut gemeinte Kostenübernahme fatale Folgen für ihn haben kann. Die Behandlung eines Kopfschusses (incl. Intensivstation) kann derartige Kosten verursachen, dass Noah bis an sein Lebensende hoch verschuldet wäre (seine spätere Karriere war da noch nicht absehbar) und das bei ungewissen Heilungsaussichten seiner Mutter. Eindrücklich schildert Noah, welche Überlegungen ihn in diesem hochdramatischen Moment durch den Kopf gingen und wie er eine Entscheidung mit vielen Unbekannten und einigen katastrophalen Optionen treffen musste (wie die Sache ausging, müssen Sie selber nachlesen). Wenn man eine solche (reale) Geschichte liest, wirkt es schon ein wenig lächerlich und abgehoben, dass sich Philosophen moralische Gedankenspiele wie z.B. das sog. Trolley-Problem ausdenken.

3. Stecke ich mitten in einem hochkomplexen Entscheidungsprozess. Wo mehrere (mehrere beginnt bei ca. zwei) Menschen an einer Sache zusammenarbeiten, gibt es immer auch Unstimmigkeiten über den weiteren Verlauf und die Umsetzung. An der mich betreffenden Sache sind drei Dutzend Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen und Motivationen beteiligt, die zu treffende Entscheidung hat tiefgreifende Auswirkungen, die zur Auswahl stehenden Optionen sind äußerst komplex und mit zahlreichen Unbekannten durchzogen.

Wie trifft man nun die richtige Entscheidung? Aus dem Bauch? Aus dem Kopf? Durch Analyse der Fakten? Das sind durchaus berechtigte Fragen, die leider alle auf falschen Prämissen aufbauen.
So ist schon mal der angenommene Kopf-Bauch-Dualismus falsch. Man kann darüber streiten, ob es wirklich rein emotionelle (Sie lassen sich im Liebesrausch „Yvonne“ oder „Erich“ auf die Stirn tätowieren) oder rein rationale (Sie nehmen leidenschaftslos eines von zwei Gläsern von einen Tablett) Entscheidungen gibt, die überwältigende Masse (über 90 Prozent) der Entscheidungen ist auf jeden Fall eine Mischung aus beiden. Dass uns die einen eher kopf- und die anderen eher bauchgesteuert vorkommen, liegt schlicht daran, wie unser Gehirn die jeweilige Entscheidung „anmalt“, wobei es abhängig vom Ausgang der Entscheidung (sie stellt sich als richtig oder falsch heraus) passieren kann, dass das Gehirn noch einmal umlackiert.

Ebenfalls falsch ist in vielen (vermutlich sogar den meisten) Fällen die Vorstellung, man könne die richtige Entscheidung „ausrechnen“. Da werden Daten und Informationen gesammelt, Wahrscheinlichkeiten abgewägt, Möglichkeiten in Betracht gezogen, am Schluss alles aufaddiert und schon steht die richtige Entscheidung fest. Klingt vernünftig, hat aber keine Erfolgsgarantie weil:

1. Die korrekte Bewertung von Wahrscheinlichkeiten eine fürchterlich komplizierte Sache sein kann, wer das nicht glaubt, lese z.B. das Buch Das Ziegenproblem von Gero von Randow (das Problem finden Sie auch im Netz), in dem es um eine scheinbar simple Entscheidung wie die, zwischen drei Türen einer Gameshow zu entschieden, geht.

2. Selbst wenn Sie es schaffen, eine korrekte Wahrscheinlichkeit auszurechen, ist nicht klar, was die „richtige“ Entscheidung ist. Sie errechnen etwa korrekt, dass eine Geldanlage mit 90prozentiger Wahrscheinlichkeit einen großen Verlust und zu 10 Prozent einen großen Gewinn bringen wird. Ist die Entscheidung gegen die Anlageform richtig, weil die Wahrscheinlichkeit dagegen spricht? Was, wenn Sie entgegen der Wahrscheinlichkeit die Anlage wagen und viel Geld gewinnen? War die Entscheidung dann richtig?

3. Ein großes Problem von Entscheidungen ist, dass sie meistens die Zukunft betreffen und die ist leider immer noch sehr schwer vorhersagbar. Sicher, einige Entscheidungen haben eine zwingende Kausalität, viele (vermutlich sogar die meisten) beinhalten aber zukünftige Faktoren, die man verlässlich nicht vorhersagen kann. Ohne diese Faktoren zu kennen, lassen sich die ohnehin schwer zu errechnenden Konsequenzen (siehe Punkt 1) noch weniger abschätzen, was manche Entscheider ist große Not stürzt. „Wie soll ich diese Entscheidung treffen, wenn ich nicht weiß ob…“, ist diesbezüglich ein gerne gehörter Satz, der auch nur so lange vernünftig klingt, bis dieselben Menschen mit großer Selbstverständlichkeit Entscheidungen treffen, die noch viel mehr Unwägbarkeiten besitzen (z.B. einen Menschen zu heiraten oder Kinder zu kriegen).

4. Entscheidungen sind komplexer als man gemeinhin annimmt. Das hat nicht nur etwas mit mathematischen Wahrscheinlichkeiten gemäß Punkt 1 zu tun, sondern auch mit der (oft übersehenen) Fülle von möglichen Einflüssen. Sie wollen Milch kaufen, im Supermarkt stehen Sie vor dem Regal, da gibt es (in unterschiedlicher Kombination) billige, teure, regionale, konventionelle, bio, traditionell hergestellte, länger haltbare, haltbare, No-name bzw. Handelsmarke, bekannter Großproduzent, bekannter Qualitätsproduzent, viel Fett, wenig Fett, laktosefreie, Reis- oder Sojamilch, 0,5 Liter, 1 Liter, Glasfalschen, Tetrapack. Welche Milch kaufen Sie? Wozu brauchen Sie die Milch (für die Katze, täglich einen Schluck in den Kaffee, zum Kuchenbacken, etc.)? Haben Sie kürzlich etwas über die Milchproduktion oder den Milchpreis oder gar die mögliche Schädlichkeit von Milch gesehen oder gelesen? Haben Sie Werbung für Milch gesehen? Was lösen Worte wie Almwiesen– oder Bergbauernmilch bei Ihnen aus? Müssen oder wollen Sie beim Einkauf auf jeden Cent schauen? Was ist hier die richtige Entscheidung? Und das ist nur der Milchkauf. Wie geht man da erst mir komplexeren und bedeutungsschwereren Entscheidungen um?

Die (für Sie vielleicht unangenehme) Wahrheit ist, dass wir fast alle unsere Entscheidungen in einer stetig wechselnden Mischung aus Emotionen, rationellen Überlegungen, Pi mal Daumen-Kalkulationen, Gewohnheiten und Verhaltensmustern, unterbewussten Einflüssen und körperlicher Befindlichkeit treffen. Das glauben Sie nicht? Dann beobachten Sie sich bitte ganz genau dabei, wie Sie darüber entscheiden, ob das, was sie gerade gelesen haben,
A) vollkommener Unsinn
B) in Ansätzen richtige Überlegungen
C) profunde Erkenntnisse und Einsichten
sind.

Ich entschuldige mich bereits jetzt dafür, wenn Sie in Zukunft vor dem Kühlregal mit Milchprodukten möglicherweise etwas länger verharren werden.


Schubladenangst

Horror!

Vor ein paar Tagen habe ich Radio gehört, der Moderator berichtet von einer neuen, aufstrebenden Band, deren Musik von anderen Musikmedienvertretern „schon mal als Mischung aus Punk, Country und Goth beschrieben wurde“. Geradezu unausweichlich ist angesichts einer solchen Aussage die Frage an die Band, „was sie selber von solchen Genres hält“ und noch bevor die erste Sekunde des vorab aufgezeichneten und nun eingespielten O-Tons eines Bandmitgliedes erklingt, weiß ich, wie der Kommentar ausfallen wird. Ich weiß das nicht aufgrund hellseherischer Fähigkeiten, sondern weil die Antwort auf solche Fragen immer dieselbe ist. Die Antwort läuft immer darauf hinaus, dass diese Genre-Abgrenzungen grundsätzlich unsinnig und / oder dumm sind und dass die jeweilige Band sich schon überhaupt nicht diesen oder anderen Genres zurechnen lässt (weil sie so unglaublich vielfältig und einzigartig ist und weil sie sich dagegen verwehrt, in ein Schema gepresst zu werden). Immer wenn ich solche Aussagen höre, habe ich den Eindruck, dass sich Musiker und andere Künstler weniger vor Erfolglosigkeit und Armut, Ablehnung, Repressalien oder kreativer Blockade, als davor „in eine Schublade gesteckt zu werden“ fürchten.

Journalist: „Machen Sie E- oder U-Musik?“, „Sind Sie eher ein Theater- oder Filmschauspieler?“, „Man bezeichnet Ihre Bücher oft als Vorstadt-Krimis?!“
Künstler: „Ich mag solche Schubladen nicht. Sie treffen auf mich nicht zu. Man sollte dieses Schubladendenken abschaffen.“
Obwohl Künstler immer und immer wieder auf solche Fragen dieselben, ablehnenden Antworten geben, werden die Journalisten nicht müde, dieselben, kategorisierenden Fragen zu stellen, was man entweder auf Einfallslosigkeit („was soll ich sonst fragen?“), ein schlechtes Gedächtnis oder sadistische Boshaftigkeit zurückführen muss.

Die Angst vor der Schublade plagt aber nicht nur Künstler, auch in anderen Zusammenhängen wird ein eindeutiges „Schwarz-Weiß-Denken“ abgelehnt, manche wollen nicht in die Schublade Mann oder Frau, manche zweifelt vielleicht nicht an ihrer geschlechtlichen Identität, sträubt sich aber gegen ein Lable wie Karrierefrau, Naturfreunde lehnen Kategorien wie Schädling oder Unkraut ab, manche politisch Aktive lehnen Festlegungen auf links, rechts oder populistisch ab, Begriffe wie alt, schön, erfolgreich oder behindert stehen regelmäßig unter Schubladenverdacht.

Ich stehe der Schubladenverweigerung ambivalent gegenüber. Einerseits verstehe ich die Argumente der Verweigerer, das Leben ist nicht immer eindeutig, einfachen Wahrheiten misstraue ich grundsätzlich, zwischen Schwarz und Weiß ist oft viel Platz für Graustufen.
Andererseits ist die panische Angst vor Kategorien und Schubladen regelmäßig unsinnig bzw. unnötig. In vielen Bereichen brauchen wir diese eindeutigen Festlegungen. Vor Gericht wird keiner sagen „Ich mag diese starre Unterscheidung zwischen schuldig und unschuldig nicht“, wie so was aussehen würde, kann man in Kafkas Prozess beim Gespräch mit dem Maler Titorelli über scheinbare Freisprüche und Verschleppung nachlesen. Ob Sie einem Arzt vertrauen könnten, der die Schublade krank ablehnt, entscheiden Sie bitte selber. In der Wissenschaft werden Sie wenig Begeisterung auslösen, wenn Sie die Abschaffung der Kategorien falsch und richtig für Theorien und Beweise fordern. Was die Ablehnung von eindeutigen Wahrheits- und Realitätsbegriffen zur Folge hat, wird spätestens seit der Präsidentschaft von D.J. Trump heftig diskutiert.

Nun gibt es zugegebenermaßen Bereiche, in denen Eindeutigkeiten nicht so klar und nicht so notwendig sind, kann man nicht wenigstens da die einengende Kategorisiererei aufgeben? Theoretisch vielleicht, praktisch definitiv nein, da unser gesamtes Denken und Leben auf Kategorien und Schubladen aufbaut. Sie, ich, wir alle stecken ständig Menschen und Dinge in gedankliche Schubladen und erleichtern uns damit ungemein das Leben. Ja, die Grenzen solcher Kategorien sind nicht immer klar zu ziehen. Ja, wir machen Fehler bei der Kategorisierung. Ja, manche Sachverhalte sind komplexer als die gewählte, enge Schublade. Und trotzdem ist das Denken in Kategorien um ein vielfaches effektiver, als wenn wir versuchen würden, jede Situation, jede Person, jeden Gegenstand in seiner / ihrer vollen Komplexität und Vielschichtigkeit zu erfassen.

Wer sich vehement gegen die eigene Kategorisierung wehrt, hat üblicherweise zwei Motivationen. Entweder der Kampf gegen eine (vermeintlich) falsche bzw. (vermeintlich) negative Schublade oder der Wunsch anders zu sein, als man wahrgenommen wird.
Die erste Motivation ist verständlich und zulässig. Die Band, die ausgerechnet mit ihrer einzigen Ballade bekannt geworden ist, sonst aber harten Rock macht, wird sich zu Recht gegen die Schublade Kuschelrocker wehren. Wem als Schauspieler die Begriffe Seriendarsteller oder Volksschauspieler abwertend erscheinen, wird etwas gegen eine derartige Titulierung haben. Wer für linke Ideale eintritt, wird sich ungerne als Faschist bezeichnen lassen. Das Problem ist hier nicht die Kategorisierung als solche, sondern ihre falsche Anwendung.

Die zweite Motivation ist bis zu einen gewissen Grad auch verständlich, in der Praxis ist sie aber problematischer, denn dabei geht es nicht darum, der Wahrheit sondern der hochpersönlichen Selbstwahrnehmung (selbst)gerecht zu werden. Wer träumt nicht davon, einzig- und großartig zu sein, wer will vor diesem Hintergrund akzeptieren, in eine allgemeine Kategorie (zu anderen) gesteckt zu werden? Sich gegen die eigene Kategorisierung zu wehren, mehr oder minder bewusst aber selber ständig Dinge und Leute in Schubladen zu stecken, ist in meinen Augen bigott.

Ich selber gehe weitgehend gelassen damit um, in Schubladen gesteckt zu werden. Irgendetwas an meinem Aussehen und Auftreten verleitet die Leute bei oberflächlichen Begegnungen dazu, mich regelmäßig in eine bestimmte (eher nicht schmeichelhafte) Schublade zu stecken. Wenn sie mich dann besser kennenlerne, sind viele erstaunt und erklären (mit leichtem Vorwurf in der Stimme!): „Ich dachte Sie sind ganz anders.“
„Bin ich auch“, denke ich mir in solchen Situationen dann immer in dem Bewusstsein, dass ich vermutlich gerade aus der einen falschen Schublade in eine andere falsche Schublade gesteckt wurde.

Die Musik zu diesem Blog-Eintrag ist die Band Goat Girl, die sie in einer (utopischen) schubladenfreien Welt im Plattenladen nicht mehr unter einer der unzähligen, verwirrende, zum Teil absurden Genre-Bezeichnungen, sondern unter der einzigen, universellen Kategorie „Einfach gute Musik“ suchen müssten.


Künstlerische Realitätsnachstellung

Realität und künstlerische Realität

In den letzten Wochen habe ich die Spielfilme The Disaster Artist und I, Tonya sowie den Fernsehzweiteiler Gladbeck gesehen. Das hat mir alles gut bis sehr gut (im Fall von Gladbeck  überraschend gut) gefallen, gemeinsam haben sie einen künstlerischen Aspekt, über den ich mir nicht ganz schlüssig bin. Alle drei Filme handeln von realen Ereignissen (das wäre noch nicht besonders, das ist bei unzähligen Filmen der Fall), zu allen drei Ereignissen gibt es bekanntes, z. T. ikonisches Bildmaterial (beim Disaster Artist den Spielfilm The Room, bei den beiden anderen mediale Berichterstattung und Interviews), alle drei Filme stellen dieses Bildmaterial szenenweise nach, jede diese Nachstellungen ist von erstaunlicher Ähnlichkeit. Einmal mehr bin ich mir nicht sicher, was ich von solchen perfekten Nachstellungen halten soll.

Das Phänomen, um das es hier geht, beschränkt sich nicht nur auf Fälle wie die vorstehenden, typisch hierfür ist im Kino etwa die Darstellung einer realen (in der Regel berühmten) Person, aktuelles Kinobeispiel (abgesehen von den genannten) ist Gary Oldman als Winston Churchill. Solche Imitationen bzw. Verkörperungen finden regelmäßig großen Anklang, die Schauspieler werden dafür gelobt, wie perfekt sie in eine andere Person geschlüpft sind, oft genug werden gerade solche Darstellungen mit einem Preis bedacht. Ich will derartige Leistungen nicht abwerten, aber hartnäckig beschleichen mich Zweifel darüber, wie große die „Kunst“ dahinter wirklich ist. Ist es für einen Schauspieler leichter oder schwerer eine bestehende Figur nachzumachen, anstatt einen fiktiven Charakter zu erschaffen? Neigen wir bei der kritischen Beurteilung dazu, eine präzise Nachstellung positiv überzubewerten, weil sich das menschliche Gehirn immer freut, wenn es ein ihm bekanntes Muster (Bilder, Töne, Handlungen, etc.) mit einer neuen Erfahrung in Deckung bzw. Einklang bringen kann (einen ähnlichen Effekt vermute ich schon lange bei der Popularität von Coverversionen)? Ist die detailgetreue Nachmachung nicht mehr eine Frage der Technik bzw. des „Kunsthandwerkes“, als die der Kreativität und „echten Kunst“?

Wie ist es diesbezüglich bei anderen Künsten (wobei ich einmal ausdrücklich feststellen muss, dass die Künste keineswegs vergleichbar sind, also Phänomene, Effekte und Mechanismen, die etwa in der Musik gelten, keineswegs 1 zu 1 auch auf die Literatur oder das Kino anzuwenden sind)? Da gibt es in der Malerei z.B. den Fotorealismus oder den Effekt des Trompe-l’œil. In der Musik gibt es Coverbands, die die Songs ihrer Vorbilder perfekt nachspielen. In fast allen Kunstarten gibt es die mehr oder minder offenen und damit mehr oder minder zulässigen Imitatoren, Nachahmer, Nachsteller und Fälscher, die einzelne Werke oder den Stil eines anderen Künstlers kopieren. Wie bewertet man diese Leistungen?

Will ja keiner bestreiten, dass zu all dem großes (technisches) Können notwendig ist aber ist das auch kreativ? Kann reines Kopieren Kunst sein oder ist dazu immer auch eine gewisse Interpretation bzw. Innovation notwendig? Wenn alle Geiger das Violinkonzert von Brahms immer so spielen wie David Oistrach, wäre das nicht langweilig? Andererseits, wenn einer genauso eigenwillig Klavierspielen könnte wie der verstorbene Glenn Gould, wäre es dann nicht spannend, neue Interpretationen und Live-Konzerte von ihm zu hören? Ist der Fälscher Beltracchi nun ein Genie oder ein Scharlatan? Wenn Beltracchi das Bild eines großen Künstlers perfekt kopiert, gehört er dann nicht zwangsläufig zur Kunstrichtung des Fotorealismus? Wenn jemand als Promi-Double sein Geld verdient, ist seine Leistung dann ähnlich zu bewerten wie die von Oscar-Preisträgern? Ist die Psycho-Kopie von Gus van Sant ein guter Film?

Wenn Spielfilme bestehendes Bildmaterial nachstellen (s.o.), hat das dann einen künstlerischen Wert oder sind solche Szenen mehr als Teil des „Dekors“, wie passende Kleider, Ausstattung und Frisuren zu verstehen? Verleiten diese präzisen Nachinszenierungen den Zuschauer nicht zu der (in der Regel irrigen!!!) Annahme, der Rest des Films sei genauso präzise den echten Ereignissen nachgestellt? Ist das Vorführen von originalem Bildmaterial im Abspann nicht eine aufdringliche Protzerei, die zu sagen scheint: „Schaut mal wie perfekt wir das hinbekommen haben“? Wer hat noch nie im Internet nach Bildern der realen Menschen gesucht, die in einem Film oder Buch (egal ob präzise oder sehr frei) portraitiert wurden? Warum verleiht der Stempel „Basierend auf einer wahren Geschichte / echten Menschen“ einer Geschichte solch besondere Würze? Wäre ein Film wie I, Tonya irgendwie schlechter, wenn man seine Story komplett erfunden hätte? Schauen Sie sich nach I, Tonya den thematisch und auch anderweitig verwandten Film To Die For von Gus van Sant an und fragen sie sich, ob er besser wäre, wenn er auf konkreten Ereignissen (und nicht nur auf der Realität) beruhen würde.

Als Musik zu diesem Blog-Eintrag empfehle ich die Band IntroducingLive, die ausgesprochen digitale Musik von DJ Shadow, Mr.Scruff und Daft Punk mit „richtigen“ Instrumenten virtuos nachspielt.
Einen anderen Kopieransatz verfolgt die Band Greta Van Fleet, die spielt ihre eigenen Songs, klingt dabei aber exakt wie Led Zeppelin, man höre hierzu etwa den Safari Song.

Keine Kopie sondern zu 100 Prozent originär (wäre das nicht ein guter Werbeaufkleber für Musik? So wie Lebensmittel damit werben, zu 100 Prozent aus frischem Obst oder Bergbauernmilch oder was auch immer hergestellt zu sein, könnte man auch damit werben, dass ein Song ohne Samples, Zitate oder sonstige „Zusatzstoffe“ auskommt und zu 100 Prozent frisch erfunden wurde) ist der Song Tonya Harding von Sufjan Stevens, den ich ergänzend empfehlen möchte. Dass dieser eigentlich naheliegende Song keine Verwendung im Soundtrack des oben genannten Films gefunden hat, mag mit einem stimmungsmäßigen Mismatch zu tun haben. Während I, Tonya die Geschichte der Eiskunstläuferin mit sarkastisch lautem Humor nachzeichnet, be- bzw. vertont Stevens die tragisch melancholische Seite dieses Lebens.


Das reine Lachen

To fail or not to fail

In meinem Blog-Eintrag zur Tante Jolesch habe ich bereits auf die Komplexität des Lachens hingewiesen, ein dort nicht erwähnter Aspekt ist seine Fähigkeit zur Ansteckung. Manchmal reicht es andere Lachen zu sehen oder zu hören und schon lacht man mit, auch ohne einen lustigen Sachverhalt. Dieses Prinzip haben sich die Hersteller von Lachsäcken gleichermaßen zu Nutzen gemacht wie die Produzenten von humoristischen Fernsehshows, die entweder vor einem lachenden Publikum aufgezeichnet werden oder die Zuschauer durch sog. (canned) laugh tracks ersetzten (eine bis heute umstrittene Praxis). Bei mir funktioniert dieses mediale Mittlachen nicht besonders. Canned laughter empfinde ich eher als störend, selbst das originale Lachen etwa bei einem übertragenen Kabarettprogramm reißt bzw. reizt mich selten mit, mir kommt es meist zu gezwungen, zu bemüht, zu rational („der Komiker macht eine Lach-Pause, andere lachen, also wird es wohl lustig gewesen sein, besser ich lache auch“) vor. Echtes, ungekünsteltes, ansteckendes Lachen fand ich in den Medien somit selten, umso erfreulicher, dass ich es nun, an einer unerwarteten Stelle, regelmäßig erlebe.

Eine „Errungenschaft“ der von mir kürzlich verabschiedeten VHS-Video-Kultur waren Fernsehsendungen mit den „lustigsten Heimvideos“, die privat aufgezeichnete Pannen präsentierten. Dieses Fernsehformat hat mich bestenfalls in der Anfangszeit (früher war selbst ich für den Reiz des Neuen empfänglich) halbwegs interessiert, schnell wurde ich ihm überdrüssig, was mehrere Gründe hatte. Die Stimmung dieser Sendungen war betulich (bloß nicht zu schadenfroh, bloß nicht zu heftig, bloß niemanden in irgendeiner Weise verletzen), die Filmchen waren nicht besonders lustig, um das zu kompensieren hat man versucht sie aufzupeppen, indem es „lustige“ An- und Abmoderationen gab, sie mit comic-hafter Musik und Sounds (Kolbenflöten im Dauereinsatz) unterlegt wurden und in der extremsten Version erhielten sie zudem einen antiquiert-doofen Off-Kommentar mit einer fiktiven Hintergrundgeschichte („Herr Müller aus Wanne-Eickel hatte morgens vergessen, seine Hose ausreichend abzusichern“).

Für mich war das dermaßen unlustig und belanglos, dass ich dauerhaft das Interesse an diesen Pannen-Filmen verlor und somit auch lange Zeit ignorierte, dass im Internet dieses Genre zu ungeahnter Größe heranwuchs. Mit den sog. Fail Videos entstand eines der größten Länder in der youtube-Welt, unzählige Kompilationen fassen die entsprechenden Beiträge zusammen, mal thematisch (sport fail, gun fail, animal fail, etc.), mal „qualitativ“ (best, funniest und die Krönung epic fails), mal offen willkürlich. All das habe ich aus den oben genannten Gründen lange Zeit verweigert, ich vermutete dahinter die digitale Version der öden Pannenshows. Irgendwann habe ich mir dann doch eine dieser Kompilationen angeschaut und musste zu meinem eigenen Erstaunen mehrmals laut lachen.

Nach diversen Sichtungen zeichnete dabei sich folgende Verteilung ab. Ungefähr ein Drittel der Clips hat das (geringe) Niveau der oben genannten Heimvideos. Ein weiteres Drittel ist per se nicht lustig (nicht jede Panne, nicht jedes fail reizt zum Lachen, manche lösen eher Verwunderung, Kopfschütteln, Voyeurismus oder auch gar keine Emotion aus). Das letzte Drittel dagegen verursachte mir ein herzhaftes Lachen, was verschiedene Gründe hat.
So findet sich darin physical comedy und slapstick in seiner reinsten, ursprünglichen Form. Ohne ein komödiantisches Genie im Hintergrund bringt hier der Zufall das perfekte Timing und eine passgenaue Dramaturgie zusammen, weshalb ohne ausdrückliche Inszenierung mustergültige, möglicherweise prototypische Komödie entsteht. Wer will, kann darin einen Teil-Beweis des Infinite-Monkey-Theorems (wonach ein Affe, der unendlich lange zufällig auf einer Schreibmaschine tippt, irgendwann auch Shakespears Werk verfassen wird) sehen. Wenn täglich Abermillionen Kameras Abermillionen Menschen Filmen, muss irgendwann auch etwas sehr Lustiges dabei sein.

Zusätzlich lustig wird es für mich aber durch die entsprechende Tonspur, denn dort findet sich erfreulich oft (sofern nicht irgendwelche Musik darüber gelegt wird) das echte, reflexhafte, haltlose und wahnsinnig ansteckende Lachen der Beobachter. Hier hält keiner ein Schild mit der Aufschrift „Lachen Sie jetzt!“ hoch, hier lacht niemand, weil es die Konvention erfordert. Hier lachen die Menschen, weil sie nicht anders können, worauf ich meinerseits (vor allem in Kombination mit der dargestellten Situation) nicht anders kann, als mitzulachen. Offensichtlich ist mein diesbezügliches Verhalten aber nicht repräsentativ.

Seit ca. zwei Jahren setzt das Fernsehen ganz massiv darauf, vom Erfolg der Fail Videos (wie auch vom Erfolg anderer Internetinhalte) zu profitieren. Das alte Pannenshow-Image wird abgestaubt, lackiert und mit digitalem Flair dekoriert, manche Sender gehen noch weiter und machen gleich ein „krasses“ Format daraus und schon laufen auf allen Kanälen statt lustiger Heimvideos nun eben epic fails. Wovon das Fernsehen dummerweise nicht lassen kann, ist die „Aufbesserung“ der Clips, also wieder launige Moderationen, wieder Comic-Sounds, wieder eingesprochene Kommentare, die das originale Lachen der Beobachter überdecken. Es ist wie mit einem Bäcker, der nicht glauben will, dass ein einfacher Obstkuchen gut schmecken kann, weshalb er immer einen dicken Zuckerguss darüber kippen muss. Ist mir letztlich egal, soll das Fernsehen machen was es will, schaue ich die Clips halt weiter im Internet.

Dieser Blog-Eintrag ist auch eine günstige Gelegenheit, um über ein ganz besonderes, leicht verpöntes kulturelles Phänomen zu sprechen, nämlich den Schlag bzw. Treffer in den männlichen Schritt, der im englischen umgangssprachlich als nut shot bezeichnet wird. Nut shots sind ein wichtiger Teil der fail-Kultur und bringen in den entsprechenden Videos regelmäßig die Beobachter zum Lachen was nicht ohne Wirkung auf mich bleibt. Das Thema mag profan und niveaulos erscheinen, ist bei eingehender Betrachtung aber höchst vielfältig und komplex. Warum finden wir gerade einen Schlag in diese Körperregion so lustig (ein vergleichbarer Treffer auf den Hintern oder die Schulter wäre nicht halb so lustig)? Warum finden vor allem Männer das so lustig, wo doch sie am besten wissen, wie schmerzhaft dies ist? Apropos Männer, Frauen und Gender: Finden Frauen das weniger lustig und wenn ja warum (vgl. hierzu die South Park Folge Queeft los)? Hat es tatsächlich etwas mit dem eigenen Niveau und Intellekt zu tun, ob man einen nut shot als lustig empfindet? Ist der komische Charakter solcher Szenen sozio-kulturell geprägt oder angeboren? Werden nut shots weltweit als komisch empfunden? Woher kommt die vor allem in den USA unter manchen jungen Männern verbreitete Eigenheit, sich als „prank“ einen nut shot zu verpassen? Woher kommt die ebenfalls dort beheimatete Eigenheit, nut shots als Mutproben bzw. Stunts a la Jackass zu praktizieren und dabei immer noch absurdere, extremere Versuchsanordnungen zu entwerfen? Warum finde ich diese inszenierten nut shots überhaupt nicht lustig und kann nur bei echten, bei denen das Opfer überrascht wird, herzhaft lachen?

Nicht zu vergessen, dass nut shots eine mediale Geschichte auch außerhalb des Internets haben. Im Netz finden sich z.B. Kompilationen mit den „besten“ nut shots in Spielfilmen, im Fernsehen sind sie ebenfalls regelmäßig zu finden, hier vier schöne Beispiele aus meinen bevorzugten Cartoon-Serien:
American Dad, Szene „Nut Punch!“, South Park, Szene “Butters punches his dad in the nuts”, die Simpsons-Folge Springfield Film-Festival (mit dem vielschichtigen Witz: Oscar für George C. Scott im Film “Man getting hit by a football”) und Family Guy, Szene “Peter Griffin hit in the crotch with a bag of nickels”, das mich ausnahmslos bei jedem Ansehen zum Lachen bringt.


Die Sisyphos-Debatte konkret

In meinem Blog-Eintrag Die Sisyphos-Debatte habe ich mir Gedanken über die Eigenheiten und die absehbare Vergeblichkeit der momentan (wieder einmal) mäandernden Belästigungs-Sexismus-Debatte gemacht. Zu diesem Text gibt es (von meiner Seiten) nichts zu ergänzen, da mir nun aber ein in vielerlei Hinsicht mustergültiges Beispiel meiner Ausführungen untergekommen ist, möchte ich es als Ergänzung und zur Verdeutlichung hier präsentieren.

Ich lese die Zeitschrift Unfallversicherung aktuell, diese wird von der kommunalen und der staatlichen Unfallversicherung herausgegeben und beschäftigt sich mit so schillernden Themen wie Arbeitssicherheit, Unfallvermeidung, Versicherungsschutz in Beruf und Schule, etc. Ich lese diese Zeitschrift zu einem kleinen Teil um mich zu informieren, hauptsächlich aber um mich zu gruseln und mich darüber zu wundern, welche Blüten der Sicherheitswahn noch treibt, regelmäßig liefert sie mir Stoff für diesen Blog (siehe etwa hier oder hier). In der Ausgabe 1/2018 fand ich darin einen Beitrag mit der Überschrift Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz – auch im öffentlichen Dienst ein Thema (da frage ich mich automatisch, wozu der Nachsatz gut ist. Behauptet irgendjemand, dass das im öffentlichen Dienst kein Thema ist?), was im ersten Moment verwundert, denn was hat sexuelle Belästigung mit Arbeitsschutz und Unfallvermeidung zu tun? Gar nichts, aber das spielt keine Rolle, denn wie ich im Eintrag Die Sisyphos-Debatte erklärt habe, erreicht die Sexismus-Debatte irgendwann einen derartigen Grad von Hysterie, dass man sich ihr kaum mehr entziehen kann bzw. man sich nicht traut, sich ihr zu entziehen, da man den Vorwurf des Ignorierens, Verharmlosens oder schlimmstenfalls Gutheißens riskiert bzw. befürchtet. So kommt es, dass selbst die, die eigentlich gar nichts damit zu tun haben (etwa als Unfallversicherer) etwas dazu sagen wollen / müssen. Ganz unbegründet wollte die Zeitschrift das eigentlich sachfremde Thema nicht behandeln, darum der einleitende Hinweis, dass man als Sicherheitsbeauftragter (die die typischen Leser sind) einen engen Kontakt zu den Mitarbeitern hat und so „womöglich früher als andere Kollegen [erkennt] wenn etwas nicht in Ordnung ist“.

Im Weiteren bezieht sich der Artikel auf eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS), die unter anderem aufzeigt, dass in Deutschland mehr als die Hälfte der Beschäftigten schon einmal „sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz erlebt oder beobachtet hat“. Später wird es noch konkreter, denn „(…) so gaben 49 Prozent der Frauen und 56 Prozent der Männer an, solche Übergriffe bereits erlebt zu haben. Sowohl Frauen als auch Männer sagten am häufigsten, von Männern belästigt worden zu sein.“ Da habe ich nicht schlecht gestaunt, als ich diese Zahlen (die nicht weiter differenziert wurden) las, ist es also Zeit für #mentoo? Solche Zahlen und diese Art der Präsentation sind bestens geeignet, die Sexismus-Debatte auf die nächste Eskalationsstufe zu heben. Männer erleben häufiger sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz als Frauen und die geht dann auch noch überwiegend von anderen (heterosexuellen? homosexuellen?) Männern aus; also wenn das nicht Stoff für eine polemisch geführte Diskussion ist.

Mit statistischen Angaben muss man immer aufpassen (siehe hierzu diesen Blog-Eintrag), deshalb habe ich mir sicherheitshalber die Studie der ADS, auf die sich bezogen wurde, angeschaut (ist im Internet frei verfügbar). Obwohl sich die Studie um Transparenz, Sachlichkeit und Professionalität bemüht, entkommt auch sie nicht der verwirrenden Uneindeutigkeit, die die Diskussionen zum Thema Sexismus regelmäßig zum Scheitern verurteilt.
Oben sehen Sie die originale Statistik und tatsächlich haben demnach mehr Männer als Frauen eine dem Gesetz nach verbotene Belästigung „erlebt“. Was im Artikel gefehlt hat, ist die zweite Statistik, wonach 17 % der Frauen und 7 % der Männer „nach eigenem Begriffsverständnis“ schon einmal sexuell belästigt wurden. Alleine diese Abgrenzung kann verwirren.
Und dann ist da noch die zitierte Statistik dazu, wer am häufigsten belästigt.

  

Demnach sind tatsächlich „am häufigsten“ Männer die Belästiger wobei es doch sehr erstaunliche Unterschiede darin gibt, ob ein Mann oder eine Frau eine Belästigung beobachtet oder erlebt. Sicher ist bei all dem nur eines, nämlich dass damit kein Klarheit geschaffen wird. Alleine in vier kleinen Statistiken vermischen sich gesetzlich definierte bzw. nach eigenem Begriffsverständnis erlebte bzw. beobachtete Belästigungen zu einem diffusen Ganzen, das sich mit den zugehörigen Zahlen in viele verschiedene Richtungen deuten lässt, was eine perfekte Grundlage für einen ergebnislosen Streit bietet.

Wenn ich in anderen Zusammenhängen vor einer unklaren, verwirrenden Faktenlage stehe, dann informiere ich mich weiter, oft hilft das. Am Ende des auslösenden Artikels stand passenderweise der Verweis auf den Blog der Unfallversicherung, dort gab es einen weiteren Text zum Thema Belästigung und Arbeit.
Eine Mitarbeiterin der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) liefert als Gastautorin unter der markanten Überschrift Frauen am Arbeitsplatz weitere Fakten. Demnach hat die FRA 2012 eine europaweitere Umfrage zum Thema Gewalt gegen Frauen durchgeführt, 42.000 Frauen nahmen daran teil, das wichtigste Ergebnis war, „dass ein Drittel der Frauen in der EU physische und / oder sexuelle Gewalt erlebt haben, wobei in einigen Ländern der prozentuale Anteil noch wesentlicher höher ist.“ (Hinweis zu den Gefahren der manipulativen Statistikanwendung: Wenn der Mittelwert in Europa bei 33 % liegt, in einigen Ländern aber „wesentlich höher“ ist, dann darf man nicht vergessen bzw. verschweigen, dass er in anderen Ländern zwangsläufig wesentlich niedriger sein muss). Das ist eine traurige Zahl, aber was hat sie mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz zu tun (schließlich ist in der Zahl auch physische Gewalt im privaten Umfeld enthalten)?
Nach einem kurzen Exkurs zum Thema sexuelle Gewalt und Migranten kommt die Autorin darauf zu sprechen und erklärt, dass nach einer Umfrage der FRA die Wahrscheinlichkeit für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zunimmt, je höher der berufliche Status einer Frau ist, konkret schauen die Zahlen so aus: „75 Prozent der Frauen im Top-Management haben bereits sexuelle Belästigungen in ihrem Leben erfahren. Bei Frauen, die niemals berufstätig waren, liegt diese Zahl im Vergleich dazu nur bei 41 Prozent.“ Wenn erwerbslose Frauen das geringste Risiko einer sexuellen Belästigung (in ihrem Leben wohlgemerkt, nicht nur am Arbeitsplatz) haben, selbst diese Gruppe aber zu 41 % entsprechende Erfahrungen gemacht hat, dann muss in der Summe aller Frauen zwangsläufig 41 + x Prozent sexuelle Belästigung erlitten haben. Wie passt das aber zu den eingangs erwähnten 33 % (die eben auch physische, nicht sexuelle Gewalt enthält)? Wie das auch noch in Einklang mit den Zahlen der ADS zu bringen ist, fragen Sie mich bitte nicht.

Doch nicht nur die widersprüchlichen Zahlen sind in diesem Zusammenhang typisch, sondern auch die Themen- und Begriffsunschärfe. Mit fließenden Übergängen geht es um geschlechterübergreifende Belästigung am Arbeitsplatz, um Belästigung von Frauen am Arbeitsplatz, um Belästigung von Frauen generell, um (jede Form von Gewalt) gegen Frauen, um sexuelle Gewalt und Belästigung (wobei nicht klar ist, ob die Begriffe synonymisch verwendet werden), um ein Handlungsspektrum, das von Witzen mit sexuellem Bezug bis zur körperlichen Nötigung reicht, um legal definierte und persönlich empfundene Belästigung. Angesichts dieser Begriffsverwirrung wird aus der Sisyphos-Debatte schnell eine Babylon-Debatte.
Wenn aber zwei kleine Texte schon so viel Unklarheit auslösen, was soll dann erst dabei herauskommen, wenn Hunderte, Tausende, Millionen solcher Beiträge in einer riesigen, amorphen Diskussion verschmelzen?